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Würzburg: Wissenschaftler: „Wir können Tierversuche nicht ersetzen”

Würzburg : Wissenschaftler: „Wir können Tierversuche nicht ersetzen”

Jedes Jahr werden an Millionen von Tieren neue Medikamente oder Behandlungsmethoden getestet. Nach Daten des Bundesverbraucherministeriums waren es 2012 in Deutschland mehr als drei Millionen Fische, Vögel und Vierbeiner.

Anlässlich des Internationalen Tags des Versuchstieres am 24. April prangern Tierschützer mit bundesweiten Aktionen die ethisch umstrittenen Versuche an. Für Wissenschaftler sind die Experimente jedoch oft notwendige Grundlage für ihre Forschungen. Der Pharmakologe Prof. Martin Lohse von der Universität Würzburg erklärt, wo und wieso Tierversuche nötig sind.

Die Forschung ist ohne Tierversuche undenkbar. In welchen Bereichen werden Tests an Affe, Katze und Co. gemacht?

Lohse: Darf ich als erstes widersprechen? Es gibt riesige Forschungsfelder, die man auch ohne Tierversuche bearbeiten kann. Ich glaube, es ist wichtig, dass man das sieht. Aber es stimmt, es gibt auch Bereiche, in denen man noch Tierversuche braucht. Das ist etwa in der Medizin und Biomedizin der Fall, wenn es beispielsweise um Phänomene geht, die es nur im intakten Organismus gibt, wie den Blutdruck. Ein anderer Bereich ist die Entwicklung von Impfstoffen. In Vorstufen kann man ohne Tierversuche forschen, aber wenn es um die Frage geht, ob ein Impfstoff wirkt, braucht man den Gesamtorganismus.

Gibt es Tiere, die sich für die Versuche besonders eignen?

Lohse: Das ist eine ganz schwierige Frage und auch eine, die wissenschaftlich immer wieder neu bewertet werden muss. Man muss sich zum Beispiel fragen, welche Tiere für welche Erkrankungen ein geeignetes Modell bilden und welche ethisch vertretbar sind. Zum Beispiel gilt das Schwein, was den Kreislauf betrifft, als relativ gutes Modell. Aber die große Mehrzahl an Tierversuchen wird an Mäusen und Ratten durchgeführt.

Welche aktuellen Forschungsergebnisse haben wir Tierversuchen zu verdanken?

Lohse: Zum Beispiel gibt es neue Mittel bei Diabetes, der Zuckerkrankheit, die letztlich auf Beobachtungen am Tier beruhen. Bei den Tests ging es um das Wechselspiel zwischen Darm, Bauchspeicheldrüse, Blut und Appetit. Das heißt, es waren viele Organe einbezogen. Das ließ sich nur am Gesamtorganismus überprüfen.

Tierschützer laufen regelmäßig Sturm gegen die Versuche am Tier. Wie werden die kontroversen Diskussionen geführt?

Lohse: Ich glaube, die beste Diskussion, die man führen kann, ist eine ganz offene. Es ist auch meine persönliche Erfahrung, dass man sowohl auf die Schwierigkeiten als auch auf die Vorteile von Tierversuchen eingehen muss. Je transparenter man das anspricht - etwa, dass es um die Wahrung von Patienteninteressen geht oder dass es um neue Strategien für bisher nicht ausreichend behandelbare Krankheiten geht - desto deutlicher wird, dass alles eine Abwägung ist. Und die muss unter bestimmten Voraussetzungen zugunsten der Patienteninteressen getroffen werden.

Gibt es alternative Wege für die Forschung, falls Tierversuche in Zukunft eingeschränkt oder verboten werden?

Lohse: Ich würde sagen, auf dem Stand von heute können wir Tierversuche nicht ersetzen. Die Alternativen, wenn man an die Entwicklung von Arzneimitteln denkt, sind, dass man entweder sagt, wir entwickeln keine neuen mehr oder man verlagert das Risiko verstärkt auf den Menschen. Es würde sich die Situation ergeben, dass Patienten oder Probanden erstmals Arzneimittel verabreicht werden müssten, die vorher noch nicht ausreichend getestet wurden.

Zur Person: Prof. Martin Lohse lehrt seit 1993 an der Universität Würzburg. Der promovierte Neurobiologe widmet sich dort vorrangig dem Bereich der Pharmakologie. Er erhielt bereits mehrere Auszeichnungen für seine Forschungen, unter anderem den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den Ernst-Jung-Preis für Medizin. Lohse wurde 1956 in Mainz geboren.

(dpa)