Aleida Assmann über Geschichte und Gegenwart Europas

„Dom-Gedanken“ – Vortragsreihe der Europäischen Stiftung Aachener Dom : Ein europäischer Traum

Sie ist Anglistin und Ägyptologin, sie kennt sich aus in Kultur und Literatur, sie weiß, wie kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen die Geschichte und die Gegenwart Europas prägen. Jetzt hat die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2018 im Aachener Dom über ihren europäischen Traum gesprochen.

Träumer gelten landläufig nicht als aufmerksam. Dass sich diese Auffassung durchaus als Trugschluss erweisen kann, bestätigt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann mit hoher Sensibilität und Aufmerksamkeit für Geschichte und Gegenwart Europas. Die Europäische Stiftung Aachener Dom hatte die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2018 eingeladen, im Aachener Münster zu sprechen. Ihr Thema: „Mein Traum von Europa“.


Reliquien, Bücher, Sterne


Wann werden in der ewigen Debatte über Sinn und Erfordernisse der Einheit Europas schon mal Reliquien und Bücher als „geistige Energiekonserven“ erkannt, Heilige und Autoren als Netzwerk bezeichnet, „das Europa formte und seine Geister über die Grenzen zusammenhielt“. Heute sieht Assmann „technisch verknüpfte Wesen – mit einem Fuß in der Realität und mit dem anderen Fuß in der Parallelwelt des Internets“. Durch die Digitalisierung habe sich die Geschichte der mittelalterlichen Gedächtnismedien noch einmal getrennt: „Während Bücher heute im großen Stil digitalisiert werden, erweist sich die Reliquie als digitalisierungsresistent.“ Ein Gedanke, den das Aachener Domkapitel zur nächsten Heiligtumsfahrt 2021 aufgreifen könnte.

In Reliquien und Büchern erkennt Assmann die Kraft, „in Europa Gemeinschaften zu stiften“. Menschen seien „Beziehungswesen, die in Isolation nicht überleben können. Deshalb sind sie auf allen Ebenen auf Formen der Verknüpfung angewiesen.“ Europa sei ein Sinnbild für die Fähigkeit, „über Herrschaftsbereiche, Sprachen und Nationen hinweg zu verknüpfen und bestehende Grenzen zu überwinden“.

Heute unterscheidet Assmann drei Europas: das erste von 1945 bis 1989, das Europa der Polarisierung zwischen Ost und West, in dem viel vom „Christlichen Abendland“ die Rede gewesen sei – vor allem in Deutschland, „um über Krieg, Kapitulation und Stunde Null hinweg historische Kontinuität zu beschwören und auf diese Weise die NS-Zeit zu überdecken“. Das zweite von 1989 bis 2015 nennt sie das Europa der Pluralisierung – mit einer „beispiellosen Horizonterweiterung“ und der Chance, „gefürchtete Grenzen zu überschreiten, Menschen zu begegnen und so vieles dazu zu lernen“. Das dritte Europa seit 2015 sei gekennzeichnet durch die globale Migrationskrise. „Die bindende und integrierende Kraft der EU“ nehme rapide ab. Das plurale Europa werde durch „nationalistischen Gegenwind und aggressiv fremdenfeindliche Töne“ auf eine hart Probe gestellt.

Die Frage danach, was die Sterne Europas auf der blauen Flagge zusammenhält, beantwortet Assmann mit ihrem europäischen Traum: Dass der Krieg endlich auch „in den Köpfen und Herzen der Menschen zu Ende gegangen ist. Dass das Freiheitsprojekt glückte und nach 1945 wie nach 1989 ehemalige Diktaturen in Demokratien verwandelt wurden. Zu ihrem Traum gehören für Assmann „eine neue selbstkritische Erinnerungskultur und die Aktualisierung der Menschenrechte“.


Verlust der bürgerlichen Mitte


Gerade werde das Rad der Geschichte wieder zurückgedreht und vergessen, „was in der EU gelernt worden ist“, stattdessen „die alten Prinzipien eines monologischen Nationalstaates wieder eingesetzt, der auf Stolz und Ehre gegründet ist“, sagt Assmann. Eindringlich warnt sie davor, dass die demokratischen Gesellschaften ihre bürgerliche Mitte verlieren, dass Hetzreden die Gesellschaft spalten und die Demokratie aushöhlen.

In Aachen hat sich womöglich eine Karlspreisträgerin vorgestellt. (pep)

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