Vorschlag von Bodo Ramelow: Brauchen wir eine neue Nationalhymne?

Vorschlag von Bodo Ramelow : Brauchen wir eine neue Nationalhymne?

Auch, wenn es 30 Jahre her ist, dass die Mauer fiel und die Ostdeutschen im Zuge der Wiedervereinigung sehr viel mehr aufgegeben haben als die Westdeutschen, wird der Vorschlag von Bodo Ramelow mächtig für Aufregung sorgen.

Eine für alle, wie er betont. Denn viele Ostdeutschen singen nach seiner Beobachtung die dritte Strophe des Deutschlandliedes von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben aus dem Jahr 1841 nicht mit. Er selbst singt zwar „Einigkeit und Recht und Freiheit“, hat aber Beklemmungen, weil ihm die Bilder der Nazi-Aufmärsche dazu in den Kopf kommen, die die erste Strophe des Liedes für ihre Kriegspolitik missbrauchten. Außerdem wird die erste Liedstrophe nach seiner Einschätzung ewig die Gefahr bergen, von Neonazis instrumentalisiert zu werden.

Die Empörung über den Vorstoß von Ramelow, der der einzige Ministerpräsident der Linken in Deutschland ist, ist erheblich. Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) bezweifelt zwar, dass die Ostdeutschen ein Problem mit der Nationalhymne haben. Aber er hat einen Veränderungsvorschlag: „Ich könnte mir vorstellen, die Hymne ergänzen zu lassen, um eine zweite und dritte Strophe, geschrieben von zeitgenössischen Dichtern“, sagte er in einem Interview. Der sächsische Linksfraktionschef Rico Gebhardt nennt die Diskussion „überfällig“ und befürwortet die „Kinderhymne“ von Bertolt Brecht als Ersatz für die Nationalhymne. Diese entspreche „einem aufgeklärten Heimatverständnis, das keinen Platz für Nationalismus und übersteigerten Patriotismus lässt“, erklärt Gebhardt. Die „Kinderhymne“ anstelle beider Nationalhymnen hatte in der Wendezeit schon der Runde Tisch der DDR erfolglos vorgeschlagen.

Die neue FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg sagt, es brauche keine neue Nationalhymne. „Hymne und Flagge sind Teil unserer Freiheitsgeschichte in der Tradition der Revolution von 1848. An Einigkeit und Recht und Freiheit ist nichts überholt. Mit dieser Tradition sollten wir nicht brechen, sondern uns gerade auf sie besinnen.“ Deutschland brauche aber etwas anderes Neues: „Ein großes gesamtdeutsches Gespräch über den Stand der Deutschen Einheit.“

Der Ärger in der Union ist groß. „Wenn Herr Ramelow von den SED-Nachfolgern der Linkspartei ein Problem mit Einigkeit und Recht und Freiheit hat, dann sollte er seine Haltung überdenken, aber nicht unsere Nationalhymne ändern“, sagt CSU-Generalsekretär Markus Blume. Und der innenpolitische Experte der Unionsfraktion, Philipp Amthor, findet Ramelows Idee „überflüssig und spalterisch“. Auch der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, meint: „Es gibt keinen besseren Text, der mir im Sinne eines breiten gesellschaftlichen Konsenses einfallen würde.“

Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald sieht die Hymne als „nationales Bindemittel“. „Alle singen für eine Minute den gleichen Text, ein sanglicher Gleichklang entwickelt sich.“ Eine neue Hymne könne aber nicht verordnet werden. In der aktuellen Situation in Deutschland würde man mit einer Neuerung auch die Stabilität, die die Nationalhymne gibt, aufgeben. „Wenn es uns aber gelingt eine Aufbruchstimmung und eine neue Gesinnung zu entwickeln, dann sollte das auch musikalisch untermauert werden.“ Grünewald sagt, dass die Deutschen immer auf der Suche nach sich selbst seien. Das hänge mit der Geschichte zusammen. „Da sind wir Deutschen froh, wenn es Momente wie bei der Nationalhymne gibt, in denen wir zeigen können: Wir sind da.“

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