Brüssel: Zu laut: EU verordnet Orchestermusikern Lärmschutz

Brüssel : Zu laut: EU verordnet Orchestermusikern Lärmschutz

Nichts gegen Mozart, aber Richard Wagner macht Europas Arbeitsschützern zu schaffen. Da schwillt die orchestrale Gesamtleistung schon Mal bis zu 135 Dezibel an und macht jedem startenden Düsen-Jet Konkurrenz. Selbst die harmlosen Flöten tönen am Ohr des Musikers mit 118 Dezibel, er könnte auch neben einem Presslufthammer stehen. Das alles muss am 15. Februar 2008 vorbei sein.

Denn dann endet die Übergangsfrist einer EU- Richtlinie, die schon 2003 in Kraft trat und den Lärm am Arbeitsplatz begrenzen soll. In Fabrikhallen und Büros musste sie bereits umgesetzt werden. Den Musikern gab man mehr Zeit. 20 bis 30 Prozent aller Orchestermitglieder leiden nach Jahren im Beruf unter massiven Hörschaden, heißt es bei der Deutschen Orchestervereinigung. Im Pop- und Rockbereich kämpfen rund zehn Prozent der Künstler später mit Tinnitus oder anderen Hörschäden.

Bei der Probe zu einer Tannhäuser-Aufführung in Dänemark soll 1994 ein Okapi im benachbarten Zoo umgefallen und am Schock des Krachs jämmerlich verendet sein. Lärmschutz funktioniert bei einem Symphonieorchester aber nicht", ist sich Libor Pesek, Dirigent der Prager Symphoniker sicher. Und Ioan Holender, Direktor der Wiener Staatsoper, nennt die Anwendung der Lärmregeln auf die klassische Musik den Versuch, zwischen Unkraut und den schönsten Blüten" alles gleichmachen zu wollen. Denn mehr als 85 Dezibel Dauerbelastung (so laut ist der normale Straßenverkehr) sollen künftig nicht mehr ans Ohr des Musikers und der Besucher dringen. Die großen Häuser haben inzwischen versucht, Abhilfe zu schaffen.

Die Bayerische Staatsoper in München stellte Plastikschirme auf, um jeden Musiker vor der Lautstärke seines Hintermannes zu schützen. In Dortmund können Orchestermusiker auf Wunsch einen individuell angepassten Hörschutz zum Stückpreis von 170 Euro beanspruchen. Schwangere dürfen gar nicht mehr mitspielen. Andere bauten die Orchestergräben um, kauften eine neue Vertäfelung. In Großbritannien dürfen bestimmte, besonders lautstarke Aufführungen nicht mehr in kleinen Sälen stattfinden.

Aber auch außerhalb der EU arbeitet man an dem Thema: Ein australisches Orchester hat inzwischen zwei Besetzungen - eine für die erste und eine für die zweite Hälfte des Abends, um den Musikern den Lärm" nicht ständig zuzumuten. Bei Popkonzerten in Schweden kommen neuerdings Lautsprechersysteme zum Einsatz, die den Schall von oben ausstrahlen, um zu verhindern, das Zuhörern nahe der überdimensionalen Boxen das Trommelfell platzt.

Dabei ist Vieles noch völlig unklar und wohl auch nicht durchdacht, kritisieren die Orchestermusiker selbst. So sei die Frage, wer wann und wo welche Messungen zur Prüfung durchführen soll, noch offen. Und auch die Tatsache, dass die Richtlinie nicht für selbständige Musiker gilt und unter Denkmalschutz stehende Gebäude ausgenommen sind, sei unverständlich". Das Bayreuther Festspielhaus ist zum Beispiel von den EU-Auflagen befreit. Der Chef der Prager Symphoniker, Libor Pesek, meint ohnehin, die Maßnahmen aus Brüssel kämen viel zu spät: Wir sind doch schon alle taub."

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