Vielflieger: „Pro Jahr Zertifikate für drei Flüge“

Vielflieger : „Pro Jahr Zertifikate für drei Flüge“

Flugzeuge sind Klimasünder. Wer mit dem Flieger verreist, verursacht laut Bundesumweltamt rund 200 Gramm CO2 pro Flugkilometer – weit mehr, als mit anderen Verkehrsmitteln. Dieter Janecek, Bundestagsabgeordneter der Grünen, will deshalb die Vielfliegerei verteuern. Wie das geschehen soll, erklärt er im Interview.

Herr Janecek, der Flugverkehr ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Warum bereitet Ihnen das Sorgen?

Dieter Janecek: Angesichts der Klimakrise diskutieren wir viel zu wenig über den Flugverkehr. Er verursacht immense Emissionen. Deshalb brauchen wir dringend Anreize, um sie zu senken oder zumindest zu verhindern, dass sie weiter ansteigen. Natürlich gehört dazu die Förderung von technischen Innovationen. Ein Beispiel ist die Entwicklung von neuen Kraftstoffen für Flugzeuge. Aber auf kurze Sicht wird uns das nicht weiterhelfen. Es muss jedoch schnell gehandelt werden, weil der Flugverkehr derzeit exponentiell wächst.

Sie wollen die Zahl der Flugbewegungen reduzieren. Was schlagen Sie vor?

Janecek: Zunächst gilt es, das Schienennetz auszubauen. Wir brauchen vor allem mehr Hochgeschwindigkeitszüge, aber auch preiswertere Bahntickets. Zudem müssen endlich die Subventionen für den Flugverkehr abgebaut werden, indem Kerosin besteuert wird. Eine Einschränkung des Flugverkehrs wird letztlich nur über den Preis funktionieren.

Sie haben deshalb einen Zertifikatshandel für Flugreisen ins Spiel gebracht. Wie könnte solch ein Modell aussehen?

Dieter Janecek: Angesichts der Klimakrise diskutieren wir viel zu wenig über den Flugverkehr. Foto: imago/photothek/Florian Gaertner/photothek.net

Janecek: Der Berliner Mobilitätsforscher Andreas Knie von der Technischen Universität Berlin schlägt vor, jedem Bundesbürger pro Jahr Zertifikate für drei internationale Hin- und Rückflüge zu übertragen. Wer häufiger fliegen will, muss zukaufen von denen, die ihre Zertifikate nicht genutzt haben. Ich finde diesen Gedanken sehr interessant, aber er ist nicht Programmlage der Grünen.

Müssen Normalverdiener bei solch einem Modell befürchten, nicht mehr in den Urlaub fliegen zu können?

Janecek: Nein. Welche Familie fliegt öfter als drei Mal pro Jahr in Urlaub? Ich kenne keine. Diejenigen, die gar nicht fliegen, verdienen mit dem Modell sogar Geld. Belastet werden Menschen aus der Oberschicht, die es sich leisten können, oft zu fliegen. Sie hinterlassen aber auch den größten CO2-Fußabdruck. Grundidee des Modells ist: Nicht Menschen mit geringem Einkommen, sondern Bestverdiener müssen einen stärkeren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Knie spricht sich ebenfalls dafür aus, komplett auf innerdeutsche Flüge zu verzichten und nur für Rettungsflüge und Privatjets Ausnahmen zu gestatten. Sie auch?

Janecek: Nein, das geht mir zu weit. Wer beispielsweise regelmäßig zwischen Freiburg und Berlin pendelt, dem ist es nicht zuzumuten, jedes Mal acht Stunden lang im Zug zu sitzen. Aber für alle Strecken, die in vier Stunden zu bewältigen sind, sollten Unternehmen, Verwaltungen und auch der Bundestag keine Erstattungen mehr zahlen, wenn sie im Flugzeug zurückgelegt worden sind.

Als Bundestagsabgeordneter pendeln Sie zwischen Ihrem Wohnort München und Berlin. Wie häufig haben Sie persönlich dafür ein Flugzeug genutzt?

Janecek: Als die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin noch nicht ausgebaut war, habe ich das Flugzeug häufig genutzt. Seither nur noch selten. Natürlich hinterlassen viele Bundestagsabgeordnete einen hohen CO2-Fußabdruck, vor allem dann, wenn sie aufgrund ihres Aufgabenfeldes oft im Ausland unterwegs sind. Aber auch wir müssen uns hinterfragen, ob jede Flugreise wirklich nötig ist.

Sehen Sie in Teilen der Bevölkerung die Bereitschaft, das eigene Reiseverhalten zu überdenken und auf Flugreisen zu verzichten?

Janecek: Es gab neben einer negativen Schlagzeile in der BILD überraschend viele positive Rückmeldungen aus der Zivilgesellschaft. Der Gedanke, dass diejenigen, die einen besonders hohen CO2-Ausstoß verursachen, mehr zahlen müssen, ist in meinen Augen durchaus mehrheitsfähig.

Ihr politischer Gegner, namentlich FDP-Chef Christian Lindner, versucht allerdings bereits wieder, den Grünen das Etikett „Verbotspartei“ anzukleben.

Janecek: Erstens: Der Vorschlag des Zertifikatshandels ist kein Vorschlag meiner Partei, sondern ein Vorschlag von mir persönlich. Die Grünen zeichnet allerdings aus, dass es bei uns keine Denkverbote gibt. Zweitens: Lindner zeigt mal wieder die üblichen parteipolitischen Reflexe. Ich glaube, die Menschen haben es satt, Probleme auf diesem Niveau zu diskutieren. Ich bemühe mich, differenziert zu argumentieren. Vielleicht sollte es Herr Lindner auch einmal versuchen.

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