Umgang mit Pannen: Dürfen Politiker Fehler machen?

Umgang mit Pannen : Dürfen Politiker Fehler machen?

Verschweigen, vergessen, verbessern – was ist der beste Umgang mit Fehlern? Die Wirtschaft ist dabei, Pannen in Unternehmenserfolge einzubauen. Die Politik tut sich noch schwer damit.

Es war ein vermeintlich kleiner Lapsus: ein einziges falsches Wort. Doch die Wirkung war enorm. „Es gibt aus gutem Grund hohe Hürden, jemanden aus einer Partei auszuschließen. Aber ich sehe bei Herrn Maaßen keine Haltung, die ihn mit der CDU noch verbindet“, sagte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Und wunderte sich. Über Schlagzeilen wie „….regt Parteiausschluss von Maaßen an“, oder „…erwägt Parteiausschluss von Maaßen. Sie hätte es wissen können, denn jedes Kind lernt: Alles vor dem Aber ist egal. Etwa: „Sie genießen bei uns wirklich überragende Wertschätzung. Aber wir haben uns nun entschieden…“ – da braucht kein Chef mehr weiter zu sprechen.

Schnell versuchte die CDU-Vorsitzende die Wogen zu glätten, indem sie vor die Mikrofone trat und beteuerte: „Ich habe weder im Interview noch an anderer Stelle ein Parteiausschlussverfahren gefordert.“ Und dass die CDU eine Partei mit über 400.000 Mitgliedern sei, und dass jeder seine eigene Meinung haben könne, und dass das die CDU auch interessant mache. „Aber“, fuhr sie wiederum fort – und sprach davon, dass der politische Gegner außerhalb der Partei sein müsse und niemand versuchen dürfe, die Partei grundlegend zu verändern. Wieder hatte sie mit einem „Aber“ ihre eigene Klarstellung entwertet.

So ging denn dieser Befreiungsversuch nach hinten los: Statt die von Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen in die Schlagzeilen gebrachte Werte-Union konservativer Kräfte in der CDU zu mäßigen, brachte sie die Mitglieder erst Recht auf den Baum. Und statt ihre Bedeutung zu relativieren, machte sie sie nur noch wichtiger. Ihre Mitgliederzahl stieg von 2000 auf 3000.

Platz 60 von 61

Und so war denn auch die Debatte über die Qualifikation der Parteivorsitzenden nicht mehr zu stoppen. Sie mache „einen Fehler nach dem anderen“, hieß es in den Polit-Talks. Und die ersten Beobachter legten sich fest, dass sie nicht Kanzlerin werde. AKK hatte gleich zwei Fehler auf einmal gemacht: Einen Fehler nicht einzuräumen, und dann nicht mal aus ihm zu lernen.

Der Vorgang scheint typisch für ein Land zu sein, das kaum mit Fehlern umgehen kann. Der Lüneburger Arbeitspsychologe und Fehlerforscher Michael Frese hat in einer noch unveröffentlichten Studie die Toleranz der Bevölkerung gegenüber Fehlern untersucht und kam nach eigenen Aussagen für Deutschland auf Platz 60 von 61 Ländern. Nur in Singapur achten die Menschen noch mehr darauf, dass Fehler gar nicht passieren dürfen. Dabei wissen Pädagogen, dass Kinder sich besser entwickeln, wenn sie von früh an nach der Devise Versuch-und-Irrtum erzogen werden. Und Unternehmensberater preisen die Vorteile einer funktionierenden Fehlerkultur in den Betrieben. Dass Fehler zu machen zum Erfolg zwingend dazu gehört. Und dass nur der offene Umgang damit die Firma weiterbringt.

Gilt das auch für die Politik? „Sich wegducken und verschweigen ist auf jeden Fall die falsche Strategie“, sagt Politikberater Jürgen Merschmeier. Seine Empfehlung: „Man sollte Fehler zugeben, eventuell auch über die Gründe für die Fehler reden und sich – falls notwendig – entschuldigen.“ Merschmeier, früher CDU-Sprecher unter Helmut Kohl, verweist gerne auf ein japanisches Sprichwort: „Auch wenn man den Kopf in den Sand steckt, bleibt immer noch der Hintern zu sehen.“ An diesem Bild orientieren sich viele Akteure in Japan. Manchen sind noch die Spitzenmanager bei einer Pressekonferenz in Tokio vor Augen, als diese sich mit einer tiefen Verbeugung bei den Kunden für den Diebstahl von Nutzerdaten aus dem Playstation-Network entschuldigten.

Merschmeier steht mit seiner Meinung nicht alleine. Der bekannte Politikberater Michael Spreng kennt auch nur ein Rezept, um aus der Situation nach einem Fehler wieder herauszukommen: Ihn offen anzusprechen und sich zu entschuldigen, wenn es notwendig ist. „Leugnen, Verdrängen, Herumdrucksen verlängert nur die Krise“, sagt Spreng eindeutig.

Mitunter schaffen es Politiker sogar, mit ihren Fehlern ganz groß rauszukommen. Wie FDP-Chef Christian Lindner im NRW-Landtag, als er noch als Oppositionspolitiker zu einer begeistert gefeierten Wutrede ausholte. Gerade hatte er Ende Januar 2015 die SPD-Ministerpräsidentin für ihre Regierungserklärung zugunsten von mehr Unternehmensgründungen gelobt, weil sie sich dafür ausgesprochen hatte, das Scheitern von Pionieren nicht ihr Leben lang als Stigma zu verwenden, als ein SPD-Abgeordneter meinte, damit habe Lindner ja so seine eigenen Erfahrungen. „Ja, ich habe ein Unternehmen gegründet, und ja, ich war nicht erfolgreich“, sagte Lindner sozusagen zum Warmlaufen. Und brachte es dann auf den Punkt: „Wenn man Erfolg hat, gerät man in das Visier der sozialdemokratischen Umverteiler, und wenn man scheitert, ist man sich Spott und Häme sicher.“

Lindners Fehler? Merkels Schuld?

Viele Unternehmen in Deutschland sind bei der Etablierung von Fehlerkultur deutlich weiter als die Politik. Letztlich sind die Fehler in der Politik aber nicht so eindeutig zu entlarven. Für viele hat Lindner einen Riesenfehler gemacht, als er das Jamaika-Bündnis scheitern ließ. Möglicherweise wäre es aus Sicht vieler FDP-Wähler aber der größere Fehler gewesen, gleich wieder als Umfallerpartei zu beginnen, die zugunsten von Regierungslimousinen auf wichtige Inhalte verzichtet.

Aus Lindners Sicht hat die damalige CDU-Chefin Angela Merkel den Fehler gemacht, die Warnsignale und Wünsche der FDP nicht ernst genug genommen zu haben. Ob CDU oder FDP (oder keiner von beiden) die Chance erhält, aus Fehlern zu lernen, entscheiden allerdings die Wähler.

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