Chef des Missionswerkes zur Amazonas-Synode und dem "synodalen Weg"

Interview mit Dirk Bingener : Missio-Präsident: Mauert Euch nicht ein!

Der neue Missio-Präsident übernimmt am Donnerstag offiziell sein Amt. Er ist in katholisch unruhigen Zeiten nach Aachen gekommen. Er setzt auf katholische Vielfalt und den Heiligen Geist.

Seelsorge und kirchliche Sozialarbeit zu verbinden, das liegt ihm. „Das ist authentische Kirche“, sagt Dirk Bingener. „Deshalb bin ich froh, jetzt Präsident eines pastoralen Hilfswerks zu sein.“ Seit 1. September leitet der 47-Jährige das Internationale Katholische Missionswerk Missio in Aachen. Am Donnerstag wird er in der Aachener Pfarrkirche St. Foillan und bei einem Empfang im Centre Charlemagne offiziell in sein neues Amt eingeführt. Mit Bingener sprach unser Redakteur Peter Pappert.

Wenn man – außerhalb kirchlicher Kreise – jemandem sagt, er sei missionarisch, hat das einen negativen Klang. Wie kommt das?

Bingener: Oft wird Mission – aus historischen Erfahrungen – mit Zwang verbunden. Wir verstehen heute Mission als etwas, das zur Freiheit führen soll. Und wir müssen jede Chance wahrnehmen, den Begriff neu durchzubuchstabieren.

Worin liegt die Chance?

Bingener: Darin, dass missionarische Menschen etwas ausstrahlen, sodass man im besten Fall nach einer Begegnung mit ihnen, etwas getrösteter, befreiter und mutiger ist als vorher.

Es geht nicht darum, einen Nicht-oder Andersgläubigen rumzukriegen?

Bingener: Darum geht es sicherlich nicht.

Wie sieht Missionieren heute konkret aus – ganz praktisch?

Bingener: Ich stelle den Begriff missionieren gar nicht so in den Vordergrund. Ich benutze lieber das Wort „Dienst“ und stelle die Frage: Wie kann ich dem anderen nutzen? Schauen Sie sich unsere Projektpartner zum Beispiel in Nordostindien an; um die geht es am Weltmissionssonntag am 27. Oktober ganz besonders. Bischöfe, Priester, Ordensfrauen und Katechetinnen dort kümmern sich um den einzelnen Menschen. Jeder soll wirklich erfahren, dass er geliebt ist, eine Heimat, eine Aufgabe und Perspektive hat.

Von Ihnen stammt die Aussage, „dass junge Leute sich eine authentische Kirche wünschen – eine Kirche, die das lebt, was sie predigt“. Ist die deutsche katholische Kirche eine solche authentische Kirche?

Bingener: Die deutsche Kirche ist solidarisch. Missio und das Kindermissionswerk mit den Sternsingern sind solidarisch mit der Weltkirche. Mit dem gesammelten Geld können wir so viel Gutes im Sinne des Glaubens tun, Not lindern und Perspektiven öffnen.

Das ist die eine Seite; auf der anderen ist eine Kirche zu sehen, die mit Geboten und Verboten auftritt, wovon sich gerade junge Leute abgestoßen fühlen. Was wollen Sie denen sagen?

Bingener: Junge Menschen haben einen wachen Sinn für Gerechtigkeit und wünschen sich direkte Begegnungen. Sie wollen etwas erleben. Das vermittelt Missio zum Beispiel durch einen Freiwilligen-Dienst. Auch über Gebote und Verbote werden wir in der deutschen Kirche auf dem „synodalen Weg“ diskutieren. Dabei ist wichtig, sich jetzt nicht in einzelne Positionen einzumauern, sondern sich gegenseitig zu vertrauen und einen Weg miteinander zu gehen.

Ihr Kollege von Adveniat, Pater Michael Heinz, hat zu Beginn der Amazonas-Synode in Rom am Wochenende gesagt, sie wolle zeigen, „dass die Weltkirche in vielen Kulturen zu Hause ist“.

Bingener: Ich kann ihm nur zustimmen.

Einheit in Vielfalt – ist es das?

Bingener: Ja. Gott sei Dank ist die Kirche vielfältig.

Wie viel Vielfalt lässt die katholische Kirche aber tatsächlich zu?

Bingener: Ich jedenfalls habe Vielfalt bisher als Gewinn und Reichtum wahrgenommen. Vor allem auch weltkirchlich.

Die Synode in Rom wird über alternative Formen von Gemeindeleitung und Gottesdienstgestaltung debattieren, darüber, ob Familienväter Priester werden könnten. Was erwarten Sie davon?

Bingener: Ich erwarte, dass man bei der Amazonas-Synode und auch später bei unserem „synodalen Weg“ alle Beteiligten erst einmal arbeiten lässt. Wir alle kennen die unterschiedlichen Positionen. Jetzt muss der Heilige Geist für Dynamik sorgen. Ich halte mich mit Ratschlägen zurück, weil ich glaube, dass das jetzt nicht hilfreich ist. Ich glaube wirklich, dass der Heilige Geist in die festgefahrenen Positionen Bewegung bringt.

Wird der Hinweis auf das Wirken des Heiligen Geistes jene engagierten katholischen Frauen und Männer zufrieden stellen, die konkrete Forderungen haben und konkrete Antworten darauf wünschen?

Bingener: Wir dürfen nicht das eine gegen das andere ausspielen. Für mich ist die Bitte um den Heiligen Geist kein Alibi dafür, dass alles so bleibt, wie es ist. Es geht um den Prozess, in den wir uns miteinander begeben und in dem der Heilige Geist wirkt. Natürlich braucht man konkrete Antworten – für Amazonien und für Deutschland. Wenn alle auf ihren Positionen beharren, wird es aber keine Bewegung geben. Selbstverständlich müssen auch die systemischen Fragen angegangen werden.  Bei Missio und den Sternsingern legen wir einen klaren Schwerpunkt auf den Schutz von Kindern und wenden uns gegen den Machtmissbrauch an Ordensfrauen. Missio wird im Fall der Ordensfrauen konkret helfen, psychologische, seelsorgerische und juristische Begleitung zu ermöglichen.

Wenn die Amazonas-Synode für die Amazonas-Region empfehlen sollte, sogenannte „viri probati“ zu Priestern zu weihen, um mehr Menschen die Teilnahme an der Eucharistie zu ermöglichen, sollte sich die deutsche katholische Kirche darauf berufen?

Bingener: Ich halte nichts von Wenn-Dann-Fragen. In Rom sind jetzt die kompetenten Leute für Amazonien zusammen. Man sollte deren Fragen nicht als Hebel verwenden, um eigene Forderungen durchzusetzen. Lassen wir sie jetzt arbeiten.

So oder so wird hierzulande gespannt auf die Diskussionen der Amazonas-Synode geschaut. Wie erklären Sie sich diese Spannung?

Bingener: Weil es zum Teil – siehe „viri probati“ – um Fragen geht, die hierzulande schon lange intensiv diskutiert werden. Hinzu kommen – für das Amazonas-Gebiet eklatant – all die Fragen nach Klimaschutz. Das hat für uns hohe Relevanz. Unsere Art zu leben hat Auswirkungen auf das Klima. Was aktuell in Brasilien geschieht, zerstört den Sozialraum von Menschen. Die Kirche muss sich dort zum Anwalt jener machen, die leiden.

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