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Ungewöhnliche Privataudienz: Warum Martin Schulz dem Papst ein T-Shirt schenkt

Ungewöhnliche Privataudienz : Warum Martin Schulz dem Papst ein T-Shirt schenkt

Der frühere EU-Parlamentschef und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nutzt die Visite im Vatikan, um in Rom den Premier und mehrere Minister zu treffen. In Italien ist er bestens vernetzt, er gilt als Gesicht Europas und Freund des Landes.

Es ist ruhig geworden um Martin Schulz – auch jetzt in Rom. Der frühere EU-Parlamentspräsident und SPD-Kanzlerkandidat sitzt auf einem blauen Sofa in seinem Hotelzimmer der Albergo Nazionale; das italienische Parlament ist gleich nebenan. Das Jackett liegt längst auf dem Bett, die blau-weiß gemusterte Krawatte auch. Nur noch vereinzelt wehen zur späten Stunde Stimmen von der Piazza Montecitorio in sein Zimmer hinauf. Schulz, 64, sitzt am Rand des Sofas. Schalke 04 hat gerade zum Rückrunden-Auftakt der Fußball-Bundesliga Mönchengladbach 2:0 geschlagen. Schulz, glühender und bekennender Köln-Fan, bis vor kurzem gar Beiratsmitglied, wünscht den Borussen – wenn auch wohl nur mit Blick auf die Bayern und RB Leipzig – in diesem Jahr durchaus den Titel. Das nur am Rande. Nun hat er den Fernseher ausgeschaltet. Er ist entspannt, gähnt kurz, ist sichtlich zufrieden. „Das war ein intensiver Tag“, sagt er. „Und ein erfolgreicher.“

Mit Blaulicht und Eskorte hatten Carabinieri den Würselener samt Delegation in einem schwarzen Van in den Stunden zuvor durch die italienische Hauptstadt gelotst, gehupt, gewunken. Denn der Terminkalender hatte kaum Lücken: Nach einem Aufgalopp beim deutschen Botschafter und einem Termin in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung wollten auch der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte und gleich drei Minister den deutschen Parlamentarier sehen, seine Meinung hören, mit ihm sprechen.

Freund und Feind

Schnell wird klar, wie vernetzt Schulz, der von 1994 bis 2017 im Europaparlament saß und derzeit einfacher Abgeordneter des Deutschen Bundestags ist, noch immer ist. „Ciao Vincenzo“ begrüßt er Europaminister Amendola, und mit Italiens Finanz- und Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri („Roberto!!“) umarmt er sich herzlich. Natürlich sind beide Sozialdemokraten – wie Schulz. Doch Schulz ist für viele mehr als Parteifreund, er ist ein Gesicht Europas, ein Gegner Silvio Berlusconis und der neuen Rechten um Lega-Frontmann Matteo Salvini und ein Freund Italiens. Nicht von ungefähr darf er sich seit 2012 „Ritter des Großkreuzes“ nennen, er ist also Träger des höchsten italienischen Ordens, dessen Pin er stolz am Revers seines Jacketts trägt. Auf der Straße wird der Besuch aus Deutschland erkannt, im Stadtteil Trastevere schüttelt er Hände, posiert vor einem Restaurant für ein Erinnerungsfoto. Und für viele ist er immer noch der „Presidente“ aus Brüsseler Zeiten; zumindest wird er in den Ministerien staatsmännisch so angeredet. Das muss guttun.

„Ich bin doch nur ein Hinterbänkler; und die empfangen mich wie einen Regierungschef“, kokettiert Schulz damit, der am nächsten Tag noch einen wichtigeren Termin hat: im Vatikan. Papst Franziskus hat ihn zu einer Privataudienz eingeladen. „Ein außergewöhnlicher Vorgang“ – nicht nur die Einladung an sich. Vor allem auch, weil er derzeit keinen protokollarischen Rang habe, sagt Schulz, der das Ungewöhnliche noch ungewöhnlicher machte, indem er das erste Terminangebot des Heiligen Stuhls für Dezember abgelehnt hatte. Wichtige private Verpflichtungen. „Darf man das?“, fragt der frühere Messdiener und Würselener Heilig-Geist-Gymnasiast rhetorisch, aber noch immer ein wenig zweifelnd zwischen Pasta und Carne in einer Trattoria unweit des Pantheon. Offensichtlich ja. Die Antwort war ja längst gekommen, ein alternativer Terminvorschlag für Januar wurde rasch serviert und schließlich angenommen. Und auf Schulz‘ Initiative wurde ein politisches Programm erstellt, mit dem wohl auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) oder Außenminister Heiko Maas (SPD) zufrieden wären.

Geschenk vom Papst: Franziskus überreichte Martin Schulz eine Bronzemedaille mit dem Bibelspruch „Dann wird die Wüste zum Garten“ aus dem Buch Jesaja. Foto: MHA/Udo Kals

Aufstieg und Absturz

Für einen Vollblutpolitiker wie Schulz ist es sicherlich zu ruhig geworden. Nicht jetzt in der italienischen Hauptstadt. Nein, diese kurze Ruhepause genießt er. Aber in den Monaten zuvor war er weg von der Bildfläche. Schulz, der dem Europäischen Parlament als dessen Präsident mediale Geltung und Einfluss verschaffte wie keiner seiner Vorgänger und keiner seiner Nachfolger, der aus gutem Grund bei den Mächtigen der Welt aneckte; Schulz, der zum 100-Prozent-Heilsbringer als SPD-Parteichef wurde und als 20,5-Prozent-Mann bei der Bundestagswahl 2017 abstürzte; Schulz, der nach dem Wahldesaster als Groko-Verweigerer antrat und schließlich nach dem Scheitern der Jamaika-Koalition doch Außenminister unter Merkel werden wollte. Schulz war über Jahre in den Schlagzeilen, in der Mitte des Politbetriebs, auf dem ganzen Kontinent, in ganz Deutschland unterwegs, Bestandteil einer Maschinerie, die ihn vereinnahmte, durchwalkte und schließlich ausspuckte. Dann war er weg vom Radar.

Es ist vielleicht müßig, über Fehler aus den Jahren 2017 und 2018 zu reden, über die Wahlkampagne, die Partei, die Quoten und die Zahlen, über Schulz‘ eigene Fehlentscheidungen. Schulz sitzt an diesem Morgen ausgeruht in der sehr barocken Hotelbar in Rom, wartet auf die Eskorte zum Vatikan, ist gespannt auf das Wiedersehen, auf das Gespräch, nimmt sich für die Reflexion aber Zeit. „Ich habe für einen unachtsamen Moment einen hohen Preis gezahlt“, blickt er zurück auf die Pressekonferenz, bei der er nach dem Wahltag 2017 ausschloss, in ein Kabinett Merkel einzutreten. Was folgte, ist bekannt. Aus allen Ämtern raus zu sein, das war sicherlich „schwer zu akzeptieren“, sagt er: „Viele Dinge haben mich menschlich und emotional berührt.“ Doch je größer die zeitliche Distanz werde, desto „befreiter bin ich“.

Es ist ruhig um ihn geworden, das weiß er wohl. Aber er sagt auch: „Ich bin zwar nicht mehr in der ersten Reihe, aber auch nicht aus der Welt.“ So sieht er die Italien-Visite auch als „Test für meine verbliebene politische Flughöhe“ an. Mit dem Ergebnis, mit den Gesprächspartnern ist er zufrieden. 75 Minuten nimmt sich Premier Conte sicher nicht für jeden Abgeordneten Zeit. Heißt das: neue Ambitionen? Vielleicht Minister Maas beerben, der Schulz‘ italienisches Reiseprogramm durchaus als Affront ansehen könnte? „Ich strebe kein Amt an“, betont er. Nicht jetzt – und auch nicht mit Blick auf die nächste Bundestagswahl 2021. Was mit Blick auf die derzeitigen Popularitätswerte der SPD wohl auch ein wenig vermessen wäre. Was kommt, ist nicht klar. Vielleicht gar nichts mehr? „Am 1. Februar beginne ich mein 46. Arbeitsjahr“, sagt Schulz, und ihm entfährt ein „Leck mich en de Täsch“. Am 1. Februar 1975, an einem Samstag, hat er seine Buchhändlerlehre begonnen, 1982 die Selbstständigkeit, später wurde er Bürgermeister von Würselen und, und, und. „Mindestens zehn, zwölf Stunden täglich gearbeitet.“

Kommen finstere Zeiten?

Das ist auch heute, in Rom, sein Pensum, wo Schulz neben der Flughöhenbestimmung auch politische Inhalte vorantreiben will. Ziel des Besuchs ist nämlich auch: den Blick auf Italien schärfen. „Die Beziehung zu Italien wird in Deutschland fast schon traditionell unterbewertet“, sagt Schulz. Für den Sozialdemokraten ein Fehler. Denn: „Die Entwicklung Italiens ist auch entscheidend für die Zukunft der EU.“ Wenn Italien auch wegen wirtschaftlicher und finanzieller Probleme „kippt, wenn die antieuropäischen Kräfte die Oberhand gewinnen, dann geht Europa finsteren Zeiten entgegen“, sagt Schulz, aus dessen Feder das EU-Kapitel im Groko-Vertrag stammt. Doch die Bedeutung Italiens für die EU werde in Deutschland nicht wahrgenommen. Das müsse sich ändern. In diesem Jahr kommt es zum Schwur. Schulz: „Wir müssen Italien helfen.“

Daher fordert er mit Blick auf die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte, die Beziehung zu Italien zu einem Schwerpunkt zu machen. „Italien ist das Schlüsselland.“ Eine Initiative, so sagt Schulz, die von der Bundeskanzlerin begrüßt und unterstützt werde. Ein Besuch der Kanzlerin noch vor Juli in Rom (siehe Infobox rechts) wäre „ein starkes Signal“, um die Ambitionen zu unterfüttern, sagt Schulz, der auch eine konkrete Idee hat, wie man wirtschaftliche Impulse für Italien setzen kann – und zwar mit Blick auf den von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen jüngst präsentierten „Green Deal“. Alle in diesem Rahmen notwendigen Investitionskredite, etwa für neue Umweltstandards, für Erneuerbare Energien oder für die Digitalisierung, sollen aus dem Stabilitätspakt herausgerechnet werden. „Die Stabilitätskriterien dürfen nicht wachstumshemmend sein.“ Seine Forderung: „Wir müssen über die Aufhebung der Schwarzen Null diskutieren – in Deutschland und in der EU.“ Statt eines strikten Sparkurses soll Italien – wie zuvor bereits Portugal – über notwendige Ausgaben wirtschaftlich gesunden. Diese Idee sei „Musik in den Ohren“ von Wirtschafts- und Finanzminister Gualtieri gewesen und ebenso beim Premier angekommen, sagt Schulz.

Ahnengalerie: Martin Schulz begegnet nach dem Treffen mit Vinzenco Amendola vielen Bekannten, die früher italienische Europaminister waren. Foto: Udo Kals/Udo kals

Europa und die EU liegen auch dem Papst am Herzen. Das weiß der Besuch aus Würselen natürlich und hat sich vorbereitet. Ein T-Shirt des von Schulz gegründeten Vereins „Tu was für Europa“ (siehe Infobox links) liegt am Morgen vor ihm auf den Tisch. In Gelb und Weiß, den Farben des Vatikans gehalten, und in Größe L. „Damit kann er ja durch den Vatikan joggen“, sagt Schulz mit einem Augenzwinkern, hält das frisch gebügelte Stück Stoff in der Hand – und bringt es Franziskus mit.

Schwerer bepackt wird er mittags aus dem Vatikan zurückkehren, nach dem „vertraulichsten Gespräch“, das Schulz jemals mit dem Papst führen und an dem kein Journalist teilnehmen durfte. „Ich spüre eine Wertschätzung“, sagt der Abgeordnete, der zum sechsten Mal mit dem Kirchenoberhaupt zusammentraf und besondere Momente mit ihm teilt. Etwa den beim Treffen 2014, als Franziskus auf Einladung von Schulz das EU-Parlament besuchte und vor seiner Rede Helma Schmidt, seine heute 102-jährige Vermieterin aus Frankfurter Studientagen, wiedertraf. „Das gibt’s doch nicht“, habe der Papst damals verdutzt auf Deutsch gesagt, erzählt Schulz, dessen Mitarbeiter Schmidt ausfindig gemacht hatten, zu der Franziskus auch heute noch Kontakt habe. Auch über das T-Shirt habe sich das Kirchenoberhaupt gefreut, sagt der SPD-Mann, neben dem nun ein großer, weißer Karton mit einer bronzenen Medaille steht, die ein biblischer Spruch aus dem Buch Jesaja ziert: „Dann wird die Wüste zum Garten.“ Franziskus’ Geschenk, über dessen Botschaft getrost spekuliert werden darf. Ist das seine Hoffnung für Europa?

„Mehr als höflich, sehr zugewandt“, sei er empfangen worden, sagt Schulz, der das Gespräch auf Deutsch führte, der aus Argentinien stammende Franziskus auf Spanisch. „Den Dolmetscher haben wir nicht gebraucht, das hat perfekt geklappt.“ Auch in anderen Dingen war die Verständigung laut Schulz einfach. „Wir sind uns einig, dass wir in einer Epoche leben, in der fundamentale Werte wie Res­pekt, Toleranz und Würde herausgefordert sind, wie es in den vergangenen Jahrzehnten kaum denkbar war.“ Auch vor dem Hintergrund, dass im November der 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Römischen Kurie und der EU-Vorläuferorganisation gefeiert wird, habe den Papst seine Sicht auf die Lage Europas inte­ressiert, berichtet Schulz von der Audienz, die mit 45 Minuten eine Viertelstunde länger als geplant gedauert habe. „Hoch aufmerksam“, sei der Papst gewesen, sagt Schulz, der hofft, dass Franziskus eine „Botschaft an die EU“ richten werde: „Seine Stimme wird gehört.“

Anekdoten und Analysen

Ob dies auch auf Schulz zutrifft? Zweifelsohne ist er nach wie vor ein Menschenfänger, kann pointiert erzählen und hat was zu sagen. Ob er nun zu Antipasti und Apfelschorle Anekdoten zum Besten gibt, die internationalen Krisen analysiert oder die Lage der SPD. Seine Partei, in der er marginalisiert wirkt, die seine europa- und außenpolitische Expertise, seine Kontakte, sein Netzwerk offensichtlich nicht braucht.

Sein Spielfeld ist zunächst einmal Italien. Das Land ist ihm – wie die Freundschaft zu Frankreich, zur Bretagne, zu Morlaix, der Partnerstadt Würselens – ein Herzensanliegen. Hier wird er gehört, hier gehört er hin. Vielleicht ganz genau in den Weißen Saal des italienischen Europaministeriums, was man Schulz vom Ambiente nicht wünschen würde. Aber dort hängt an einer Wand eine Ahnengalerie von Amendolas Amtsvorgängern. Schulz kennt viele von ihnen und haut wieder so ein Schulz-Bonmot raus: „Das ist ja der reinste Freundeskreis Martin Schulz.“ Dazu gehört auch Vielfach-Premier Guilio Andreotti, den Schulz zitiert, bevor er geht: „Die Macht verschleißt nur den, der sie nicht hat.“