Fortschritt bei der Geschlechtergleichheit: „Die Frauen sind viel zu geduldig“

Fortschritt bei der Geschlechtergleichheit : „Die Frauen sind viel zu geduldig“

Der Weltfrauentag ist ein symbolischer Tag. Solche Tage, sagt Monika Hauser, seien wichtig, um ein Thema regelmäßig auf den Tisch zu bringen.

Andererseits wünscht sie sich, dass das Frauenrecht präsenter ist und öfter diskutiert wird. Mit ihrer Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale mit Sitz in Köln ist Hauser weltweit für Frauen im Einsatz, die in Kriegsgebieten sexualisierte Gewalt erfahren haben. Im Gespräch mit Marie Eckert erzählt sie, was für sie echte Gleichstellung bedeutet und warum das Bewusstsein in der Gesellschaft schon fortschrittlicher war.

Was bedeutet Gleichberechtigung für Sie?

Monika Hauser: Ich rede lieber von Geschlechtergerechtigkeit. Echte Geschlechtergerechtigkeit, das ist unsere Vision. Das bedeutet, dass wir das Selbstbestimmungsrecht verwirklicht haben. Dass alle für ihre Arbeit das Gleiche verdienen. Dass wir sorgsam miteinander umgehen und Gewalt keinen Platz hat. Und dass die Frauenthemen nicht Frauenthemen sind, sondern Themen, die die ganze Gesellschaft betreffen und täglich in den Medien sind – Frauen sind die Hälfte der Gesellschaft. Geschlechtergerechtigkeit bedeutet, Zusammenhänge zu sehen, nicht, Themen isoliert zu betrachten. Da gehört die patriarchale Gesellschaftsstruktur genauso dazu wie Kriegstraumata, neoliberale Wirtschaftspolitik und sexuelle Ausbeutung durch die katholische Kirche.

Leben wir in Deutschland in einer Gesellschaft, in der Frauen gleichberechtigt sind?

Hauser: Am Ausmaß an sexualisierter Gewalt, das wir auch in Deutschland haben, können wir schon ablesen, dass das nicht der Fall ist. Sexualisierte Gewalt ist immer eines der Hauptsymptome einer patriarchalen Gesellschaft und wir wissen, dass jede dritte bis vierte Frau in Deutschland irgendwann im Laufe des Lebens sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht hat. Ein massives Problem hierzulande ist auch, dass Täter nur im einstelligen Bereich für Vergewaltigungen verurteilt werden. Das ist ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die sich hochentwickelt nennt. Dazu kommt: Wir haben nach wie vor eine Lücke beim Lohn, wir haben ein eklatantes Missverhältnis von Frauen und Männern, die Elternzeit nehmen. Wir haben immer noch den größten Teil Frauen, der in die „prestigearmen“ Berufe wie Pflege und Grundschullehre geht – mit entsprechend schlechter Bezahlung und der Gefahr von Altersarmut. Das alles sind Punkte, die eindeutig zeigen, dass wir auf dem Papier gut dastehen, aber noch genug zu tun haben. Echte Gleichberechtigung sieht anders aus.

Sie haben gerade gesagt, auf dem Papier sehen wir gut aus, aber an der Umsetzung hapert es. Dagegen steht die subjektive Wahrnehmung der Frauen: Viele in Deutschland würden wohl sagen, dass es mit der Geschlechtergleichheit ganz passabel steht. Brauchen wir noch mehr Gesetze?

Hauser: Gesetze haben wir mittlerweile genug, endlich auch die Reform des §177 zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Gleichberechtigung steht auch in der deutschen Verfassung. Wie sie auch in der afghanischen Verfassung steht, von der Umsetzung jedoch ist man da meilenweit entfernt. Ich warne allerdings davor, dass ein westlicher Industriestaat wie Deutschland arrogant auf solche Länder blickt. Dafür ist unsere eigene Problematik der Gewalt und sind die strukturellen Ungerechtigkeiten hierzulande zu massiv.

Also brauchen wir einen Bewusstseinswandel?

Hauser:Tatsächlich fehlt mir gesamtgesellschaftlich oft das entsprechende Bewusstsein. Und Frauen wissen ja eigentlich, dass sie mies bezahlt werden, dass sie Altersarmut zu fürchten haben, dass sie zu Hause viel mehr Hausarbeit leisten als ihr Mann, dass sie die Kinderbetreuung übernehmen. Im Bewusstsein waren wir in den 80ern und 90ern schon mal weiter, deutlich weiter.

Was ist passiert?

Hauser: Generell hat sich durch die neoliberale Wirtschaftspolitik, in der nur Gewinne zählen, vieles zum Schlechteren verändert. Der Zusammenhalt und soziale Errungenschaften, sind auf der Strecke geblieben, das sehen wir vor allem im Umgang mit hierher Geflüchteten und prekären Randgruppen. Auch wenn wir sicherlich in der Frage der Gleichberechtigung heute so weit sind, wie wir es nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie vorher waren, sind dennoch viele Errungenschaften wieder in Gefahr.

Welche?

Hauser: Den Paragrafen 219a (Anm. d. Red.: Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft) kann man da auf jeden Fall nennen. Ich war mir eigentlich sicher, dass wir darüber nicht neu diskutieren müssen. Frauen im Jahr 2019 das Selbstbestimmungsrecht auf ihren Körper zu verwehren, das finde ich wirklich unerträglich und dramatisch. Ein solch veralteter Paragraf gehört abgeschafft. Als Feministin weiß ich natürlich: Nichts, was schon erreicht worden ist, ist wirklich sicher.

Wäre die gesetzliche Lage bei 219a anders, wenn mehr Frauen im Parlament wären?

Hauser: Natürlich brauchen wir sie, damit sie die Themen und Lebensrealitäten von Frauen in die Politik bringen. Aber in Deutschland gibt es auch viele konservative Frauen, die 219a befürworten. Das ist ja nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch des Bewusstseins. Nur: Je mehr Frauen im Parlament sind, desto wahrscheinlicher ist auch, dass fortschrittlich denkende Frauen dabei sind.

Ist es generell ein Problem, dass zunehmend Parteien mit einem traditionellen Frauenbild auftauchen?

Hauser: Ja, auf jeden Fall. Wir sehen in ganz Europa, dass durch die Zunahme der rechten bis rechtsextremistischen Parteien ein Frauen- und Familienbild propagiert wird, das tatsächlich die ganzen Erfolge in der Gleichstellung zunichte macht oder zumindest in Gefahr bringt. Daher haben wir Frauen genügend Gründe, hier sehr wachsam zu sein und uns auch politisch zu engagieren, um rechtspopulistisches Denken immer wieder aufzudecken, egal, ob sie von Konservativen oder Grünen kommen.

Zu den Sprüchen gehört auch, dass sich die Gesellschaft durch Migranten mit einem problematischen Frauenbild verändert. Stimmt das?

Hauser: Ich würde sagen, da spielen Vorurteile und politische Interessen mit. Das Thema Gewalt durch Migranten oder Flüchtlinge ist in Deutschland seit 2016 massiv instrumentalisiert worden. Natürlich bringen Männer aus bestimmten Regionen ein sehr patriarchales Gedankengut mit. Nur ich sage: Diese Männer haben wir auch hier in Deutschland. Gerade wenn ich nach Bayern schaue, kann ich sehr sarkastisch werden, wenn ich sehe, wie sich Politiker auf einmal für Frauenrechte starkmachen, die sich vorher keinen Deut darum geschert haben.

Woher kommt die Instrumentalisierung oder die Angst, die dahinter steckt?

Hauser: Wären wir eine geschlechtergerechte Gesellschaft mit praktizierter Gleichheit, dann bräuchten wir keine Angst zu haben, dass Flüchtlinge mit patriarchalem Denken hierher kommen. Dann könnten wir sagen: Ja, natürlich nehmen wir Flüchtlinge und Migranten aus humanitären Gründen in Deutschland auf, unterstützen sie und leben Geschlechtergerechtigkeit vor. Aber wir sind keine geschlechtergerechte Gesellschaft. Deswegen ist so eine große Angst da, dass wir die Menschen nicht integrieren können.

Also sind wir selbst schuld?

Hauser: Nein, das möchte ich so nicht formulieren. Mir geht es auch gar nicht um die Schuldfrage. Ich möchte nur deutlich machen, dass wir keine Visionen in den Fragen zur Geschlechtergerechtigkeit haben. Dass wir es nicht geschafft haben, in den letzten 20, 30 Jahren dazu ein klares, menschenrechtsfundiertes Bewusstsein in der Bevölkerung, in den Medien, in der Politik, in den Schulen zu schaffen, mit dem wir den zu uns kommenden Menschen begegnen können.

Wenn wir Deutschland kurz verlassen – wie sieht es im Jahr 2019 in den Ländern, in denen Medica Mondiale aktiv ist, für Frauen aus?

Hauser: All die Probleme unserer Gesellschaft sehen wir natürlich in den Regionen, in denen wir arbeiten, um ein Vielfaches verstärkt. Wir haben Frauen in Afghanistan, die alltägliche Gewalt erleben, um ein Beispiel zu nennen. Das ist ein existenzieller Kampf, jeden Tag.

Wo ist Ihrer Einschätzung nach die Lage für die Frauen aktuell am schlimmsten?

Hauser: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Wir haben in Afghanistan eine Situation, wo die militärische Sicherheit sehr schwierig ist, was auch für Frauen eine extrem unsichere Situation mit sich bringt. Gleichzeitig haben wir dort die höchsten Müttersterblichkeiten. Wir können aber auch nach Syrien oder in den Sudan schauen, dort sieht es ähnlich aus. Dann haben wir afrikanische Kontexte, wo Genitalverstümmelung immer noch zu den schrecklichen traditionellen Praktiken gehört und Frauen sich eigentlich nie wirklich sicher fühlen können. Wir haben nirgendwo das Paradies, aber häufig für Frauen die Hölle, daher will ich nicht ein oder zwei Länder herausheben.

Sind Sie noch optimistisch?

Hauser: Ich sehe viele Dinge mit Sorge, bin aber gleichzeitig ein optimistischer, positiver Mensch. Sonst könnte ich keine Menschenrechtsarbeit machen. Für mich ist das Glas immer halb voll. Weil ich eben auch vor Ort immer wieder halb volle Gläser sehe: In all den Ländern, in denen wir aktiv sind, gibt es sehr viele Aktivistinnen, die jeden Tag für ihre Rechte und die Rechte ihrer Schwestern kämpfen, entgegen aller Widerstände. Das ist das, was für mich das Salz in der Suppe ist. Und: Feministinnen haben eine hohe Frustrationstoleranz. Gleichzeitig wünsche ich mir aber, dass Frauen viel ungeduldiger sind, auf die Straße gehen und sagen: Das akzeptieren wir nicht mehr. Frauen sind viel zu brav und geduldig.

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