Interview mit Emanuel Richter: Friede auf Erden?

Interview mit Emanuel Richter : Friede auf Erden?

„Nun soll es werden Friede auf Erden“, heißt es im Weihnachtslied „Kommet, ihr Hirten“. Aber wie geht es dem Frieden? Wie wird er bedroht? Emanuel Richter, Professor für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen, antwortet auf Fragen von Andreas Herkens.

Wie ist es Weihnachten 2018 um den Frieden bestellt?

Emanuel Richter: Was die politische Lage angeht, so müssen wir leider feststellen, dass in vielen Teilen der Welt Unfrieden herrscht: in Gestalt von Kriegen, autoritären Regimen und ihrer Unterdrückung von großen Bevölkerungsteilen, aber auch in Gestalt von Armut, Hunger und Ausgrenzung.

Gefühlt haben die Krisenherde auf der Welt deutlich zugenommen. Oder täuscht dieser Eindruck?

Richter: Es gibt im Blick auf die globale Lage keine eklatante Zunahme von Krisenherden, aber es gibt auch keine Verminderung. Ist der eine Krisenherd behoben, öffnet sich irgendwo anders ein neuer.

Was ist die größte Bedrohung für den Frieden?

Richter: Die größte Bedrohung liegt darin, in Konfliktfällen der Aggression freien Lauf zu lassen. Stattdessen gilt es, unter den Konfliktparteien zu kommunizieren, sich gegenseitig die auseinanderdriftenden Positionen deutlich zu machen und den Konfliktfall genau zu benennen, die Beteiligten an runde Tische zu bringen und sich auf schwierige wie auch langwierige Verhandlungen und Gespräche einzulassen, die der Suche nach einer halbwegs einvernehmlichen Lösung dienen.

Wird der Frieden denn weniger geschätzt?

Richter: In Zeiten populistischer Aufwiegelung und der Bedrohung von neutraler Berichterstattung durch dreiste Meinungsäußerung wird in der Tat der friedliche Umgang miteinander weniger geschätzt als zuvor. So gibt es in der internationalen Politik einige politische Bewegungen und Führungspersonen, zu denen der amerikanische Präsident Donald Trump zählt, die für das friedliche, auf die Konsenssuche ausgerichtete Verhandeln kaum einen Sinn haben. Wenn man aber ständig nur provoziert, polarisiert, seine eigenen Positionen für unumstößlich erklärt und gegebenenfalls noch Lügen verbreitet, um den Kontrahenten zu diffamieren, gibt es keine friedliche Konfliktlösung.

Wird also in Zeiten mit stärkerem Hang zum Populismus leichtfertiger mit ihm umgegangen?

Richter: Die aggressive Konfliktbereitschaft wächst in der Tat parallel zum Aufkommen des Populismus – und das ist kein Zufall. Der Populismus pflegt ja das konfrontative politische Handeln. Die Eliten und die herrschenden politischen Systeme werden pauschal kritisiert und verdammt. Man tritt mit einem ganzen Bündel von Feindbildern in Erscheinung, jeder Verhandlungspartner wird zum Gegner stilisiert. Ein kluges Verständnis des Politischen als Raum eines gemeinsamen Handelns sowie einer koordinierten Konfliktbearbeitung und Entscheidungsfindung geht verloren.

Wie ist so eine Eigendynamik aufzuhalten?

Richter: Die populistische Eigendynamik resultiert wohl aus politischen Versäumnissen. Man hat die Gefühle der Vernachlässigung und die Abstiegsängste in einigen Teilen der Bevölkerung unterschätzt oder schlicht ignoriert. Wenn man sich diesen Kreisen wieder intensiver widmet, ohne ihre emotionsgeladene Wut und Enttäuschung durch billige Parolen weiter anzufachen, dann kann man auch wieder einen friedlichen gesellschaftlichen und politischen Umgang miteinander herstellen.

Aber es geht ja nicht nur um Frieden in der Weltpolitik. Man hat das Gefühl, dass der Friede in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen unter die Räder kommt, oder?

Richter: Selbstverständlich, der Unfrieden in der Politik ist eine Folge von gesellschaftlichen Verwerfungen, von sozialen Brüchen und von wirtschaftlichen Krisen, auch von kultureller Entfremdung und Verrohung. Daraus resultieren Verluste an einem respektvollen Miteinander. Deshalb müssen alle moralisch geschulten Kräfte, die im öffentlichen Leben eine Stimme haben, deutlicher denn je an die sinnvollen und friedfertigen Regeln und Prinzipien zum Zwecke der kollektiven Lebensbewältigung erinnern.

Sinkende Hemmschwellen, Aggressivität – etwa auch im Straßenverkehr –, Ängste: Befinden wir uns da in einer Abwärtsspirale?

Richter: Der Eindruck einer Abwärtsspirale entsteht vielleicht, wenn man nur in einer Momentaufnahme gebannt auf die täglichen Schreckensmeldungen blickt. Ich sehe aber keinen zwingenden Grund für einen unaufhaltsamen Verlust an einem friedfertigen, kommunikativen und diskursiven Umgang miteinander. Wenn man sich, wie es Ihre Zeitung hiermit gerade tut, öffentlich mit den Problemen des Unfriedens auseinandersetzt, arbeitet man bereits an Gegenmaßnahmen.

In der Weihnachtsbotschaft spielt der Friede eine ganz zentrale Rolle. Gibt es denn Hoffnung für den Frieden?

Richter: Mit dem Frieden ist es wie mit der Demokratie: Es handelt sich um anspruchsvolle Prinzipien der Lebensgestaltung, deren Erhalt nicht automatisch garantiert ist. Man muss sich immer wieder neu dafür einsetzten, man muss Erosionsprozesse sorgsam beobachten, und man muss immer wieder neue, zeitgemäße Formen ihrer Verwirklichung erfinden. Weihnachten ist eine Phase der Besinnung auf solche kreativen „Erfindungen“.

Was kann denn jeder Einzelne in seinem Umfeld tun?

Richter: Das einfache Nachdenken über die Tendenzen zum Unfrieden, über ihre Gründe und Dynamiken ist der erste Schritt, damit jeder von uns seinen Beitrag zur öffentlichen Bewahrung des Friedens beiträgt. Daraus resultiert ein Handeln, das im Kreis der Familie und Freunde anfängt und sich in seiner Wirkung bis auf große Kreise der Gesellschaft erstrecken kann.

Brauchen wir eine neue, eine andere Friedensbewegung?

Richter: Jeder Einzelne, der im beschriebenen Sinne besonnen handelt, ist schon eine kleine Friedensbewegung. Es kann natürlich nie schaden, sich solchen Großbewegungen anzuschließen und sie zu stärken, die bereits zur Pflege des Weltfriedens oder zur Anprangerung nationaler und internationaler politischer Probleme existieren. Aber wir können schon im kleinsten Rahmen durch besonnenes Handeln zur Sorge um den Frieden beitragen.

Mehr von Aachener Zeitung