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Berlin: Zwischen „Gangsta Rap” und Poesie: Hip-Hop spaltet die Gemüter

Berlin : Zwischen „Gangsta Rap” und Poesie: Hip-Hop spaltet die Gemüter

Baseball-Cap statt Trenchcoat, weite Hosen statt Brioni-Anzug, Goldkette statt Manschettenknöpfe - Berlin ist nicht nur das Zentrum der Politik, sondern auch die Hauptstadt des Hip-Hop.

Chartgrößen wie Bushido und Sido kommen aus der Stadt und sorgen mit ihren Auftritten für ausverkaufte Konzerthallen - aber auch bundesweit für Diskussionen.

Warum ihre Kinder von den oft gewaltverherrlichenden Liedtexten der Rapper angezogen werden, bleibt nicht nur für viele Eltern ein Rätsel. Um einen Einblick in die Szene zu geben und einige Vorurteile zu entkräften, hat die Tänzerin und Autorin Monica Hevelke nun das Buch „HipHop in Berlin” erarbeitet. „Die Leute in der Szene werden in der Öffentlichkeit falsch dargestellt - es geht immer nur um Gewalt und Aggression”, sagt sie.

In Anlehnung an den „Gangsta Rap”, der in den Ghettos der amerikanischen Großstädte entstand, verarbeiten viele Hip-Hopper auch hierzulande Themen wie Gewalt, Rassismus oder Sex in ihren Liedern. Es sind Zeilen wie diese aus Bushidos wohl bekanntesten Hit „Von der Skyline zum Bordstein zurück”, die Eltern hochschrecken lassen: „Es sind 30 Grad, trotzdem trage ich meine Lederjacke, halt die Klappe, ich bin kriminell gefährlich...”. Und das ist noch eine der harmloseren Textstellen des Songs.

Viele Berliner Rapgrößen, die mit ihren Texten für Kritik sorgen, sind bei dem weit über die Szene hinaus bekannten Label „aggroberlin” unter Vertrag. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien warnt etwa auf seiner Internetseite vor der „Verrohung weiter Bereiche des Lebens, sowohl der Sprache als auch der Umgang der Jugendlichen miteinander” und nennt dabei einige Titel von Musikern, die auch mit „aggroberlin” arbeiten: Bushidos „Staatsfeind Nr. 1”, „Schlechtes Vorbild” von Sido oder Bass Sultan Hengzt mit „Rap braucht kein Abitur”.

Vorwürfe dieser Art seien für das Label oft „polemisch, pauschalisierend und unzutreffend”, erklärt Spaiche, einer der Gründer der Plattenfirma. Die Einflüsse aus dem Lebensumfeld der Künstler flössen selbstverständlich in die Texte ein. „Unsere Rapper und deren Musik sind Produkte ihres Umfelds, der Gesellschaft, in der sie leben. Nicht umgekehrt”, betont der „aggroberlin”-Chef. Viele Berliner Rapper lebten in zwei Kulturen und mussten sich in ihrem Leben vieles erkämpfen, sagt auch Autorin Hevelke. „Da kam viel Frust und Trauer zusammen”, ist sie sicher. Und das schlägt sich auch in den Texten nieder.

Man solle genau hinhören und zwischen den Zeilen lesen, ob die Liedtexte eine Verherrlichung oder eher ein Spiegel der Gesellschaft sind, meinen auch die Gesellschafter der Berliner Firma „Mantikor Entertainment”, die zwei Dokumentationen zur Szene Berlins mit dem Titel „Rap City Berlin” auf DVD herausgebracht haben. Demnach bezeichnen sich nur 15 bis 25 Prozent der Berliner Hip-Hopper als „Gangsta-Rapper”.

Oft werde unterschätzt, wie viel Kunst in Rap stecke, sagt Hevelke. Die Rapper müssten sich intensiv mit Sprache auseinandersetzen. Auch thematisch drehe sich nicht alles um Gewalt, Sex und Rassismus. Der Berliner Joe Rilla etwa setze sich zum Beispiel in seinen Texten viel mit der deutschen Wiedervereinigung auseinander. „Die Gleichung Deutsch-Rap ist gleich Gangsta-Rap stimmt nicht.”

Trotzdem scheint Berlin ein besonderes Pflaster für Rapper zu sein. In der Hauptstadt gehe der HipHop aus drastischen kulturellen und sozialen Spannungsfeldern hervor, meint Spaiche. „Dadurch war HipHop hier schon immer härter, kompromissloser und wettbewerbsorientierter als woanders.” Das gelte besonders für die anderen Spielarten wie Graffiti und Break Dance, in denen Berliner Jugendliche schon immer Maßstäbe gesetzt hätten. Im Großen und Ganzen sei die Berliner HipHop-Szene genau wie Berlin, finden die Filmemacher von „Mantikor”. „Nach außen immer eine große Klappe, aber das Herz am rechten Fleck.”