Merkels China-Besuch: Warum Merkel nicht wie Mao in den Fluss springt

Merkels China-Besuch : Warum Merkel nicht wie Mao in den Fluss springt

Bei ihrem Besuch in China springt Angela Merkel nicht in den Chang Jiang wie seinerzeit Mao Tsetung. Sie ist mal freundlich, mal deutlich und warnt Peking vor einer Katastrophe in Hongkong. Die Staatsführung lässt sich das von ihr gefallen.

Angela Merkel steht auf der riesigen Brücke über dem Chang Jiang und schaut von dort oben auf den gewaltigen Fluss, den Mao Tsetung einst zur Demonstration seiner Macht und Stärke durchschwamm. Da war der chinesische Staatsgründer 73 Jahre alt. Bisher hatte die Kanzlerin nur aus dem Flugzeug auf das Gebiet in Zentralasien geschaut und sich vorgenommen, die Metropole Wuhan auch vom Boden aus zu erleben.

Während ihrer zwölften China-Reise macht sie am Wochenende einen Abstecher dorthin. Merkel ist 65 Jahre alt, sie muss ihre Stärke nicht mehr beweisen. Sie hat schon ihren Ausstieg aus der Politik bis 2021 angekündigt. Für sie geht es darum, nicht ihre eigene Macht, sondern den Einfluss ihres Landes zu sichern.

Mit elf Millionen Einwohnern – darunter mehr als eine Million Studenten – ist Wuhan die sechstgrößte Stadt Chinas und hat den größten Binnenhafen des Landes. 1982 entstand mit Duisburg die erste deutsch-chinesische Städtepartnerschaft. Als Helmut Kohl zwei Jahre später nach Wuhan reiste, lebten dort drei Millionen Menschen. Heute sind es elf Millionen. Merkel sagt, wer das Land verstehen will, müsse sehen, in welcher Geschwindigkeit riesige Wolkenkratzer entstehen, Straßen gebaut und ausländische Investitionen ins Land geholt werden. Kaum vorstellbar, dass der Berliner Flughafen in Peking noch nicht fertig wäre. Merkel stellt die Frage, ob man China noch als Entwicklungsland einstufen könne.

Fast in jedem Jahr ihrer Kanzlerschaft ist sie nach China gereist. Ihre Einstellung zum Reich der Mitte ist ambivalent. Wenn sie die Probleme als Regierungschefin in Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern mit denen der Staatsspitze in Peking mit knapp 1,4 Milliarden Menschen vergleicht, wirkt sie demütig. Wenn sie betrachtet, mit welchen restriktiven Mitteln Peking versucht, an das Knowhow der deutschen Wirtschaft heranzukommen, wird sie vorsichtig.

Und wenn in der autonomen Sonderverwaltungszone Hongkong eine überzogene chinesische Einmischung droht, geht sie auf Distanz. Staatspräsident Xi Jinping und Ministerpräsident Li Keqiang, die sich wiederum eine Einmischung in innere Angelegenheiten verbitten, nehmen das bei Merkel hin. Sie kennen und schätzen sie. Auch wenn sie beim Thema Menschenrechte standhaft bleibt.

So greift Merkel mit Blick auf die seit Monaten anhaltenden Demonstrationen in Hongkong gegen politischen Einfluss aus China zu einer drastischen Formulierung: „Ich habe dafür geworben, dass Konflikte gewaltfrei gelöst werden und dass alles andere aus meiner Sicht eine Katastrophe wäre.“ Ob Xi und Li auf sie hören werden? „Man hat mir zugehört“, sagt die Kanzlerin in Wuhan und legt noch nach: Hongkong sei bei weitem nicht der einzige internationale Konflikt; es gebe auch viele andere Menschenrechtsfragen in China.

Wichtig sei aber, „immer im Gespräch zu bleiben“, betont sie. So hält sie es auch mit der jungen chinesischen Generation. An der Huazhong-Universität spricht sie mit Studierenden, die wie einstudiert nach jeder Antwort von Merkel kräftig klatschen. Merkel beschreibt die Chinesen als fleißige und hart arbeitende Menschen und fragt die jungen Frauen und Männer: „Haben Sie genug Kindheit?“

Als aber die Sprache auf das soziale Bonussystem in China fällt, das persönliche Verfehlungen der Bürger bis zur Missachtung einer roten Ampel anprangert, ist der Applaus verhalten. In Deutschland sagten einige dazu: „Das ist ja ganz schrecklich“, berichtet Merkel. „Dann weiß man alles über einen Menschen.“ Sie verweist auf die deutsche Rechtssprechung, wonach persönliche Daten zum Eigentum der Menschen gehörten, und stimmt auf eine „ethische Dimension ein, die uns noch sehr beschäftigen wird“. Nichts, was chinesische Funktionäre gern hören. Eine junge Frau sagt später leise, sie habe in Deutschland studiert und sehne sich zurück.

Merkel würdigt zugleich die zunehmende Öffnung Chinas und kritisiert, ohne ihn namentlich zu nennen, US-Präsident Donald Trump für seine wirtschaftliche Abschottung: „Protektionismus schadet am Ende uns allen.“ Sie schließt ihre Rede mit einem Dreiklang, wie sie sich die internationale Zusammenarbeit vorstellt: „global statt national, weltoffen statt isolationistisch, gemeinsam statt allein“. Und dann sagt die Naturwissenschaftlerin aus der DDR noch: „Mich leitet die Erfahrung, dass Veränderung zum Guten möglich ist.“

Das hofft auch Joshua Wong, der Aktivist aus Hongkong, der Peking als „diktatorische Macht, die keine freiheitlichen Grundrechte zulässt“, bezeichnet. Joshua Wong, der sich ab Montag in Berlin mit Politikern treffen will, schlägt vor, den beiden vor wenigen Tagen in Deutschland geborenen Pandabären, deren Mutter 2017 Berlin von Xi geschenkt wurde, die Namen „Demokratie“ und „Freiheit“ zu geben.