Aachen/Teveren: Wird der Fall Böken neu aufgerollt?

Aachen/Teveren: Wird der Fall Böken neu aufgerollt?

Der Fall Jenny Böken aus Teveren, der 2008 über Bord gegangenen Matrosin des Segelschulschiffes Gorch Fock, wächst sich möglicherweise zu einem Krimi aus. Inzwischen steht vieles wieder auf dem Prüfstand.

Neue Facetten im Todespuzzle der 18-Jährigen aus der Nacht des 3. September sind eher beunruhigend, es tun sich immer neue Ungereimtheiten auf. Dabei ist das Wort „Ungereimtheiten“ für den Aachener Anwalt der Bökens, Rainer Dietz, durchaus eine unzulässige Beschönigung der Sache.

„Die Familie, die seit fast sieben Jahren einfach nur eine stimmige Aufklärung des Todesfalles ihrer Tochter möchte, kommt immer mehr zu der Überzeugung, dass hier vieles vertuscht wurde und wird.“ In der „Todesermittlungssache Jenny Böken“, die bislang bei der Staatsanwaltschaft Kiel anhängig war, gibt es jetzt neue Erkenntnisse — sie münden juristisch in einen „Antrag auf Wiederaufnahme der Ermittlungen“, jetzt bei der Aachener Staatsanwaltschaft, weil der Vertrauensverlust in die Kieler Behörde laut Dietz „unheilbar tief“ sitze.

Erstaunliche Strömungsdaten

Mit dem Rückenwind eines Schadensersatzverfahrens im Oktober 2014 konnten die Eltern Marlis und Uwe Böken aktuell zahlreiche Fragen an den Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses, den Abgeordneten Hans-Peter Bartels (SPD), stellen. Der designierte Wehrbeauftragte reichte sie weiter an das Verteidigungsministerium, und bekam Antworten, die jedoch nach Einschätzung der Familie eher vage blieben. Nicht so aber die von einem Marinegutachter im Jahr 2012 berechneten Strömungsdaten der elftägigen, mutmaßlichen Drift der Leiche Jenny Bökens in der Nordsee.

Die Berechnungen waren oftmals angefordert worden, bislang aber nie zu den Bökens gekommen. Ergebnis: Die errechnete Position der Leiche liegt etwa 28 Kilometer weiter nordöstlich als der tatsächliche Auffindeort durch das Fischereiforschungsschiff Walther Herwig III am 15. September 2008.

Das ist für Dietz eine erhebliche Differenz. Sie lege nahe, dass Jenny Böken vermutlich zu einem früheren Zeitpunkt (und Ort) als um 23.43 Uhr (da wurde das Manöver „Mann-über-Bord“ eingeleitet) ins Wasser fiel und würde den Unterschied von errechneter Drift und tatsächlichem Fundort erklären.

Wo verschwand der Parka?

Neu recherchierte Zeugenaussagen zum Bekleidungszustand der Kadettin erhöhen drastisch die Zweifel an der offiziellen Version eines tragischen Unglücksfalles auf der Gorch Fock. Ein Journalist der renommierten „FAZ“ berichtete Anwalt Dietz, dass Zeugen auf der Walther Herwig ihm gegenüber schilderten, Jennys Leichnam sei mit einem Marine-Parka bekleidet gewesen, ihr Name habe dort gestanden. Zur Obduktion kam der Leichnam jedoch nur in einem Oberteil an und mit einer leichten Hose bekleidet. Weiter kann niemand erklären, warum Jenny Böken keine Stiefel mehr an hatte, die Socken aber nach elftägiger Wasserdrift noch akkurat saßen.

Zusammen mit dem Obduktionsbefund, man habe bei der Offiziersschülerin keinen Tropfen Wasser in der Lunge gefunden, vermuten die Antragsteller: Jenny Böken war womöglich bereits tot und ging erheblich früher über Bord. Das fehlende Wasser lässt laut Dietz, einem erfahrenen Strafverteidiger, zwei Schlüsse zu: Entweder trat der Tod vor dem Fall ins Wasser ein, oder es war ein schockartiges Ableben beim Auftreffen auf die Wasseroberfläche.

Die Bökens befürchten, „dass die Ermittlungsakte an wesentlichen Stellen unvollständig ist“. Und sie hegen „den Verdacht der Beweismanipulation“. Denn es sind auch Wäschestücke einfach vernichtet worden. Eine weitere Zeugin bekundete Manipulationen an der Tauglichkeitsakte von Jenny — die Zeugin wurde nie gehört.