Heinsberg: Deutscher Nato-Oberbefehlshaber Domröse im Interview

Heinsberg: Deutscher Nato-Oberbefehlshaber Domröse im Interview

Hans-Lothar Domröse organisiert als Nato-Oberbefehlshaber in Brunssum die Militäreinsätze der Allianz bis nach Afghanistan. Während des Nato-Gipfels in Wales hat er erst am vergangenen Wochenende ein Manöver in Lettland geleitet.

Im Interview mit unserer Zeitung erklärt der General, was den russischen Präsidenten so gefährlich macht.

Lielvarde, Lettland, am vergangenen Sonntag: General Hans-Lothar Domröse (unten links) leitet ein Manöver, das ein Signal an die Bevölkerung im Baltikum senden soll. Nato-Kräfte befreien einen von feindlichen Kräften eroberten Flugplatz. Foto: dpa

Herr Domröse, was genau hat die Nato unter Ihrer Führung am vergangenen Wochenende in Lettland geübt?

„Die Nato musste reagieren“: In Heinsberg erläutert Hans-Lothar Domröse unserem Redakteur Marco Rose seine Sicht auf den Machtpolitiker Putin. Foto: Dettmar Fischer

Domröse: Alle drei baltischen Staaten gehören seit zehn Jahren zur Allianz, und in allen drei Staaten organisieren wir regelmäßig Militärübungen. Das aktuelle Manöver hatte natürlich einen besonderen Hintergrund. Es sollte der Bevölkerung demonstrieren: Die Nato ist bereit im Falle einer Krise — auch für Euch! Wir haben in Lettland eine Luftlande-Übung durchgeführt.

epa04388105 A US soldier in an Stryker armored personal carrier (APC) takes part in NATO's Steadfast Javelin II military exercise in Lielvarde, Latvia, 06 September 2014. Hundreds of soldiers, vehicles and aircraft from nine countries will take part in a NATO military exercise on the alliance's eastern front. The exercise was initially supposed to be US-sponsored, but has been expanded to a larger-scale NATO exercise as part of a bid to reassure eastern member states that feel threatened by Russia. It will train more than 2,000 soldiers, according to the alliance. The exercise will run through 08 September in Estonia, Latvia, Lithuania and Poland, as well as Germany. The USA and Canada are also among the countries taking part. EPA/VALDA KALNINA +++(c) dpa - Bildfunk+++

Die Annahme war: Feindliche Kräfte haben den Flugplatz gestürmt und besetzt. Wir haben ihn geöffnet, sind mit rund 500 Springern aus zehn Nationen reingegangen. Dazu kam schweres Gerät, das mit Transportflugzeugen abgesetzt wurde. Alles was man so braucht. Wir haben auf diese Weise gezeigt: Wir können das!

Die Parallelen zum zeitgleich stattfindenden Nato-Gipfel in Wales waren vermutlich kein Zufall.

Domröse: Der Zeitpunkt war glücklich gewählt und passte perfekt, weil die Staats- und Regierungschefs gerade in Newport verabschiedet hatten, dass wir eine schnelle Eingreiftruppe aufbauen wollen. Wir konnten demonstrieren: Wir sind auch heute schon nicht schlecht, aber wir können morgen besser sein. Und das haben die Regierungschefs beschlossen. Wir werden deshalb die Alarmierungszeiten reduzieren — also die Zeit zwischen Alarmierung und Verlegung.

Wir haben üblicherweise für manche Kräfte fünf Tage Zeit, für andere 30 Tage. Wir werden jetzt ein neues Paket schnüren: Einige Kräfte werden so schon nach ein bis zwei Tagen vor Ort sein können, andere nach fünf beziehungsweise zehn Tagen. Das ist das eine. Der zweite Punkt ist: Wir müssen gemeinsam üben, um das auch zu können. Ganz wesentlich ist dabei die Kommunikation.

Sind Sie aus militärischer Sicht zufrieden mit den Gipfelergebnissen? Reichen die Signale aus, um Russland in die Schranken zu weisen?

Domröse: Ich glaube ja. Dieser Gipfel stand deutlich im Zeichen der Verletzung sämtlicher internationaler Rechtsnormen durch Russland mit der Annektierung der Krim und dem Einmarsch in die Ostukraine. Da ist etwas passiert, was wir uns 40 Jahre nicht vorstellen konnten. Wir hatten doch gehofft, und auch mit Russland viele entsprechende Verträge abgeschlossen, dass man über Streitigkeiten nur noch diplomatisch verhandelt — und nicht mit Waffengewalt.

Die Nato-Russland-Akte besagt, dass alle Staaten die Integrität der Grenzen respektieren. Präsident Putin hat damit gebrochen. Das ist also die neue Realität in Europa. Darauf hat die Nato reagiert. Und all das, was die Staatschefs in Newport beschlossen haben, trägt dem Rechnung.

Was heißt das konkret?

Domröse: Wenn die Russen innerhalb von Stunden einmarschieren können, müssen wir auch innerhalb von Stunden bereit sein, zu verteidigen. Wir bedrohen niemanden. Aber wenn ich erst Wochen später komme, dann ist es zu spät. Deshalb müssen wir im Krisenfall einfach schneller reagieren können. Ich muss schnell eine entsprechend schlagkräftige Truppe zur Hand haben.

In einem Ernstfall ist das Baltikum mit konventionellen Mitteln doch kaum zu verteidigen.

Domröse: Abschreckung ist weiterhin ein wichtiger Teil unserer Strategie. Die Staats- und Regierungschefs haben deshalb noch einmal den Grundsatz der gemeinsamen Verteidigung betont. Der Angriff gegen einen Staat wird von uns als Angriff gegen alle 28 Mitglieder gewertet. Schreckt das ab? Das weiß ich nicht. Das Prinzip der Abschreckung beruht darauf, dass wir die entsprechenden Fähigkeiten haben und der Gegner weiß, dass wir im Notfall sogar mit atomaren Mitteln antworten.

Kann man das Baltikum verteidigen? Ich sage Ja. Aber ich vertraue auch darauf, dass die Abschreckung trägt. Denn eines ist klar: Würde Russland dort genauso verfahren wie in der Ukraine, dann würde die gesamte Nato antworten. Das ist unstrittig. Es würde ein entsetzlicher Krieg ausbrechen, und die Konsequenzen sind überwiegend nicht absehbar. Und weil das so ist, glaube ich, dass Präsident Putin diesen Schritt niemals gehen wird.

Nuklearwaffen bleiben also ein Bestandteil der Abschreckungsstrategie?

Domröse: Natürlich gehören zu dem gesamten Spektrum unserer Fähigkeiten auch die Nuklearwaffen. Ich glaube: Die Abschreckung funktioniert. Und zwar schon weit unterhalb der nuklearen Ebene. Wir machen das konventionell und sagen: Wir müssen ab und an demonstrieren, dass auch kleine Fehltritte geahndet werden.

Können Sie es verstehen, dass Balten wie Polen am liebsten die Nato-Russland-Akte aufkündigen würden, um massive Nato-Verbände in ihren Ländern zu stationieren?

Domröse: Verstehen kann ich das. Das ist so ähnlich wie im Straßenverkehr: Fährt mein Vordermann bei Rot über die Ampel, glaube ich, das auch tun zu dürfen. Aber: Es gibt keine Gleichheit im Unrecht! Diejenigen, die sagen, „Russland hat das Abkommen mit der Nato gebrochen, also halten wir uns auch nicht daran“, wollen Unrecht mit Unrecht ausgleichen.

Das ist nicht unser Verständnis, und das ist schon gar nicht mein persönliches juristisches Verständnis. Als Operateur, der vor Ort die Verteidigung organisieren muss, sage ich natürlich: „Bigger is better!“ Aber wir haben nun einmal die Nato-Russland-Akte, und die verbietet so etwas. Ich halte das auch für richtig. Das bedeutet aber auch, dass wir auf Feldern gemeinsamer Interessen wieder mit Russland zusammenarbeiten können.

Wie könnte das funktionieren?

Domröse: Wir müssen uns fragen: Wie gehen wir künftig mit Russland um? Wir würden zum Beispiel im Kampf gegen Terrorismus und Piraterie mit Moskau gerne weiter zusammenarbeiten. Auch wenn es um den Iran geht, um Syrien. Nicht zu vergessen: das europäische Energieproblem Gas! In den vergangenen 40 Jahren ging es im Verhältnis zu Russland eigentlich immer bergauf. Wahrscheinlich hat uns Putin auf die 70er, 80er Jahre zurückgeworfen.

Damals ist man von Feindschaft zu einer friedlichen Koexistenz übergegangen. Nach dem Motto: „Ich finde dein System nicht gut, du findest meines nicht gut. Aber wir tun uns nichts. Wir akzeptieren, dass wir unterschiedlich sind.“ Im Endergebnis müssen wir sehen, wie wir klarkommen, ohne Konflikte mit Gewalt zu lösen.

Weiß Putin also genau, wo seine Grenzen sind?

Domröse: Ich hoffe das. Ich kann Präsident Putin nicht genau einschätzen. Es ist auch nicht meine Aufgabe, über einen Staatspräsidenten zu spekulieren. Ich sehe auf die Fakten. Und da stelle ich fest: Das Potenzial zum Schlechten hat er. Die russischen Streitkräfte sind hochmobil und sehr modern ausgestattet, sodass es Russland gelingt, Land-, Luft- und Seestreitkräfte über große Entfernung in kurzer Zeit zu verlegen. Und das vor dem nun erlebten Hintergrund. Da muss ich sagen: Donnerwetter! Wenn er das falsch einsetzt, dann stehen wir mit einem kurzen Hemd da. Und darauf hat der Nato-Gipfel reagiert.

Die russischen Streitkräfte sind also nicht so marode, wie man in Deutschland gemeinhin annimmt?

Domröse: Nein, in den vergangenen zehn Jahren hat Russland einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht. Auch wenn Sie sich das Budget anschauen: Es ist sehr viel Geld in die Streitkräfte geflossen, auch die Motivation der Soldaten ist gut. Putin hat die Gehälter erhöht und sorgt dafür, dass die Soldaten angesehen sind. All das führt zu einer Motivation und Schlagkraft, die erstaunlich ist.

Wir dürfen Russland also nicht unterschätzen. Es ist schon eine militärische Weltmacht, die Hightech hat. Gucken Sie sich seine moderne Artillerie an, die er in der Ukraine einsetzt! Gucken Sie sich seine Luftabwehrfähigkeiten an, die wirkungsvoll und präzise sind! Da würde ich nicht zaudern zu sagen: Respekt, das ist gut! Da müssen wir erst mal besser sein.

Angesichts solcher Gedankenspiele fühlen sich viele Deutsche wie in einem bösen Traum vom Kalten Krieg. Die Linke wirft Ihnen sogar vor, bloß ein neues Feindbild aufzubauen.

Domröse: In dieser Debatte halte ich viele Argumente für künstlich. Präsident Putin fühlt sich ja angeblich von der Nato bedroht. Das fällt ihm allerdings erst ein halbes Jahr nach der Krim-Besetzung ein. Ich halte das für nachgeschoben. In der Krim und in der Ostukraine bewegen Putin meines Erachtens andere Motive als das der Bedrohung durch die Nato.

Es sind die Menschen im Baltikum, in Polen und Ungarn gewesen, die aufgestanden sind und Freiheit wollten; die Mitglieder der Allianz geworden sind, weil sie dem großen Bruder nicht trauten. Wenn sie sich die Streitkräfte der Russen in ihrer ganzen Schlagkraft heute anschauen, dann ist es nicht nachvollziehbar, dass sich Moskau beispielsweise von einer estnischen Brigade bedroht fühlen sollte.

Trotzdem kann den Bürgern bei dieser Kriegsrhetorik doch angst und bange werden.

Domröse: Die Rolle rückwärts in den Kalten Krieg will ja niemand. Wir haben deutlich gesagt, was nicht akzeptabel ist: nämlich die gewaltsame Wegnahme von Land mitten in Europa. Das geht einfach nicht. Aber wir müssen trotzdem sehen, wie wir mit den rund 150 Millionen Russen weiter leben. Langfristig müssen wir sehen, wie wir wieder zusammenkommen können. Wir haben ja wahrlich genug Krisenherde auf dieser Welt!