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Das Massaker vom 4. Juni 1989: Aachener berichtet vom Tiananmen-Platz

Das Massaker vom 4. Juni 1989 : Mit versteckter Kamera über den Tiananmen-Platz

Vor 30 Jahren demonstrierten tausende Studenten mitten in Peking für Freiheit und Demokratie. Am 4. Juni schlug das Regime zu und richtete ein Blutbad an. Nur vier Tage zuvor war der Aachener René Bremen auf dem Tiananmen-Platz und sprach mit Studenten.

„Sie hatten Angst, dass ihre Demonstration gewaltsam niedergeschlagen wird. Aber ich glaube, niemand von ihnen hatte sich ausgemalt, wie grauenvoll es dann tatsächlich wurde.“ 30 Jahre ist es jetzt her, aber René Bremen erinnert sich sehr genau an jene Tage in Peking. Zwei Mal war er am 29. und 30. Mai 1989 auf dem Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens, wo das chinesische Regime am 4. Juni die Demokratiebewegung mit äußerster Brutalität ein für alle Mal beendete.

„Etwas Hoffnung müssen die Studenten doch gehabt haben; es waren ja Tausende“, sagt Bremen im Gespräch mit unserer Zeitung. „Auf Unterstützung aus dem Westen haben sie aber nicht gesetzt; da waren sie sehr realistisch.“ Bremen, der heute 76 Jahre alt ist, befand sich damals mit einer kleinen Touristengruppe auf einer dreiwöchigen Städtereise durch China. Peking war die vorletzte Station. Während der gesamten Zeit seien sie überwacht worden. „Wir wurden ständig bespitzelt; das merkte man. Und überall hingen Videokameras – sogar in den Aufzügen im Hotel.“

„Hinterher haben wir erfahren, dass wir die letzte Touristengruppe waren, die man noch ins Land gelassen hatte.“ Die Reise sei bis ins Detail organisiert gewesen, was die Kontrolle der Gruppe durch die chinesischen Begleiter erleichtert habe. Der eigentliche Reiseleiter war ein Student der Sinologie aus München, mit dem sich Bremen ein wenig angefreundet hatte. Und der wollte abends in Peking unbedingt zum Tiananmen und bat Bremen, ihn zu begleiten. Hatte er denn keine Angst? „Nein“, sagt Bremen, „ich war genau so abenteuerlustig wie unser Reiseführer.“

„Wir konnten dann auf Englisch mit einigen Studenten sprechen. Sie baten uns, in unserer Heimat von den Ereignissen zu berichten und hefteten uns Sticker mit Freiheitsslogans an die Revers.“ Bremen berichtet von einer „ganz eigenartigen Atmosphäre. Wir spürten eine Spannung, die nichts Gutes bedeutet. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass sich Militärtruppen aus dem Norden auf Peking zu bewegen.“ Aber das war längst noch nicht alles.

Hungerstreikende in Zelten

Als die Reisegruppe am folgenden Morgen im Zentrum der Hauptstadt direkt neben dem Tiananmen den berühmten Kaiserpalast besuchen wollte, war der Zugang versperrt, „weil, wie wir aber erst viel später erfuhren, auf dem Gelände schon die Panzer standen“.

An jenem Tag war Bremen mit seiner Frau noch einmal auf dem Platz des Himmlischen Friedens. In einer Tasche versteckte er seine Videokamera und machte heimlich Aufnahmen. Zwar war er sich bewusst, dass sich überall auf dem Tiananmen Spitzel unter die Studenten gemischt hatten, „aber über das Risiko war ich mir in dem Moment nicht so im Klaren. Wenn ich gewusst hätte, dass das Militär so nahe auf der Lauer liegt, hätte ich es wohl nicht getan.“ Schließlich bestand eine strenge Informationssperre.

Bremen erzählt: „Ein paar der jungen Leute schenkten uns Anstecker mit Freiheitssymbolen, deren Tragen strengstens verboten war, wie wir später hörten. Während der ganzen Zeit filmte ich heimlich, so gut es möglich war – hunderte Zelte mit Freiheitszeichen und westlichen Demokratie-Aufschriften. Es wurden Fahnen mit Parolen geschwenkt und in der Platzmitte gehisst. In manchen Zelten sahen wir die Hungerstreikenden – manche schon in schlechtem gesundheitlichen Zustand. Aber sie versuchten standzuhalten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.“

Am 4. Juni 1989 war die Reisegruppe bereits rund tausend Kilometer südwestlich von Peking, in Xian, der Metropole mit der weltberühmten Terrakotta-Armee. Dort bekamen sie erste Informationen über das Massaker. „Aber die ganze Dimension der Gewalt konnten wir erst erfassen, als wir zurück in Deutschland waren.“

Dass dieser Massenmord und die ungeheuerliche Brutalität der chinesischen Diktatur bis heute nicht aufgeklärt und aufgearbeitet worden sind, dass jede Erinnerung daran vom chinesischen Regime unterdrückt wird, ist das traurigste Fazit, das Bremen aus seinen Erinnerungen zieht.