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Charles Michel: Der neue Gipfel-Chef kommt von nebenan

Charles Michel : Der neue Gipfel-Chef kommt von nebenan

Der künftige EU-Ratspräsident Charles Michel weiß als belgischer Premier, wie man Kompromisse findet

Zu seinem neuen Büro könnte der künftige EU-Ratspräsident Charles Michel (43) eigentlich zu Fuß gehen. Sein bisheriger Schreibtisch stand nur ein paar hundert Meter vom Ratsgebäude der Union entfernt – im Palais des belgischen Ministerpräsidenten. Seit 2014 hat der gebürtige Wallone die Föderalregierung gelenkt, seit Dezember 2018 allerdings nur noch geschäftsführend, weil ihm sein wichtigster Koalitionspartner, die flämischen Konservativen, abhandengekommen war. Als er vor fünf Jahren zum neuen Premierminister Belgiens aufstieg, war er gerade mal 38 Jahre alt. Seine Landeskinder mussten sogar bis ins Jahr 1841 zurückblättern, um einen vergleichbar jungen Regierungschef zu finden.

Aber Charles Michel, der am 21. Dezember 1975 im wallonischen Namur bei Brüssel geboren wurde, kennt das schon. Mit 14 klebte er Wahlplakate für Papa Louis, der als belgischer Außenminister und späterer EU-Kommissar bekannt wurde. Charles war gerade 18 Jahre alt, als er einen Sitz im Regionalparlament ergatterte. Mit 23 saß er im föderalen Parlament in Brüssel. Sein Studium hatte Michel eben erst abgeschlossen, da wechselte er auf den Posten als wallonischer Innenminister – mit 24 Jahren. Spätestens da galt er nicht mehr nur als „Sohn von Louis“, zumal der als diskret und ruhig geltende Charles Michel anders als sein oft cholerisch wirkender Vater rüberkam.

Der liberale Politiker führte eine selten schwierige Koalition, die im Land als „Kamikaze-Bündnis“ bezeichnet wurde, aus flämischen Christdemokraten, flämischen Liberalen und der rechtsnationalen Partei des Flamen Bart de Weber. Seine wallonischen Liberalen (MR: Mouvement Réformateur) war die einzige Partei aus dem frankophonen Landesteil. Und er hatte auch gleich alle Hände voll zutun: Aus dem Staatshaushalt mussten mehrere Milliarden herausgekürzt werden, um den Stabilitätsanforderungen der EU zu entsprechen. „Solche Aktionen kann man nur langfristig angehen“, begründete er die Anhebung des Renteneinstiegsalters.

Die Rotstift-Aktion brachte ihm nicht nur einen Generalstreik ein, sondern auch eine Portion Pommes, die ihm eine Aktivistin bei einem öffentlichen Auftritt ins Gesicht schleuderte – stilecht mit Mayonnaise natürlich. Doch der Premier gab und gibt sich gerne kämpferisch. Michel regierte ein Land, das sich selbst auffrisst, weil Löhne, Gehälter, Mieten und andere Einnahmen automatisch aufgrund eines jährlich festgelegten Preisindex steigen. Null-Runden sind als Instrument der Politik praktisch nicht möglich. Nun übernimmt er den Job von Donald Tusk – weil er zur liberalen Parteienfamilie gehört und als Vertrauter des französischen Staatspräsidenten Macron gilt. Aber wohl auch deshalb, weil er schlicht frei war. Denn bei den belgischen Wahlen vom 26. Mai war Michel abgewählt worden. Außerdem weiß er, wie man Kompromisse herstellt. Michel ist mit dem Votum der Staats- und Regierungschef bereits gewählt. Bei seinem Job hat das EU-Parlament kein Mitspracherecht. (dr)