Unser Europa: Petya Alabozova hat Europa im Kopf, Heimat im Herzen

Unser Europa : Petya Alabozova hat Europa im Kopf, Heimat im Herzen

Wenn sie Moussaka kocht, gehören dazu Kartoffeln statt Auberginen, wie im griechischen Rezept, sie liebt das Tanzen mit Freunden, Hand in Hand, und den typischen bulgarischen Volksgesang mit seinen asymmetrischen Taktarten.

„Man hat diese Art zu singen sogar ,Le Mystère des Voix Bulgares‘, das Geheimnis der bulgarischen Stimme, genannt“, sagt Petya Alabozova. Als Tochter eines Opernsängers muss es die 34-Jährige wissen. Die Schauspielerin, die zum Ensemble des Theaters Aachen gehört, war gerade einmal 16 Jahre alt, als sie ihre Heimat Sliven, einen Ort in Bulgarien, verließ, um in Europa zu lernen, zu studieren, ihre Karriere aufzubauen.

Heimat? „Ich habe noch Verwandte dort, meine Großmutter, aber so etwas wie ein Kinderzimmer, einen Ort meiner Kindheit, gibt es nicht“, sagt sie nachdenklich. Die Eltern sind geschieden. Der Vater lebt in Prag, die Mutter, eine Yogalehrerin, in London. Stolz ist Petya Alabozova darauf, dass Plowdiw in Südbulgarien dieses Jahr europäische Kulturhauptstadt ist.

Was sie heute als Beruf ausübt, war zunächst eine Idee der Mutter, um der schüchternen 13-jährigen Petya etwas mehr Selbstvertrauen zu schenken: „Sie hat mich einfach zu einem Theaterworkshop angemeldet“, erinnert sich die Schauspielerin. Das hatte Folgen: Studium in England und Frankreich, danach ging Petya an die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg nach Ludwigsburg. Seit 2012 arbeitet sie mit im internationalen Theaterkollektiv ISO Theatre, das wiederum Mitglied der United Theatres of Europe (UTE) ist.

Dabei hat sie nicht nur ihre Rollen, sondern auch die jeweiligen Landessprachen erlernt. Bereits nach gut einem halben Jahr sprach sie Deutsch, neben der Muttersprache Bulgarisch stehen Französisch, Englisch und Italienisch auf der Liste. Petya Alabozova fühlt sich nicht nur als Europäerin, sie „lebt“ Europa und weiß eine Menge über den Verbund, dem Bulgarien 2007 beitrat. Für die Theaterfrau ein Glücksfall. „Es hat so viele Dinge vereinfacht, die normalerweise kompliziert wären“, betont sie. So wurde ihr Abschluss aus England in Frankreich anerkannt, wie selbstverständlich konnte sie ihr Studium in Deutschland aufnehmen. „Ich habe ausgeschöpft, was möglich war, habe am Erasmus-Programm teilgenommen und Stipendien erhalten“, erzählt sie.

Dass sie inzwischen zum europäischen Theaterkollektiv ISO gehört, das sich einmal im Jahr zusammenfindet, ist ihr ganz wichtig. Zugleich will sie erfahren, wie die Menschen aus anderen Ländern Europas denken.

Keine Energie vergeuden

Im Rahmen der Hans Farmont Stiftung hat sie sich deshalb sogar für zehn Tage in Griechenland mit anderen jungen Europäern auf einem Segelboot getroffen. „Einerseits wollte ich segeln lernen, aber mich hat auch der Europaaspekt gereizt“, erzählt sie. Zusammen mit Deutschen, Griechen, Italienern und Spaniern kam es zu unerwarteter Dynamik. „Wenn man das Flüchtlingselend sieht und zugleich die wirtschaftlichen Probleme, mit denen Griechenland ringt, kann man nicht einfach EU-Gelder verjubeln“, betont sie, die in ihrer Gruppe ein Sparprogramm ausgerufen hat: Energie an Bord – etwa durch eine Klimaanlage – nicht vergeuden, Wasser sparen, biologisch abbaubare Reinigungsmittel und Kosmetik verwenden, nicht dauernd in teuren Restaurants essen und Kaffeekapseln vermeiden.

„Wir haben bewiesen, dass man sparen kann.“ Besonders in England, wo die Mutter lebt, machen sich nach ihrer Erfahrung viele Bürger zum ersten Mal Sorgen um europäische Privilegien. Petya Alabozova will wissen, was in der Welt los ist. Zusammen mit der Regisseurin Milena Wichert hat sie die Soloperformance „Auto“ entwickelt – ein Stück, mit dem die beiden Europa auf die Spur gehen.

Zusammen mit der europaweit größten Mitfahr-Gemeinschaft „BlaBlaCar“ haben sie sich auf den Weg von Deutschland nach Sofia gemacht, dabei Länder und Flüchtlingsrouten gekreuzt und ungezählte Gespräche mit Menschen geführt, die als Fahrgäste eingestiegen sind oder als Fahrer am Steuer saßen. Das gigantische Material haben sie für ein Stück über Europa genutzt. „Auto II“, eine Tour durch England, ist bereits in Planung. In Aachen hat sich die Schauspielerin übrigens am European Balcony Projekt „Utopia 5.0 – Rettet die Europäische Republik“ beteiligt.

Heimweh nach Europa

Bei aller Weltläufigkeit trägt Petya Alabozova ihre Heimat im Herzen. Da ist die Neigung zu Gefühlsausbrüchen, zum Unvermögen, Emotionen zu verbergen. Und Europa? „Als ich in Indien oder Mexiko war, die feuchte Luft atmete, das Essen ausprobierte, hatte ich tatsächlich Heimweh nach Europa, das Gefühl einer Zugehörigkeit zur EU, das ich nicht vermutet hätte.“ Inzwischen ist Petya Alabozova 34 Jahre alt. Familienplanung? „Ich denke darüber nach“, nickt sie. „Meine Großmutter hat schon gesagt, dass sie nach Deutschland kommt, wenn ich ein Kind erwarte. Das ist bulgarische Tradition.“

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