Aachen: David Ranan über muslimischen Antisemitismus: „Angst ist übertrieben“

Aachen: David Ranan über muslimischen Antisemitismus: „Angst ist übertrieben“

In Deutschland ist die Diskussion über muslimischen Judenhass in vollem Gange. Einer, der sich in die Debatte eingeschaltet hat, ist der israelische Politologe David Ranan. Er widerspricht dem Eindruck, dass unter Muslimen der Antisemitismus stärker verbreitet ist als in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Unser Redakteur Joachim Zinsen sprach mit dem Wissenschaftler.

Herr Ranan, ist es für einen Menschen jüdischen Glaubens heute gefährlich, in Deutschland eine Kippa zu tragen?

David Ranan: Für viele in der deutschen Gesellschaft ist es bequemer, über muslimischen Antisemitismus zu reden als über den eigenen. Foto: Dietz-Verlag

Ranan: Ich trage keine Kippa. Von daher kann ich nicht aus persönlicher Erfahrung sprechen. Es gibt sicherlich Juden, die große Angst vor Übergriffen haben. Ich halte das aber für übertrieben. Natürlich werden in manchen Gegenden Kippa-Träger als Außenseiter betrachtet. Doch ebenso werden vielerorts Muslima wegen ihres Kopftuches angepöbelt oder erkennbare Schwule wegen ihrer Homosexualität. Nichts davon sollten wir dulden.

Trotzdem gibt es aber doch Antisemitismus in Deutschland.

Ranan: Natürlich wäre es schön, wenn es eine Gesellschaft ohne Hass gäbe. Aber so sind wir Menschen leider nicht. Wir haben alle unsere Vorurteile, unsere Hassfiguren. Für viele Menschen in Deutschland sind das nach wie vor die Juden, für andere sind es die Muslime, für weitere sind es die Amerikaner. In Deutschland gab es die furchtbare Erfahrung des Holocaust. Dadurch ist die heutige Gesellschaft sensibilisiert. Sie ist inzwischen sehr wachsam gegenüber Antisemitismus und greift das Thema häufig auf. Das heißt aber nicht, dass von ihm wieder eine große Gefahr ausgeht.

Vor wenigen Wochen wurde der Fall eines Mädchens bekannt, das in Berlin von Mitschülern mit dem Tode bedroht worden sein soll, weil es ein jüdisches Elternteil hat. Ist das kein Alarmzeichen?

Ranan: Das Mädchen wurde lange gemobbt, weil muslimische Mitschüler dachten, sie sei eine ungläubige Muslima. Erst ganz zum Schluss kam dazu, dass das Mädchen Jüdin war. Natürlich ist jedes Mobbing schlimm und furchtbar. In Deutschland sind davon aber eine halbe Million Kinder mindestens einmal pro Woche betroffen. Dazu gehört auch der konkrete Fall in Berlin. Es ist falsch, hier Antisemitismus zu thematisieren, wenn eigentlich das große Thema „Aggressionen unter Jugendlichen“ ist.

Trotzdem hat der Fall hohe Wellen geschlagen. Wenn seither öffentlich über Judenhass diskutiert wird, dann fast ausschließlich über muslimischen Antisemitismus. Woran liegt das?

Ranan: Für viele in der deutschen Gesellschaft ist es bequemer, über einen muslimischen Antisemitismus zu sprechen als über den eigenen. Sie bedienen sich einer klassischen Entlastungsstrategie. Es wird mit dem Finger auf andere gezeigt, um von sich selbst abzulenken. In der deutschen Gesellschaft, in der Antisemitismus mittlerweile stark tabuisiert ist, wird solch eine Debattenführung schnell zu einer gefährlichen Waffe. Die AfD und Teile der CSU nutzen sie, um zu sagen: Weil die Muslime Juden hassen, dürfen wir sie nicht ins Land lassen. Im Wahlkampf plakatierte beispielsweise die AfD, sie sei der einzige Garant für die Sicherheit jüdischen Lebens in Deutschland. Das ist eine völlig absurde Behauptung. Der weit überwiegende Teil antisemitischer Straftaten wird hierzulande von Rechtsradikalen und nicht von Muslimen begangen.

Sie selbst haben gerade ein Buch über muslimischen Antisemitismus veröffentlicht. Wie groß ist in Deutschland dieses Problem?

Ranan: Die Frage lässt sich nur beantworten, wenn vorher geklärt ist: Was verstehen wir unter Antisemitismus? Darüber besteht nämlich keineswegs Einigkeit. Zudem wird mit dem Begriff sehr viel Politik betrieben.

Inwiefern?

Ranan: Die israelische Regierung diffamiert inzwischen fast jede harte Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern als antisemitisch. Unterstützt wird sie dabei von einigen jüdischen Lobbyverbänden. Beide missbrauchen den Begriff Antisemitismus. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin Zionist und stehe hinter der UN-Entscheidung von 1947, dem jüdischen Volk einen eigenen Staat zu ermöglichen. Aber die Politik Israels gibt seit langem reichlich Anlass zur Kritik. Um sie zu äußern, muss man kein Antisemit sein.

Was verstehen Sie denn unter Antisemitismus?

Ranan: Der britische Philosoph Brian Klug hat eine sehr gute Definition geliefert. Er sagt: Antisemitismus ist eine Art Feindseligkeit gegen Juden als „Juden“. Es ist eine Feindseligkeit, die auf angedichteten Eigenschaften und Kräften beruht.

Für Ihr Buch haben Sie mit 70 in Deutschland lebenden Muslimen gesprochen. Sind Sie dabei auf solche Feindseligkeiten gestoßen?

Ranan: Während der Gespräche wurde deutlich, dass viele Muslime die Begriffe Jude und Israeli gleichsetzen. Besonders bei arabischstämmigen Muslimen ist das nachvollziehbar. Für viele von ihnen ist der Nahe Osten die alte Erfahrungswelt. Nach der Staatsgründung Israels wurden dort aus jüdischen Einwanderern Israelis. Muslimische Araber verstanden sie als Feinde, für die sie Platz machen mussten. Dieses Bild lebt fort. Wenn heute ein Araber „Tod den Juden“ schreit, meint er damit die Israelis. Solche Sprüche sind zwar schrecklich, aber keineswegs antisemitisch. Sie gehören zur Sprache des blutigen Konflikts, den es in Israel und Palästina gibt. Ähnlich haben übrigens während des Zweiten Weltkriegs auch Deutsche über Briten und Briten über Deutsche geredet.

Aber wenn es auf Demonstrationen heißt „Kindermörder Israel“, dann knüpfen solche Sprüche doch an klassische antisemitische Klischees an. Oder?

Ranan: Dem gebildeten Mitteleuropäer ist vielleicht bewusst, dass die Juden jahrhundertelang von Christen beschuldigt wurden, Ritualmorde an Kindern zu begehen. Aber der junge Muslim, der solch einen Spruch schreit, kennt dieses antisemitische Klischee nicht. Er hat nur gesehen, dass am Vorabend israelische Bomben auf Gaza gefallen sind und Kinder getötet wurden. Er ist wütend, vielleicht auch von der Kriegspropaganda arabischer Medien aufgehetzt. Aber er ist nicht antisemitisch.

Der Kern des als muslimischer Antisemitismus bezeichneten Phänomens hat also keine religiösen Motive, sondern ist das Resultat des ungelösten Nahost-Konflikts?

Ranan: Genau. Natürlich gibt es auch islamistischen Antisemitismus, der religiös begründet ist. Aber deren Vertreter sind eine absolute Minorität.

Wäre demnach mit einer Lösung des Nahost-Konflikts der muslimische Antisemitismus beseitigt?

Ranan: So weit würde ich nicht gehen. Es braucht Zeit und viel Arbeit, um Hass und Vorurteile abzubauen. Denn die arabische und muslimische Welt hat in den Jahren des Konflikts mit Israel Ideen des klassischen europäischen Antisemitismus übernommen.

Was meinen Sie damit konkret?

Ranan: Es gibt unter Muslimen inzwischen eine ganze Palette von Vorurteilen: Beispielsweise, dass alle Juden reich sind. Oder dass Juden die internationale Politik beherrschen. Viele sehen sich durch ihre Erfahrungen in dem Glauben bestärkt. Viele sind überzeugt, dass Israel sich gegenüber der arabischen Welt nur behaupten kann, weil es in den USA mächtige jüdische Einflussgruppen gibt. Das stimmt ja auch zum Teil. Doch daraus haben sich krude Verschwörungstheorien entwickelt. Sie erfüllen den gleichen Zweck wie Religionen: Es werden einfach Erklärungen geliefert.

Wie kann in Deutschland Antisemitismus bekämpft werden? Auch unter muslimischen Jugendlichen? Helfen Besuche von Schulklassen in KZ-Gedenkstätten?

Ranan: Ich halte nichts von solchen Schocktherapien. Die Gefahr ist doch nicht, dass in Deutschland wieder Vernichtungsfabriken eröffnet werden. Die Gefahr ist, dass in Europa mit großer Leichtigkeit Hass auf Minderheiten geschürt und geduldet wird. Wäre ich Schulleiter, würde ich keine Auschwitz-Besuche anordnen, sondern versuchen, den Schüler ein besseres Verständnis des Nahost-Konflikts und ein Differenzieren zwischen Zionismus, Israel und Judentum zu vermitteln.

Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wurde verabredet, im Kanzleramt einen Beauftragten gegen Antisemitismus anzusiedeln. Ist das eine gute Idee?

Ranan: Nein, es ist eine Schnapsidee. Wir brauchen keine „Bundes-Nanny“ für Juden — auch wenn der Zentralrat der Juden in Deutschland so etwas fordert. Ein Antisemitismus-Beauftragter thematisiert ein Problem, löst es aber nicht. Es gibt in Deutschland Antisemitismus, Islamophobie, Rassismus. Wir müssen als gesamte Gesellschaft dafür sorgen, dass der Hass aus unserer Mitte verschwindet.

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