Aachen: Die Lynch-Mörder mussten sich nie verantworten

Aachen : Die Lynch-Mörder mussten sich nie verantworten

Bryan Stevenson (58) ist die treibende Kraft hinter dem Nationalen Denkmal für die Opfer der Lynchjustiz in Montgomery Alabama, das Ende April öffnete. Stevenson ist Gründer der Equal Justice Initiative, Bestseller-Autor und einer der profiliertesten Bürgerrechtler der USA. Unser Korrespondent Thomas Spang sprach mit ihm über den anhaltenden Kampf um Bürgerrechte in den USA 50 Jahre nach dem Mord an Martin Luther King.

Herr Stevenson, die Eröffnung des Nationalen Denkmals für die Opfer der Lynchmorde in den USA fällt in das Martin-Luther-King-Gedenkjahr. Wollen sie damit ein Zeichen setzen?

Stevenson: Es gibt keine Lynchmorde mehr, aber die Lynch-Mörder mussten sich nie verantworten. Wir haben die Bürgerrechts-Gesetze, die Wahlrechtsreform und andere Dinge durchgesetzt, aber der Süden hat niemals anerkannt, dass die Rassentrennung verkehrt war. Deshalb haben wir den knapp 4000 Opfern der Lynchmorde zwischen 1877 und 1950 ein Denkmal gesetzt.

Der Standort des Denkmals in Montgomery, Alabama provoziert, weil es ein Brücke zwischen dem Trump-Amerika, der Wirkstätte Martin-Luther-Kings und dem nicht aufgearbeiteten Erbe des Rassismus schlägt.

Stevenson: Wir müssen an den Narrativen arbeiten. Die Nordstaaten haben den Bürgerkrieg gewonnen, der Süden seine Interpretation. Die Verlierer sind niemals gezwungen worden, in den Spiegel zu schauen oder mussten von der Sklaverei oder der Idee der Überlegenheit der weißen Rasse abschwören.

Wäre eine Entschuldigung für die Sklaverei hilfreich?

Stevenson: Es fehlt das Bewusstsein darüber, dass alles, was wir über die Unterschiedlichkeit zwischen Schwarzen und Weißen gesagt haben, eine Lüge ist. Wir haben das niemals anerkannt oder darüber gesprochen. Deshalb denke ich, dass die Sklaverei nicht 1865 zu Ende ging, sondern sich weiter entwickelt hat. Daraus ging später der rassistische Terror der Gewalt und die Lynchmorde gegen Schwarze hervor.

Und wohl auch die sogenannten „Jim-Crow“-Gesetze, die im Süden die Diskriminierung durch die Hintertür quasi wieder eingeführt haben?

Stevenson: Richtig. Das alles trug zu einer der größten Fluchtbewegungen in der Geschichte bei. Die Schwarzen in Chicago, Cleveland, Detroit oder Los Angeles kamen anders als die Europäer nicht in diese Städte, um nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Sie liefen vor dem Terror im amerikanischen Süden davon. Die über Generationen verankerte Massenarmut in den Nachbarschaften dieser Großstädte ist eine Konsequenz daraus

Das klingt in den Festtagsreden am „Martin-Luther-King“-Tag aber oftmals anders.

Stevenson: Das Narrativ der Bürgerrechtsbewegung sieht nach drei Tagen Kampf aus. Am ersten Tag gab Rosa Parks in Montgomery ihren Sitz im Bus nicht auf. Am zweiten Tag führte Doktor King die Demonstration in Washington an. Und am dritten Tag haben wir dann alle Gesetze geändert und den Rassismus beendet. Tatsächlich aber bestehen die alten Narrative fort. Und das erklärt, warum Schwarze so heftig auf die Polizeigewalt reagieren. Sie stehen noch immer unter Generalverdacht, wegen ihrer Hautfarbe gefährlich und schuldig zu sein.

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann wäre es so, als ob die Deutschen den Opfern des Holocaust sagten, sie sollten doch endlich einmal fertig werden mit ihrer Geschichte.

Stevenson: In Deutschland fühlen sie sich als Reisender wohl, weil es keine Hitler-Statuen gibt oder Leute, die Symbole feiern, die für das Zeitalter des Massenmords stehen. Die Deutschen möchten auch nicht durch diese düstere Periode definiert werden. Sie versuchen, eine neue Identität anzunehmen. Bei uns werden dagegen die „guten alten Tage“ gefeiert, in denen Menschen versklavt wurden.

Wie nachhaltig sind die Errungenschaften Dr. Kings 50 Jahre nach seiner Ermordung in Memphis?

Stevenson: Der vorzeitigen Tod hat ohne jede Frage viele Dinge zerfallen lassen. Er hatte im Dezember 1967 damit begonnen, seine Kampagne für die Armen („Poor Peopole Campaign“) zu organisieren. Er predigte soziale Gerechtigkeit und sprach sich gegen den Vietnamkrieg aus. King hatte eine moralische Vision, die nicht nur an Afroamerikaner, sondern die ganze Nation gerichtet war. Sein tragischer Tod hat diese Kampagne gestoppt, weil es keine Infrastruktur gab, sie aufrecht zu erhalten.

Was bedeutet das für das ethnische Verhältnis in den USA heute?

Stevenson: Trotz der rechtlichen Erfolge hat es King zu seiner Lebenszeit nicht geschafft, das rassistische Erbe des Landes abzuschütteln. Wir haben Sklaverei, Lynchmorde und Genozid in unserer Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet. Deshalb belastet uns die ethnische Ungleichheit weiterhin. Es ist eine Art Smog, den wir alle einatmen. Deshalb glauben wir immer noch, dass schwarze und braune Menschen gefährlich und schuldig sind. Wir haben nach dem Bürgerkrieg Sklaverei und Zwangsarbeit abschafft, aber wir haben die dahinterstehende Ideologie nicht beseitigt.

Und die Praxis, wie sie in Ihrem Bestseller „Just Mercy“ in Bezug auf das Strafrechtssystem der USA so eindringlich dargestellt haben.

Stevenson: In den Gefängnissen der USA sitzen etwa 2,3 Millionen Menschen. Zehn Prozent davon sitzen aufgrund von Urteilen der Bundesgerichte. Das heißt, der Hauptfokus liegt auf den Bundesstaaten. Diese Arbeit geht unvermindert weiter. Und wir sehen Fortschritte.

Kritiker wie Michelle Alexander, aber auch sie selber, beobachten nach den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung, einen abermaligen Rückschlag, den sie als „Neue Jim Crow Ära“ bezeichnen. Was meinen Sie damit?

Stevenson: Nach einer Schätzung des Justizministeriums wird eines von drei schwarzen Babys, die heute in den USA zur Welt kommen, Zeit im Gefängnis verbringen. Das war nicht so, als ich geboren wurde. Und das gibt es in keinem anderen zivilisierten Land der Welt. Die Konsequenzen sind heute schon gravierend. Ein Viertel aller schwarzen Männer dürfen wegen ihrer Vorstrafe dauerhaft nicht wählen gehen. Wir haben Kinder, die in Nachbarschaften groß werden, in denen 80 Prozent im Gefängnis landen. Wenn sie die Polizeigewalt und die fortwirkenden Diskriminierungen nach Verbüßung von Strafen hinzu nehmen, können Sie die Konsequenzen erahnen. So entsteht eine dauerhafte Unterklasse.

Sehen sie darin Methode und Absicht oder bloß das unbeabsichtigte Ergebnis einer Entwicklung, die mit dem „Krieg gegen die Drogen“ in den späten 70er Jahren begann?

Stevenson: Beides. Für mich ist das nicht so entscheidend. Wenn eine Seuche ausbricht, bei der viele Leute sterben, müssen Sie diese stoppen. Natürlich ist es wichtig, die Ursachen zu kennen, um erfolgreich behandeln zu können. Letztlich liegt es in unserer Hand, diese Massen-Inhaftierungen zu beenden.

Als Martin Luther King erschossen wurde, war das Thema gar nicht so virulent. Wenn sie die Strafrechtsreform mit anderen Themen wie Armut oder Zugang zu Bildung und Gesundheit vergleichen, wo rangiert es heute?

Stevenson: Sie können die Strafrechtsreform nicht von diesen anderen Themen trennen. Es gibt heute 70 Millionen Amerikaner mit einem Strafregister. Das bedeutet. diese Menschen haben Probleme einen Job zu finden, einen Kredit zu bekommen oder wählen zu dürfen. Hinzu kommen sechs Millionen Menschen, die auf Bewährung entlassen wurden. Der Prozentsatz der Frauen im Gefängnis stieg im letzten Vierteljahrhundert um 664 Prozent. Mehr als zwei Drittel sind alleinerziehende Mütter. Das Leben deren Kinder wird ebenfalls gestört.

Die hohen Kosten der Gefängnis-Nation sollte eigentlich die fiskalkonservativen Gouverneure auf den Plan rufen. Das ist doch teuer, so viele Menschen wegzuschließen?

Stevenson: Sie können diese Tatsache für eine Weile verdrängen, aber ultimativ müssen sie sich damit auseinandersetzen. Wir haben 1980 sechs Milliarden Dollar für die Gefängnisse ausgegeben. Im vergangenen Jahr waren es schon 80 Milliarden Dollar. Das ist nicht nachhaltig.

Beobachten Sie mit dem Beginn der Ära Trump ein Wiederaufleben des Rassismus?

Stevenson: Ja, das ist eine politische Bewegung, die versucht die Zeit zurück zu drehen. Sie behauptet, es gebe keinen Grund sich über etwas in der Geschichte zu grämen. Lass bloß niemandem sagen, wir hätten etwas Falsches getan.

Hat der Präsident mit seinen Äußerungen zu den rechtsradikalen Fackelzügen von Charlottesville unbeabsichtigt eine Debatte ausgelöst, die auch eine Chance beinhaltet?

Stevenson: Es gibt die Möglichkeit, Menschen zu bewegen, ehrlicher über ihre Geschichte nachzudenken. Wir können neue Narrative schaffen, um die wir uns sammeln. Dazu soll das „National Memorial for Peace and Justice“ in Montgomery beitragen. Es gab weiße Amerikaner aus dem Süden, die die Sklaverei beenden wollten, die gegen die Lynchmorde waren und an Integration glauben. Die meisten Leuten wissen, wer das war. Wir sollten Schulen nach ihnen benennen. Wenn wir stattdessen unsere Identität darauf gründen, andere wegen ihrer Rasse zu versklaven oder dem Widerstand gegen Integration oder Toleranz oder rassistischen Terrorismus, dann haben wir eine Menge Arbeit vor uns.