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Aachen/Hamburg: „Die Syrer haben ihre Zukunft nicht in der Hand“

Aachen/Hamburg : „Die Syrer haben ihre Zukunft nicht in der Hand“

Was bis heute grausam und tödlich im syrischen Krieg zu sehen ist, hat 2011 mit einer friedlichen Revolution begonnen. Ahmad Alrifaee ist einer, der die Bürgerproteste in der Stadt Hama mit organisiert hat, bevor er als Reporter über die Anfänge des Krieges berichtete. Der heute 26-Jährige musste 2014 wie Millionen andere Syrer aus seiner Heimat flüchten — er kam nach Aachen.

Im Januar 2016 haben wir seine Geschichte in unserer Zeitung erzählt, später absolvierte er auch ein Praktikum beim Zeitungsverlag Aachen. Wie Ahmad Alrifaee die Lage heute bewertet, was aus seinem Leben und seinen Träumen geworden ist, darüber spricht er mit Carsten Rose im Interview.

Hätten Sie vor sieben Jahren gedacht, dass die von Ihnen mit ins Leben gerufene Revolution so endet?

Ahmad Alrifaee: Mein Vater hat damals zu mir gesagt: „Passt auf, ihr werdet irgendwann bombardiert.“ Ich habe ihm geantwortet: „Papa, es gibt Internet und die sozialen Medien. Jeder kann sehen, was passiert. Die restliche Welt lässt keinen Krieg zu.“

Würden Sie heute anders handeln?

Alrifaee: Ja. Bei einer heutigen Revolution wäre ich komplett gegen Waffen. Damals war ich der Meinung, dass sie als Schutz legitim wären. Wir waren schließlich Feinde des Regimes. Ich hätte nicht gedacht, dass es diese Ausmaße annimmt. Die Revolution ist nur noch im Herzen vieler Menschen, aber nicht mehr auf der Straße.

Haben Sie Hoffnung, dass der Krieg bald vorbei ist?

Alrifaee: Ohne Hoffnung würde ich zugrunde gehen. Aber: Meine Hoffnung, dass ich jemals nach Syrien zurück kehren werde, ist gesunken. Bleibt Assad an der Macht — und danach sieht es im Moment aus — kann ich nicht zurück. Ich möchte derzeit nur, dass die Zivilisten in Ruhe leben können.

Also ist auch Ihr Wunsch erloschen, als Journalist zurückzukehren und freie Medien zu etablieren.

Alrifaee: Es ist sehr kompliziert, und ich weiß nicht, ob ich es in Zukunft überhaupt könnte.

Wie bewerten Sie die aktuelle Lage in Syrien?

Alrifaee: Es gibt kaum noch Demokraten, die für die Freiheit kämpfen. Die Unterstützung fehlt. Es gibt keine Revolution mehr, kaum Gruppen, die daran glauben — dafür dauert der Krieg schon zu lange. Die Islamisten dagegen kennen keinen Ausweg, sie haben keine Heimat, in die sie zurückkehren können. Ihre einzige Chance ist der Kampf. Das unterstützt das Regime.

Inwiefern?

Alrifaee: In den Augen vieler Menschen ist Assad in der aktuellen Konstellation nicht mehr die schlechteste Alternative. Er ist säkular und hat keine Ideologie, die die Welt gefährdet. Er will nur Macht in seinem Land. Dass es jetzt so viele Terroristen gibt, haben viele Regierungen direkt oder indirekt beeinflusst.

Wie kann der Krieg beendet werden?

Alrifaee: Die Lösung kann nur von außen kommen. Assad ist eine Marionette von Putin. Schauen Sie sich die Bilder an, wie Putin Assad bei seinem Besuch behandelt hat: Genau so ist ein französischer General zur Kolonialzeit mit den syrischen Statthaltern umgegangen. Wenn Russland nicht eingegriffen hätte, wäre Assad nicht mehr da und die Situation eine andere. Erdogan, Putin, Rohani sprechen über die Zukunft Syriens. Das beschreibt die Situation am besten: Die Syrer haben ihre Zukunft nicht in der Hand.

Die AfD betreibt ganz offensichtlich Hetze gegen syrische Flüchtlinge. Was hätten Sie den Herren gesagt, wenn Sie sie in Syrien in einem Café getroffen hätten?

Alrifaee: Wenn sie Ost-Ghuta 24 Stunden überleben, hätte ich kein Problem damit, dass sie in Syrien sind.

Wie ist Ihr Leben hier in Deutschland?

Alrifaee: Ich bin nicht mehr der Flüchtling, sondern ein Geflüchteter. Das ist wichtig für mich. Ich bekomme keine staatliche Hilfe mehr, finanziere mich als freier Journalist, was hart ist. Ich lebe so, als würde ich für immer hier bleiben. Das habe ich auch meinem Vater gesagt, der noch in Aachen lebt: Ich beschäftige mich erst mit einer Rückkehr nach Syrien, wenn die Möglichkeit besteht. Ich habe viele Syrer beobachtet, deren Leben seit der Flucht aus Syrien auf der Stelle tritt. So möchte ich nicht leben.

Haben Sie noch die Festplatte, auf der Sie Fotos und Videos über das Grauen in Ihrer Heimat gespeichert haben?

Alrifaee: Ja. Ich denke oft daran, mir die Dateien wieder anzugucken, noch bin ich aber nicht in der Stimmung. Vielleicht stelle ich Bilder irgendwann einmal aus? Ich würde sie aber dann bearbeiten, Geschichten zeigen und nicht nur einzelne Situationen. Vielleicht mache ich daraus Karikaturen? Die Originale mag ich nicht mehr.

Könnten Sie sich eine Ausstellung in ihrer „alten Heimat“ Aachen vorstellen?

Alrifaee: Ja, wenn mich jemand deswegen anschreiben würde, würde ich die Festplatte direkt durchstöbern.