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Sofia: „Wunderikonen” in Sofia locken die Massen an

Sofia : „Wunderikonen” in Sofia locken die Massen an

Sie kamen aus allen Landesteilen: Tausende und Abertausende alte und kranke Menschen, aber auch junge und gesunde. Ein gelähmtes Kind im Rollstuhl wurde von seiner Mutter begleitet. Tag und Nacht wartete die Menschenmenge bei Sonne und Regen, um vor drei „Wunderikonen” beten zu können.

Die christlich-orthodoxen Gläubigen waren nicht etwa zu einem entlegenen Wallfahrtsort gepilgert, sondern sie sind vor die Aleksander-Newski-Kathedrale im Zentrum der bulgarischen Hauptstadt Sofia gekommen. Denn in dem Gotteshaus waren im Mai erstmals drei als „wundertätig” geltende Ikonen eine Woche lang ausgestellt.

„Vor drei Jahren hatte ich eine Herzoperation, jetzt will ich für meine Gesundheit beten”, erzählt eine 65-Jährige aus Sofia. Sie stellt sich abends spät am Ende der mehrere hundert Meter langen Warteschlange an, hat aber in der Eile ihre lebenswichtigen Tabletten zu Hause vergessen. Neben ihr wartet ein 33-jähriger Manager mit seiner Frau. Hinter ihnen steht die 83-jährige Großmutter eines bulgarischen Popsängers. Sie hat fünf Taschentücher mitgebracht, um damit die Ikonen zu berühren. Dann will die alte Dame die Tücher mit der „Wunderkraft der Ikonen” ihren fünf Enkelkindern schenken.

„Es ist schwierig zu sagen, wo bei uns die Grenze zwischen Gebet und Zauber genau verläuft”, meint der Professor für Kulturgeschichte, Iwajlo Ditschew, zur „Wallfahrt” nach Sofia. Der Glaube der Bulgaren sei schon immer „mit Aberglaube vermischt” gewesen. Ditschew verweist auf den Boom von Naturheilern und Zauberkünsten. Er sieht den Trend als „Ausdruck einer Krise und einer Suche”. Der Notarzt zur Betreuung der wartenden Menschen vor der Kathedrale hat nach eigener Aussage noch nie so viele verzweifelte Menschen an einem Ort gesehen.

Die „Wunderikonen” mit dem Bildnis der Muttergottes stammen aus den drei größten Klöstern des Balkanlandes: Rila, Batschkowo und Trojan. Die älteste soll der byzantinische Kaiser dem südbulgarischen Rila-Kloster im Jahr 1173 gestiftet haben, nachdem er durch Gebete geheilt wurde. In diese Ikone sind Knochensplitter von 32 Heiligen eingearbeitet. Sie hatte das Gebirgskloster nur einmal verlassen, um im 19. Jahrhundert bei der Bekämpfung der Pest zu helfen.

Die Wunderkraft der Ikonen entspringe einem „tiefen menschlichen Glauben”, erklärt der Abt des Rila-Klosters, Bischof Ewlogij, das Geheimnis. „Um vier Uhr morgens erfüllt Gott die Gebete”, weiß die Zeitung „Standart” in Sofia. So habe die Ikone aus Batschkowo eine Koma-Patientin zum Leben geweckt, einen an Krebs erkrankten Mann geheilt und einem blinden Jungen das Augenlicht zurückgegeben.

Trotz ihrer persönlichen Anliegen dürften die insgesamt rund 100.000 „Wallfahrer” in Sofia den eigentlichen Grund für die Zusammenführung der „Wunderikonen” nicht vergessen haben. Es war ein groß angelegtes Bittgebet des 92-jährigen Kirchenoberhauptes, Patriarch Maksim, zur Freilassung der fünf in Libyen zum Tode verurteilten bulgarischen Krankenschwestern. Nach mehr als acht Jahren Haft hoffen offensichtlich nicht nur diese Frauen auf ein Wunder.