Aachen: Plötzlich liegt das Glück der Erde anderswo

Aachen : Plötzlich liegt das Glück der Erde anderswo

Viele Mädchen fällen irgendwann eine Entscheidung: Ballett oder Reitschule. Für Kristina aus dem WirHier-Team war klar: Sie wollte ihre Freizeit zwischen Pferdeäpfeln und Heuballen verbringen.

Ich war ein waschechtes Pferdemädchen. Seitdem ich im Urlaub im Emsland auf einem Ponyrücken gesessen hatte, fieberte ich dem Tag entgegen, an dem ich acht wurde und damit alt genug war, um in unserer Stadt Reitstunden zu nehmen. Meine Eltern unterstützten das. Obwohl ich dafür das Leichtathletik-Training aufgab. Obwohl damit lange Jahre des Taxi-Spielens begannen, ich überall in der Wohnung Pferdehaare verteilte und immer wieder die Möhren über die Ferien in meinem Putzkasten vergas. Sie schenkten mir die erste Zehnerkarte, ließen mich dann die Hälfte des Geldes für die Reitstunden zusammensparen.

Monate vor der ersten Reitstunde ist der Autorin die Begeisterung noch nicht anzusehen.
Monate vor der ersten Reitstunde ist der Autorin die Begeisterung noch nicht anzusehen. Foto: K.Toussaint

Bald musste meine Mutter mich nicht mehr nur einmal in der Woche zum Ponyhof bringen, sondern zusätzlich jeden zweiten Samstagmorgen mit mir im Reitstall stehen. Ich, inzwischen zwölf und mit leicht verächtlichem Blick auf die Schützentraditionen in unserem dörflichen Stadtteil blickend, war dem Reiterverein beigetreten — obwohl auch hier dazugehörte, an Ringstechen und Vogelschießen teilzunehmen und Wagen für den Fackelzug zu bauen — Traditionen, die ich eigentlich ein wenig befremdlich fand. Die einzig wirklich interessante Frage war aber immer: Welches Pferd darf ich beim Umzug reiten? Wird es nervös sein? Werden wir uns verstehen?

Geschafft, aber zufrieden

Lange bevor Jungs eine Rolle spielten, hatte ich mein Herz bereits mehrfach verloren: An Nestor, Tom, Simba und Lycos. Immer verbrachte ich auch vor und nach der Reitstunde so viel Zeit mit ihnen, wie ich konnte. Mistete, fütterte, saß an der Koppel herum. Ich erkundete den Schwarzwald auf dem Pferderücken, galoppierte zurück im Emsland ohne Sattel über Stoppelfelder und Sandpisten und vor der Haustür über die Rheinwiesen.

Ich kehrte verdreckt, verschwitzt oder mit vor Kälte tauben Fingern zurück. Geschafft, aber zufrieden darüber, draußen gewesen zu sein und gemeinsam mit einem mir vertrauten Lebewesen etwas erlebt zu haben. Zufrieden, mich trotz mancher Unstimmigkeit mit dem Pferd zusammengerauft zu haben. Glücklich über das Gefühl, diesem großen Tier vertrauen zu können, das einen nur sanft und scheinbar verständnisvoll anschnaubt, wenn man ihm das Herz ausschüttet. Das die Ohren spitzt, wenn man sich an den Zaun stellt und ruft.

Eine gute Freundin stieg bald mit ein, überholte mich in ihrer Begeisterung und zog mich mit: Wir suchten eine Reitbeteiligung gleich um die Ecke, begannen, vom Boden aus nach Pferdeflüsterer-Methoden zu arbeiten, gaben unser Geld für Ausrüstung und Workshops aus. Mit 17 erzählte ich leicht verschämt von meinem Hobby, wenn jemand fragte, spielte herunter, wie viel Zeit ich damit verbrachte. Ich begann, Schule, drei Stalltermine in der Woche und Einladungen zu Partys zu jonglieren. Die Freundin schlug die Einladungen aus und brachte die Hausaufgaben mit in den Stall. Ging ich am Wochenende auf einen Geburtstag, grillte sie mit den Pferdebesitzern. Nach dem Abitur ging ich ins Ausland, sie zog für ein Jahr auf einen Hof und arbeitete dort gegen Essen und Unterkunft.

Zurück aus dem Ausland ging ich noch ein paar Mal in den Stall. Dann begann das Studium. Ich zog mit meinem ersten Freund zusammen, pendelte zur Uni in einer anderen Stadt und ging vom Hörsaal an den See oder die Theke. Der Besitzerin von Lycos sagte ich, ich müsse mich zunächst im Studium einfinden und würde vorerst nicht mehr kommen. Lycos sagte ich „bis bald“.

Dieses Versprechen löste ich nicht ein. Meine Einfindungsphase dauerte über alle Semester an, und ich kehrte nicht mehr in den Stall zurück. Mir nichts, dir nichts hatte ich meine Leidenschaft begraben. Die pferdeaffine Freundin hatte sich entfernt, meine Kommilitonen gingen zum Unisport, niemand ritt.

Die neuen Freunde, das Unileben, die Sportkurse, die erste eigene Wohnung und der Nebenjob — das alles hielt mich so beschäftigt, dass ich kaum Zeit übrig hatte. Und ich brachte auch nicht den Elan auf, mir welche freizuschaufeln, um in den Stall zu gehen. Dafür erschien mir das jahrelang gehegte Hobby irgendwie nicht wichtig genug. Ich vertagte meine Rückkehr in den Sattel immer weiter, zog um und suchte mir keinen neuen Stall.

Wenn ich heute in der Nähe eines Pferdes bin, spüre ich eine leichte Sehnsucht im Bauch. Schaue in die großen, dunklen Augen, beobachte die Bewegung der Nüstern, stelle mir vor, wie ich mich auf den Rücken schwinge. Ach, jetzt über ein Stoppelfeld galoppieren, denke ich dann. Seit neun Jahren bin ich auf kein Pferd gestiegen. Langsam könnte ich mir mal wieder Zeit dafür nehmen.