Von der Stasi überwacht und inhaftiert: Ex-Fluchthelfer ist am Mittwoch zu Gast in Alsdorf

Von der Stasi überwacht und inhaftiert : Ex-Fluchthelfer ist am Mittwoch zu Gast in Alsdorf

Hartmut Richter wurde von den ostdeutschen Diktatoren etliche Jahre inhaftiert. Er half vielen zur Flucht in den Westen. Mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist er unzufrieden.

„Wie lange hältst Du das aus? Wie lange willst Du die Stiefel küssen, die Dich treten?“ So hat sich Hartmut Richter als 18-Jähriger gefragt. Das war 1966, und der junge DDR-Bürger hatte nur eines im Sinn: Raus aus diesem Staat! Es gelang ihm in jenem Jahr. „Aber ich war auch traurig. Alles, was mir lieb und teuer war, musste ich zurücklassen. Den 27. August 1966 habe ich dann immer mehr als meinen eigentlichen Geburtstag Ende Januar gefeiert. Ich war froh, dem Regime entkommen zu sein“, sagt Richter im Gespräch mit unserer Zeitung. An jenem Tag schwamm er nachts durch den Teltow-Kanal nach Westberlin. „Das heißt: Ich bin weitgehend getaucht. Ich durfte ja nicht gesehen werden.“

Am kommenden Mittwoch, 2. Oktober, wird Richter auf einer Veranstaltung der Volkshochschule Nordkreis Aachen im Alsdorfer Rathaus (Hubertusstraße 17) über sein abenteuerliches Leben berichten (Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei), ein Mann, der von 1973 bis 1975 33 Menschen half, in den Westen zu flüchten, den das SED-Regime insgesamt mehr als sechs Jahre inhaftierte, der als Schüler zwar noch in  der kommunistischen Kinderorganisation „Junge Pioniere“ mitgemacht hatte, sich als 13-Jähriger aber weigerte der Freien Deutschen Jugend (FDJ) beizutreten und Mitschüler zu verraten, die Westfernsehen sahen.

Nachdem er schon sechs Jahre im Westen war, sah Richter nach dem Transitabkommen zwischen der BRD und der DDR 1972 die Möglichkeit, DDR-Bürgern zur Flucht zu verhelfen; „sie mussten nur unbemerkt im Kofferraum eines Transitreisenden Platz finden, der in den Westen zurückkehrte“. Das hört sich harmlos an, dabei war das Risiko nicht gering, dass die Flüchtlinge in seinem Wagen entdeckt wurden. „Ich wollte auf jeden Fall anderen helfen. Es bot sich einfach an, wenn man kein ängstlicher Mensch war.“ Aber er musste jederzeit damit rechnen, erwischt zu werden.

„Und ich bin ja dann auch erwischt worden. Es war eine Nervenanspannung – keine Frage: Wenn da eine Frau mit Säugling Hilfe braucht, deren Freund im Westen lebt, und das Baby hustet, da bricht einem der kalte Schweiß aus, und man denkt, ich habe die Nerven nicht mehr. Ich habe das nie professionell für Geld gemacht. Ich habe eine Erfüllung darin gesehen, den Menschen zu helfen; und die waren überglücklich.“ 1975 flog er bei einer Verdachtskontrolle am Grenzübergang Drewitz auf, wurde verhaftet und 1980 von der Bundesrepublik freigekauft. „Das Schlimmste war die Untersuchungshaft im Stasi-Knast in Potsdam. Da sehnte man die Verurteilung geradezu herbei.“

Als Verfolgter des SED-Regimes wendet sich Richter gegen jenen Satz, der nicht so selten zu hören ist, wenn über die DDR gesprochen wir d: „Es war nicht alles schlecht.“ Für Menschen, die unter dem Regime leiden mussten, sei diese Aussage unerträglich. „Viele sind nicht bereit, sich mit dem Unrecht, das in der DDR jahrzehntelang geschehen ist, auseinanderzusetzen. Im Westen Deutschlands wissen viele nicht Bescheid; deshalb bin ich ja auch nach wie vor unterwegs, um Licht ins Dunkel zu bringen.“ Die NS-Verbrechen hätten zwar eine ganz andere Dimension. „Aber kommunistisches, stalinistisches Unrecht darf man deshalb nicht verharmlosen.“ Das geschieht? „Ja, das geschieht“, sagt Richter.

Er kritisiert, „dass es ehemaligen Stasi-Obristen heute in jeder Beziehung besser geht als den Menschen, die sie verfolgt hatten. Die Hauptverantwortlichen sind nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Es wurde zu viel weichgezeichnet und verklärt. Es ist gekungelt worden.“ Letztlich interessiere den Westen die Auseinandersetzung mit der SED-Vergangenheit nicht. „Im wiedervereinigten Deutschland nach 1990 ist DDR-Unrecht unter den Teppich gekehrt worden.“ Mut und Zivilcourage gegen die SED-Diktatur würden heute zwar mehr als in den Jahren direkt nach der Wende anerkannt. „In der Linkspartei ist aber noch viel SED drin; trotzdem regiert sie schon wieder. Ich will keine Rache. Aber ich finde es schrecklich, dass die alten SED-Seilschaften immer noch funktionieren. Die Machthaber des SED-Staats zeigen bis heute keine Einsicht.“

Bis 1990 war Richter Mitglied der CDU. „Ich wollte mich engagieren. Die CDU war das kleinste aller Übel. Aber dann hat sie die Ost-CDU – die Blockpartei – aufgenommen. Da wuchs zusammen, was nicht zusammengehört.“ Er trat aus.

30 Jahre nach dem Mauerfall sieht Richter die Geschichte der DDR im wiedervereinigten Deutschland – mit Ausnahme der Gedenkstätten – nicht angemessen aufgearbeitet. „Die DDR war natürlich mehr als die Stasi und deren Methoden. Die meisten DDR-Bürger waren anständig und suchten sich ihre Nische. Aus Sicht der Opfer ist die Aufar- beitung des DDR-Unrechts aber völlig unbefriedigend. Wenn Leute wie Gregor Gysi mit solcher Nähe zur DDR-Staatsmacht immer noch meinungsbildend tätig sind, stimmt etwas nicht.“ In der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen arbeitet Richter bis heute als Besucherreferent.

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