Berlin: Das Jahr 1968: Früher fand er es peinlich, heute grinst er

Berlin : Das Jahr 1968: Früher fand er es peinlich, heute grinst er

Hosea-Ché Dutschke hat gleich drei große Namen. Den eines Propheten, den eines Guerillaführers und — natürlich - den seines Vaters: Rudi Dutschke. Manchmal sind sie ihm unangenehm, seine drei Heldennamen. Zu auffällig für einen Menschen, der zwar selbst viel bewirken will, dabei aber eigentlich nicht das Rampenlicht sucht.

Hosea Dutschke — das Ché ist ihm zu kompliziert — war am 11. April 1968 erst wenige Monate alt, als ein Attentäter seinem Vater in Berlin in den Kopf schoss. Er war ein Kleinkind, als die Familie Deutschland verlassen und der Vater mühsam wieder sprechen lernen musste. Er war elf, als er seiner Mutter an Heiligabend 1979 half, den toten Rudi aus der Badewanne zu ziehen.

Traumatisch muss diese Zeit gewesen sein, trotzdem erinnert sich Dutschke an viel Schönes. Rudi sehe er nicht als kranken Mann, sagt der 50-Jährige. „In meiner Erinnerung ist er fit und stark. Er ging jeden Morgen im Park joggen, spielte Fußball mit uns. Er tat all die Dinge, die gute Väter tun sollten.“ Erst spielten sie, später diskutierten sie. Die Kinder durften mit den Eltern streiten, widersprechen. „Mit ihrer antiautoritären Erziehung haben unsere Eltern und die 68er neue Standards gesetzt“, sagt er. Die epileptischen Anfälle seines Vaters bekam Hosea nur dreimal mit — und das eine Mal, dieses letzte Mal, als Rudi während eines solchen Anfalls kurz vor dem Weihnachtsessen in der Badewanne ertrank.

Er fühlt sich als Däne

War er als Kind im dänischen Exil deshalb wütend auf Deutschland, wo seiner Familie so viel Schlimmes geschah? „Nein, ganz im Gegenteil“, sagt Dutschke. In Ostdeutschland lebte der Rest der Familie — und es gab Erdbeerkuchen. Dieses Wort sagt er auf Deutsch, obwohl ihm Dänisch sonst viel leichter über die Lippen kommt. Nach Rudis Reha zog die Familie nach Århus. Er fühle sich als Däne, sagt Dutschke. „Und ein kleines bisschen deutsch.“ Wenn er länger hier sei, träume er wieder auf Deutsch. Wahrscheinlich berlinert er dann.

Dutschke hat die braunen Augen seines Vaters und auch dessen dunkle, vollen Haare. Die sanfte Stimme ist besonders eindringlich, wenn er lacht. Wenn er vom „Flower-Power-Auto“ erzählt, das die Mutter „in allen möglichen Farben“ bemalte. „Wir sahen aus wie ein Blumenmeer, wenn wir angefahren kamen“, sagt Dutschke. Früher fand er das peinlich. Heute grinst er.

Seine Familie war immer ein wenig anders. Dass sein Vater etwas Besonderes sein musste, wusste Hosea schon als kleines Kind. „Wenn wir zu Hause das Telefon abgenommen haben“, erzählt er, „konnte man manchmal ein ,Klick‘ hören. „Klick Klick.“ Da wusste man, dass man abgehört wurde.“ Auch als Kind.

Ein politischer Mensch

Seine eigenen Kinder haben den Opa im dänischen Schulunterricht behandelt. Manchmal spricht er mit ihnen über die Studentenbewegung, den Aufstand gegen die Machtelite, zeigt Parallelen zu Themen wie der „MeToo“-Bewegung („Auch ein Aufstand gegen eine mächtige Elite“).

Leidenschaftlich wird Hosea Dutschke, wenn es um seine Arbeit geht. Auch wenn er es anders lebt als sein Vater, ist auch er ein politischer Mensch. Was würde Rudi wohl zu der Beamten-Position in der Stadtverwaltung sagen? „Er würde sagen: So lange man dafür kämpft, das Leben von Leuten zu verbessern, der es schwerer haben, ist das nicht ganz verkehrt.“

Dutschke leitet die kommunale Gesundheits- und Pflegebehörde in Dänemarks zweitgrößter Stadt. Er ist Chef von Tausenden Angestellten, verwaltet ein Millionen-Budget. „Eine offene, transparente, nicht korrupte Verwaltung ist das beste Mittel gegen Despotismus“, sagt er überzeugt. Die Wohlfahrtsgesellschaft funktioniere in Dänemark heute gut — anders als 1968 in Deutschland, wo ein repressiver Staat die Arbeitsklasse klein gehalten habe. „Zu dieser Zeit“, sagt er, „war es ganz sicher nötig, sich gegen die Autorität aufzulehnen“.

Heute kämpft Dutschke vor allem für bessere häusliche Pflege und Hilfen für ältere Arbeitslose und Frührentner. Er sucht handfeste Lösungen, keine revolutionären Ideen. Er ist kein Aktivist, kein Redner. Manchmal sind die Leute überrascht, wenn er ihnen seinen Namen verrät. „Aber Sie sehen doch so harmlos aus“, habe ihm ein Berliner Taxifahrer mal zugerufen. Dutschke wirkt, als sei ihm das durchaus recht.