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Berlin: Ziehvater Dörflein und Eisbär Knut: Die Liebe zweier Einzelgänger

Berlin : Ziehvater Dörflein und Eisbär Knut: Die Liebe zweier Einzelgänger

Knut-Ziehvater Thomas Dörflein ist ein glücklicher Mensch. „Ja, das kann man sagen”, erzählt der Tierpfleger im Zoologischen Garten Berlin über sein Leben mit dem berühmten Eisbären. Schade findet Dörflein jedoch das von der Zoo-Direktion angeordnete Ende der von mehr als einer Million Menschen besuchten Knut-Show.

„Ja, genau”, antwortet er auf die Frage, ob er mit Knut gerne weiter vor den Fans aufgetreten wäre. Hinter den Kulissen spiele er weiter täglich Stunden mit ihm. „Er ist ja noch wie ein kleines Kind.” Und dann geht er hinaus auf den Brillenbärenfelsen und lässt Knut am Arm nuckeln. Das Publikum ist überrascht und jauchzt vor Freude über die spontane Neuauflage der Knut-Show.

In seinen ganz persönlichen Erinnerungen zieht Dörflein eine positive, emotionale Bilanz. Magische Momente seien es gewesen, als der von Eisbärenmama Tosca verstoßene Knut die Milch aus der Flasche annahm und nach drei bis vier Lebenswochen die Augen aufgingen. „Wenn so ein Tier einen anguckt, das ist schon etwas anderes als vorher.”

Eine eigene hervorgehobene Rolle lehnt der von Anfang an in der Öffentlichkeit scheue und bescheidene Tierpfleger ab. „Ich habe Angebote für Werbung und TV-Auftritte. Aber bei Kerner, Jauch, Beckmann oder Maischberger, das ist mir ein Graus. Das bin ich nicht. Ich sehe mich da nicht sitzen.” Mit Knut sei alles toll gelaufen, „das reicht mir.” Geld bewege ihn nicht, er habe auch keinen Ehrgeiz, ein Buch zu schreiben. Die vielen Heiratsangebote lehnt der zum Frauenschwarm gewordene Dörflein ab. „Das ist mir befremdlich.”

Seine graugrünen Augen blitzen, wenn er von Knut spricht. Von besonderer Leistung, gar von Stolz mag der 43-Jährige nicht sprechen. Fast fünf Monate lang kümmerte sich Dörflein rund um die Uhr um den Eisbären, der nicht viel größer als ein Meerschweinchen und nur mäßig behaart am 5. Dezember vergangenen Jahres mit 810 Gramm Geburtsgewicht auf die Welt gekommen war. „Stolz? Das mag ich nicht. Das ist keine große Leistung, das ist weitgehend Glückssache, wie man an Knuts gestorbenem Zwillingsbruder sieht.”

Mutter Tosca hatte bei ihrem dritten Wurf zwar erstmals versucht, die beiden Neugeborenen anzulegen. „Fünf Stunden habe ich daneben gewartet, dass sie saugen”, schildert Dörflein. Doch es klappte nicht. Da sprang er ein. „Da war die Hilflosigkeit der beiden. Das ist doch ganz klar, ein menschlicher Instinkt, dass man da unbedingt helfen will und muss.”

Sich selbst stellt Dörflein auch als Einzelgänger dar, wie es Eisbären sind. Er und Knut hätten sich praktisch gefunden. „Klar”, sagt er in seiner eher wortkargen Sprache. Bei dieser einzigartigen Mensch-Tier-Geschichte musste sich keiner verbiegen - weder Dörflein zum Ersatzbären werden noch Knut zum Menschenbär. „Ich musste mich nicht verändern und er auch nicht.”

Eine hat ihm in dieser Auszeit vom normalen Leben aber doch sehr geholfen. Seine Lebensgefährtin Daniela Kaiser und ihr fünfjähriger Sohn besuchten ihn fast täglich in dem Zimmer auf einem Hinterhof des Zoos, wo Dörflein neben der Schlafkiste von Knut auf einer Pritsche nächtigte. Sie brachten ihm Essen und frische Kleider. Weihnachten und Silvester feierten sie gemeinsam in den Stallungen mit Knut.

Die Beziehung zu Knut ist für Dörflein auch in seinem jahrzehntelangen Pflegerleben einmalig. Das lasse sich kaum wiederholen. Das Besondere sei schon diese Art Vater-Sohn-Beziehung, obwohl Dörflein sie nicht so nennen mag. „Er hatte ja keinen anderen.” Der Name, der um die Welt ging, fiel ihm eher spontan ein. „Er sah eben aus wie ein Knut, so freundlich und pummelig.”

Die aufgekommene Kritik an der Handaufzucht, die darin gipfelte, das Lebensrecht von Knut anzuzweifeln, empfindet Dörflein als absurd. Der Tierpfleger sagt: „Ich ziehe ja kein Jungtier auf, wenn ich das nachher einschläfern lasse.” Knut selbst wünscht Dörflein ein Leben in einem schönen Zoo außerhalb Berlins, wo er mit seinesgleichen umgehen kann und vielleicht Kinder zeugt. „Er soll ja die enge Bindung zum Menschen verlieren, er soll ja Bär werden und sein. Ich habe ihn ja nicht für mich aufgezogen.”

Seine Erfahrung will Dörflein nicht vermarkten. „Ich verdiene hier genug. Ich könnte noch was abgeben.” Für ihn schließt sich nur der Kreis, wenn es Knut gut geht. „Ich bin ein glücklicher Mensch, und die Erfahrung mit Knut, die hat mich noch glücklicher gemacht”, schließt Dörflein. Dann geht er hinaus zum Bären.