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Aachen/Köln: Alice Schwarzer zu Übergriffen: Sie nennen es „Höllenkreis“

Aachen/Köln : Alice Schwarzer zu Übergriffen: Sie nennen es „Höllenkreis“

Wie konnte es zu den Massenübergriffen auf Frauen in der Silvesternacht 2015 kommen? Warum erfuhr die Öffentlichkeit erst so spät davon und welche Rolle spielte die Polizei? Nach Antworten darauf sucht ein Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags seit Ende Februar. Auch Alice Schwarzer beschäftigt sich intensiv mit dem, was in jener Nacht passiert ist.

Im Buch „Der Schock — die Silvesternacht von Köln“ versammelt sie als Herausgeberin Texte von sich und sieben weiteren Autoren, die sich kritisch mit militanten, menschenverachtenden Interpretationen des Islam auseinandersetzen. Im Interview mit unserer Zeitung fordert die streitbare Gründerin der feministischen Zeitschrift „Emma“ ein Ende der falschen Toleranz mit den Tätern.

Deutschlands bekannteste Feministin: Alice Schwarzer spannt den Bogen von der sexuellen Gewalt an Silvester in Köln über den Tahrir-Platz in Kairo bis zum Iran Khomeinis. Foto: Barbara Flitner

Warum haben Sie für das Buch den Titel „Der Schock“ gewählt?

Schwarzer: Weil die Ereignisse an Silvester in Köln nicht nur von mir, sondern weltweit als Schock empfunden wurden. Das hatte es bis dahin in Europa noch nie gegeben: Eine Menge von 1000 bis 2000 Männern, aus der sich kleine Gruppen auf Hunderte von Frauen stürzen und sie sexuell malträtieren. Bisher haben wir ja 627 Anzeigen wegen sexueller Gewalt. Und die Polizei hat nicht eingegriffen. Der zentralste Platz von Köln war über Stunden ein rechtsfreier Raum.

Sie kämpfen seit langem gegen sexualisierte Gewalt. Was unterscheidet die Geschehnisse der Silvesternacht in Köln von anderen sexuellen Massenübergriffen beziehungsweise Gruppenvergewaltigungen?

Schwarzer: Wir kennen sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder auch in Deutschland zur genüge. Feministinnen wie ich bekämpfen sie seit 40 Jahren. Und wir haben auch schon einiges erreicht: auf der Ebene des sich verändernden Bewusstseins von Frauen wie Männern und auf der gesetzlichen Ebene. Wir kennen auch Gruppenvergewaltigungen, die sogenannten Gang Bangs, nach der Disco oder auch auf dem gern zitierten Oktoberfest. Aber wir kannten bisher nicht diese kollektiven Auftritte von Hunderten beziehungsweise Tausenden von Männern, die sich einig zu sein scheinen bei der Jagd auf Frauen.

Sie ziehen einen Vergleich zu den sexuellen Übergriffen auf dem Tahrir-Platz während der politischen Proteste. Inwiefern sehen Sie Parallelen?

Schwarzer: Der Vergleich drängte sich auf. „Emma“ hat online schon am 4. Januar die Parallele zum Tahrir-Platz gezogen. Inzwischen macht auch der neue Kölner Polizeipräsident den Vergleich. Denn er ist offensichtlich. Auch in Köln waren die Männer fast ausschließlich muslimischer Herkunft. Und sie handelten nach der in Nordafrika hinlänglich bekannten Methode. Dort nennen die Frauen das den „Höllenkreis“: das Einkreisen einzelner Frauen durch Männergruppen. Dabei geht es nicht um Sexualität, sondern um Gewalt, um Macht.

Sie sprechen von einem „politisierten Islam“. Was meinen Sie damit?

Schwarzer: Das, was 1979 im Iran nach der Machtergreifung von Khomeini begonnen hat und seither seinen Siegeszug durch die Welt antritt. Ein Islam, der sich nicht nur als Glaube versteht — das wäre und ist kein Problem! —, sondern ein Islam, der die Scharia über die Gesetze stellt und die Frau unter den Mann. Ein Islam, der die Demokratie abschaffen und den Gottesstaat einführen will. In Ländern wie Iran oder Afghanistan sehen wir ja, wohin das führt.

Im „Cicero“ wirft Ihnen die Rezensentin des Buches vor, den Begriff „Scharia-Islam“ zu Unrecht zu benutzen. Sie schreibt, die Kölner Täter hätten gerade die Regeln der Scharia gebrochen, also Alkohol getrunken, Gewalt angewendet und Ehebruch begangen. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Schwarzer: Nein. Denn es gibt ja nicht nur einen Islam. Es gibt Hunderte von Interpretationen des Koran — wie auch der Bibel. Auch der selbst ernannte Islamische Staat beruft sich auf den „wahren Islam“. Und diese Muslime in Köln, die ja überwiegend Flüchtlinge und Illegale waren, sind haltlose Männer, die in einem militanten Islam, dem Scharia-Islam, Halt suchen. Und die der Meinung sind, dass Frauen minderwertig sind und Schlampen, wenn sie abends auf der Straße sind.

Sie haben muslimische Freunde, auch unter den Autoren des Buches sind Muslime, die Ihnen in Ihrer Kritik folgen. Dennoch wirft man Ihnen vor, den Islam unter Generalverdacht zu stellen. Was antworten Sie darauf?

Schwarzer: Das ist absurd! Seit über 30 Jahren höre ich nicht auf zu schreiben und zu sagen, dass wir zwischen dem Islam und dem Islamismus unterscheiden müssen. Der Islam ist nicht unser Problem, Glaube ist Privatsache. Der politisierte Islam ist unser Problem. Und das nicht zu unterscheiden, ist gefährlich, ja rassistisch. Denn 1000 bis 2000 „normale“ Muslime hätten sich ja niemals so verhalten auf dem Bahnhofsplatz von Köln. Da hätte mindestens jeder Zweite eingegriffen und die Frauen geschützt. Das aber war eine besondere Sorte Mann.

Wie erklären Sie sich das Verhalten der Polizei in dieser Nacht? Und warum sind Informationen über die Geschehnisse zunächst vor der Öffentlichkeit zurückgehalten worden?

Schwarzer: Ja, die Zurückhaltung der Polizei, die damit ja die Opfer im Stich gelassen haben, ist wirklich sehr problematisch. Doch ich gehe davon aus, dass die Polizei selber Opfer einer fatalen political correctness war. Dass sie — unausgesprochen oder ausgesprochen —die politische Order hatten, sich zurückzuhalten — weil die Täter Muslime oder gar Flüchtlinge waren. Ich hoffe, der Untersuchungsausschuss wird die Frage nach den wahren Verantwortlichen klären können.

Welche Schwerpunkte haben die einzelnen Beiträge in „Der Schock“?

Schwarzer: Vier von acht Autorinnen und Autoren im „Schock“ sind selber muslimischer Herkunft: Algerier, Syrer, Türken. Und sie weisen darauf hin, dass sich in Köln genau das ereignet hat, was sie aus ihren Herkunftsländern schon kennen: Männerhorden, die versuchen, Frauen Angst einzujagen und sie aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben. Wie 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Sie beklagen vor allem auch die falsche Toleranz: gegenüber den radikalen und den Scharia-gläubigen Muslimen, den Islamisten. Denn diese Islamisten setzen die Mehrheit der friedlichen Musliminnen und Muslime unter Druck, auch mitten in Deutschland.

Haben Sie das Gefühl, dass die Kölner Silvesternacht schon wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist?

Schwarzer: Nein, ganz im Gegenteil! Wir lesen ja quasi täglich in der Zeitung Neues über die Nacht. Zum Beispiel, dass einige Polizisten sehr wohl am Neujahrstag Vergewaltigungen gemeldet hatten, diese aber vertuschen sollten. Oder über die Prozesse gegen Verdächtige. Ich bezweifle allerdings, dass bei der Methode überhaupt eine individuelle Schuld nachweisbar sein wird. Und wenn, Dann können die Richter kaum verurteilen. Denn bis heute ist die sogenannte „sexuelle Belästigung“ in Deutschland nicht strafbar. Auch das muss sich ändern!

Wie muss ein konstruktiver Umgang mit dem Geschehenen aussehen? Wird eine öffentliche Debatte überhaupt angemessen geführt?

Schwarzer: Die öffentliche Debatte ist bis heute zu polarisierend und undifferenziert. Das sehe ich ja auch an den Reaktionen auf mich. Obwohl ich tausend Mal geschrieben und gesagt habe, es gehe mir nicht um „den Islam“, sondern um den Islamismus, muss ich Schlagzeilen lesen wie „Alice Schwarzer: Der Islam ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts“. Das ist unerhört. So versucht man, alles zu verwischen und Kritiker des politisierten Islam mundtot zu machen. Aber ich kenne das ja schon seit 1979, seither berichte ich in „Emma“ über die Gefahr des Islamismus. „Der Schock“ ist mein viertes Buch zu dem Thema.

Nach der Silvesternacht haben sich Politiker überschlagen zu betonen, dass man auf keinen Fall einen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Täter und den Taten herstellen solle. Frauenverbände und Frauennotrufe kritisierten, dass das Leid der Opfer mit keiner Silbe anerkannt wurde. Wie beurteilen Sie das?

Schwarzer: Genau das ist das Problem. Die Täter sind wichtiger als die Opfer. Und in dem Fall gibt es einen Zusammenhang zwischen den Taten und der Herkunft der Täter. Wenn man das ändern will, darf man es nicht leugnen, sondern muss es benennen — und sich nach den Gründen fragen. Diese jungen Männer sind nicht nur in schwierigen Lebenslagen, sie kommen auch aus Ländern, in denen Frauen weitgehend rechtlos sind: gesetzlich Unmündige, abhängig von Vater, Bruder oder Ehemann. Der politisierte Islam gießt dann noch Öl ins Feuer. Die ersten Opfer dieser Scharia-Muslime sind übrigens nicht wir, sondern sind Musliminnen und Muslime. Ihnen, der demokratischen Mehrheit der Muslime, müssen wir beistehen!

Was muss in Deutschland geschehen, damit sich das, was sich in der Silvesternacht zugetragen hat, nicht wiederholt?

Schwarzer: Wir müssen uns endlich auch die Probleme in den muslimischen Communities in Deutschland eingestehen. Wir dürfen die Islamisten, die die Söhne in den Dschihad locken und den Eltern von Töchtern Geld geben, wenn diese sich verschleiern, nicht länger tatenlos agitieren lassen. Und auch nicht die rückwärtsgewandten Scharia-Muslime in den Islam-Verbänden. Wir müssen dem etwas entgegensetzen, etwas Positives! Den Eltern wie Jugendlichen die Chancen, die unsere Gesellschaft bietet, klarmachen. Und wir müssen bei den Flüchtlingen unterscheiden lernen zwischen den Hunderttausenden Männern, Frauen und Kindern, die vor Krieg und Gewalt fliehen — oft eben vor der Gewalt der Islamisten! — und unseren Schutz brauchen, sowie denen, die unsere Gastfreundschaft missbrauchen — oder vielleicht sogar kommen, um zu agitieren. Die gehören nicht nach Deutschland. Das fordern auch alle muslimischen Autoren in meinem Buch in aller Entschiedenheit.