1. Politik

Washington: 1968: Ein Land zwischen Revolte und Restauration

Washington : 1968: Ein Land zwischen Revolte und Restauration

Am 4. April 1968 verdunkelte sich der Himmel über der Hauptstadt. Rauchwolken stiegen rund um die 14. Straße in Washington auf. Nicht weit vom Weißen Haus entfernt entlud sich der Frust der Schwarzen über den Tod Martin Luther Kings, den ein weißer Rassist in Memphis ermordet hatte. Und so eskalierte nur Stunden nach dem Attentat auf die Symbolfigur des Widerstands gegen die Rassendiskriminierung die Lage.

Nicht nur im schwarzen Memphis, sondern überall in den „inner cities“ der Metropolen von Seattle und Los Angeles über Chicago und St. Louis bis hin zu New York und Miami. In 170 Städten brachen Krawalle aus.

Stimme der „schweigenden Mehrheit“: Richard Nixon am 6. November 1968, einen Tag nach seiner Wahl zum neuen Präsidenten der USA.
Stimme der „schweigenden Mehrheit“: Richard Nixon am 6. November 1968, einen Tag nach seiner Wahl zum neuen Präsidenten der USA. Foto: imago/United Archives International

Besonders dramatisch entwickelten sich die Dinge in Washington. Sechs Tage hielten die schweren Krawalle in den Stadtvierteln Shaw, Logan Circle und Adams Morgan an. Das Weiße Haus schickte 10.000 Soldaten in die Straßen, um die Lage in den schwarzen Vierteln unter Kontrolle zu bekommen. Zurück blieben Tote und Verletzte und mehr als 1200 ausgebrannte Ruinen, die noch Jahrzehnte später an das Trauma dieses schicksalhaften Jahres erinnern sollten.

Historiker haben eine Erklärung dafür, warum gerade in Washington, einer Stadt mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und relativ großer Toleranz, die Lage so dramatisch eskalierte. Nirgendwo sonst prallten Reichtum und Armut auf so engem Raum aufeinander wie hier. Die Slums lagen nur einen kurzen Spaziergang von Weißem Haus und Kongress entfernt. Der Untersuchungsbericht der Regierung unter dem demokratischen Präsident Lyndon Johnson zeigte überraschend deutlich auf einen verstörenden Trend in den USA: das immer stärkere Auseinanderdriften einer entlang von Rassen- und Einkommensgrenzen gespaltenen Gesellschaft. Ausdruck dessen war die Flucht der Weißen aus den Innenstädten in die Vororte.

Armut, Rassismus, Militarismus

Kein anderer legte den Finger so sehr in diese Wunde wie der schwarze Pfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King, der seit Jahren den gewaltfreien Widerstand gegen Rassismus und Armut anführte. Sein auf den Stufen des Lincoln-Denkmals formulierter Traum von einer gerechten Gesellschaft verkehrte sich in diesen Frühlingstagen des Jahres 1968 zu einem Alptraum. Am 4. April 1968 starb King auf dem Balkon des Lorraine-Motels in Memphis durch eine Kugel, die der Rassist James Earl Ray auf ihn abfeuerte. Just als der Friedensnobelpreisträger mit seiner „Poor Peoples Campaign“ damit begann, den Zusammenhang zwischen den — wie er sagte — „drei Sünden Armut, Rassismus und Militarismus“ herzustellen.

King war in die Stadt gekommen, um sich mit den streikenden Müllmännern zu solidarisieren, die nach dem Tod zweier Kollegen gegen die horrenden Arbeitsbedingungen aufbegehrten. Sein Tod ist bis heute noch nicht restlos aufgeklärt. Mehr als 600.000 Dokumente rund um das Verbrechen bleiben weiter unter Verschluss. Klar ist nur, das der Mord von Memphis eine klaffende Wunde in der Gesellschaft freilegte. Und eine ganze Nation traumatisierte.

Als wäre das nicht genug, wurde zwei Monate später, am 6. Juni, ein anderer Hoffnungsträger ermordet. Robert „Bobby“ Kennedy, der charismatische Bruder des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, hatte sich gerade die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der demokratischen Partei gesichert, als kurz nach seiner Siegesrede im Ballsaal des Hotels Ambassador in Los Angeles die tödlichen Schüsse fielen.

Die Polizei konnte den später zu lebenslanger Haft verurteilten Täter, den palästinensische Einwanderer Sirhan Sirhan, festnehmen und einen 22-kalibrigen Revolver sicherstellen. Kennedy erlag am folgenden Tag seinen Verletzungen im Good Samaritan Hospital. Auch dieser Mord wird bis heute von einer Fülle an Verschwörungstheorien umhüllt.

Kennedy war erst kurzfristig in das Rennen um die Kandidaten-Nominierung seiner Partei eingestiegen. Sein Wahlkampf löste Begeisterungsstürme aus, für die sich in der Geschichte der Vorwahlen wenig Beispiele fanden. Mit seinem Einsatz für soziale Gerechtigkeit versprach er, das Erbe Kings im politischen Raum fortzuführen. Sein Appell zu gegenseitigem Mitgefühl und Solidarität mit den Opfern von Rassismus und Armut motivierte vor allem auch die nach dem Tod des Bürgerrechtlers traumatisierten Schwarzen und Latinos.

Kennedy war aber auch der Hoffnungsträger der weißen Linken und Vietnamkriegsgegner, die bei Massenprotesten ein Ende des schmutzigen Krieges in Fernost verlangten. 1968 sollte endlich die Wende bringen. Und Bobby Kennedy versprach, der Führer zu sein, der sie bringen konnte.

Während er über Frieden in Vietnam sprach, eskalierte Johnson das US-Engagement. Er reagierte damit auf die sogenannte Tet-Offensive des Nordens. Zwischen dem 30. Januar und dem 23. September griffen die kommunistischen Truppen koordiniert rund 100 südvietnamesische Städte und Stellungen an. Täglich kamen ins Sternenbanner gehüllte Zinksärge mit jungen GIs nach Hause. 1968 fielen fast 17 000 US-Soldaten: die meisten in einem Jahr während des gesamten Krieges.

Junge Männer wurden nicht selten direkt nach der High School in Uniformen gesteckt und an die Front nach Fernost geflogen. Unter den Soldaten waren überproportional viele Kids aus unteren Einkommensgruppen und Schwarze. Der Bürgerrechtler Stokely Carmichael drückte den Zorn über die ungleiche Lastenverteilung aus. Er schlugt eine Brücke zwischen dem grassierenden Rassismus zu dem als ungerecht empfunden Krieg in Vietnam. „Weiße lassen Schwarze Gelbe angreifen, um das Land zu verteidigen, das sie Roten gestohlen haben.“

Die „schweigende Mehrheit“

Je länger der Krieg dauerte, desto stärker geriet seine Legitimität in Frage. Das „My Lai“-Massaker vom März 1968 geriet zum Tiefpunkt des amerikanischen Ansehens in der Welt. Die Bilder von B-52-Bombern, die auf Vietnamesen Napalm abwarfen und das Land mit „Agent Orange“ vergiften, mobilisierten die Straßen. Berühmtheiten wie Muhammed Ali und Angela Davis unterstützten die Proteste an den Universitäten und in den amerikanischen Metropolen. Es kochte auf Amerikas Straßen.

Unter der Oberfläche des Protest- und Unruhejahrs 1968 formierten sich starke Gegenströmungen, die bei den Präsidentschaftswahlen am 5. November zu einer Überraschung führten. Der Republikaner Richard Nixon schockte Amerikas Linke, als er bei den Wahlen die Mehrheit holte und ins Weiße Haus einzog.

Die „schweigende Mehrheit“ der Amerikaner begann sich mit Nixons Wahl gegen die gesellschaftlichen Veränderungen aufzulehnen. Dazu gehörte auch das Erstarken der Frauenbewegung, die traditionelle Rollenbilder infrage stellte. Die jungen Amerikanerinnen strebten in den Arbeitsmarkt und verlangten Gleichberechtigung. Gleichzeitig wirkten die alten Rollenbilder fort, wie sich selbst in der Protestbewegung der 68er zeigt. Die „Bräute der Revolution“ kochten den männlichen Wortführern den Kaffee und tippten Resolutionen ab.

Nixons Appell an die „schweigende Mehrheit“ bereitete den Boden für die Verschiebung der tektonischen Platten in der amerikanischen Politik. Vor der Kulisse der Hippie-Kultur, Massenprotesten und Frauenemanzipation begann 1968 Amerikas langer Marsch nach Rechts.

Die tiefe Spaltung der US-Gesellschaft offenbarte sich überall. Während sich die Vietnamkriegsgegner und Bürgerrechtler über den moralischen Glaubwürdigkeitsverlust ihres Staates empörten, machte sich Ronald Reagan, damals noch Gouverneur in Kalifornien, über die Protestler lustig. Das seien Leute, „die aussehen wie Tarzan, herumlaufen wie Jane und riechen wie Cheeta“.

1968 geriet so zu einem Kristallisationspunkt in den USA. Das Jahr stand nicht allein für Protest und Wandel, sondern legte auch die Sollbruchstellen einer Gesellschaft offen, die nicht denselben Traum teilte. Und eben auch den Beginn einer konservativen Gegenbewegung, die versuchte, ein Amerika zu restaurieren, das es längst nicht mehr gab.

An den Rand gedrängt

Während in Westdeutschland die Linke den „Marsch durch die Institutionen“ begann, passierte in den USA das genaue Gegenteil. Graduell radikalisierten sich Amerikas Konservative immer weiter. Reagan überholte Nixon auf der rechten Spur, George W. Bush ließ Reagan wie einen Liberalen erscheinen, und Donald Trump weckt den Wunsch, Bush könnte doch noch einmal zurückkehren.

Wer heute durch die gentrifizierten Nachbarschaften rund um die 14. Straße mit ihren quirligen Restaurants, Musikkneipen und Cafés zieht, kann den Eindruck gewinnen, die Wunden seien verheilt. Die Ruinen wichen hippen Stadtwohnungen, in denen die urbane Elite Washingtons ihr neues Zuhause gefunden hat. Wie andernorts in Amerika wird auch in „DC“ die Innenstadt weiß.

Die Armen und Schwarzen werden sprichwörtlich an den Rand gedrängt. Aber sie sind noch da und bevölkern heute die Vororte, in denen es an öffentlicher Infrastruktur mangelt. Schlimmer noch: Ein halbes Jahrhundert nach den schweren Rassenunruhen und den Morden an King und Kennedy sitzt heute einer im Weißen Haus, der wieder offen rassistische Töne anschlägt.