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Coronavirus weltweit: Winziger Partikel, große Wirkung

Coronavirus weltweit : Winziger Partikel, große Wirkung

Es ist ein winziger Partikel, der binnen gut drei Monaten mehr als 110 Länder erfasst hat: Sars-CoV-2. Angeführt wird die Statistik offiziell gemeldeter Infektionszahlen derzeit von China, Italien, Iran und Südkorea. Experten gehen allerdings davon aus, dass es in vielen Ländern eine hohe Dunkelziffer nicht erfasster Fälle gibt.

Die Situation in einer Auswahl von Ländern.

China:

Anfang Dezember, vielleicht auch schon im November treten in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan zum ersten Mal Fälle einer bis dahin unbekannten Lungenerkrankung auf. Die Betroffenen haben gemeinsam, dass sie sich zuvor auf einem Tiermarkt aufhielten, der seitdem als Ursprung des neuartigen Coronavirus gilt. Es dauert bis zum 31. Dezember, bis die Fälle aus China offiziell an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet werden.

China reagiert nach anfänglichen Verzögerungen mit drastischen Mitteln. In der schwer betroffenen Provinz Hubei werden 60 Millionen Menschen faktisch unter Zwangsquarantäne gestellt. Im ganzen Land kommt das öffentliche Leben zum Stillstand. Es gibt erhebliche Kritik am Vorgehen der Regierung, der unter anderem Vertuschung vorgeworfen wird. Für Bestürzung sorgt etwa der Tod des Arztes Li Wenliang, der früh vor dem Ausbruch gewarnt hatte, aber laut Berichten gezwungen wurde, diese „Gerüchte“ nicht weiter zu verbreiten. Auch werden kritische Äußerungen und Berichte in sozialen Medien streng zensiert und systematisch gelöscht.

Nach der offiziellen Statistik liegt die Zahl der bisher mit dem Virus Sars-CoV-2 Infizierten bei rund 80.000, mehr als 3100 Todesfälle sind erfasst. Experten bezweifeln allerdings, dass die offiziellen Zahlen die wahre Lage widerspiegeln und gehen von einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle aus.

Italien:

Erstmals nachgewiesen wird das Virus Ende Januar bei einem chinesischen Paar in Rom. Die Ruhe danach ist eine trügerische: Nachdem der Erreger am 21. Februar bei einem 38-Jährigen aus Codogno in der Lombardei nachgewiesen wird, steigt die Zahl der Nachweise auch in anderen Regionen rasant.

Bis zum 11. März werden mehr als 12.000 Fälle erfasst, mehr als 800 Menschen sterben. Die Dunkelziffer nicht erfasster Infektionen dürfte Experten zufolge sehr hoch sein. Angenommen wird, dass das Virus lange unbemerkt zirkulierte.

Italien ergreift so drastische Maßnahmen wie kein anderes Land in Europa. Mittlerweile ist das ganze Land Sperrzone. Man darf sich nicht mehr aus seinem Wohnort in andere Kommunen begeben. Nur wenn man zu seinem Arbeitsplatz will oder aus gesundheitlichen Gründen. Alle Museen und Sehenswürdigkeiten sind zu. Genauso wie Schulen, Kindergärten und Universitäten. Alle Sportveranstaltungen sind ausgesetzt, Bars, Restaurants sowie fast alle Geschäfte bleiben geschlossen. Nur Supermärkte und Apotheken seien weiter geöffnet, erklärt Premierminister Giuseppe Conte. Für die Wirtschaft sind die Maßnahmen eine Katastrophe. Touristen gibt es kaum noch – und der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes.

Die Krankenhäuser zum Beispiel in der Lombardei sind am Limit. Eine so große Zahl an Patienten in der Intensivstation verkraftet das System nicht. Die Folge: Andere Patienten, ob mit Herzinfarkt oder nach einem Unfall, könnten zu kurz kommen, sagt Antonio Pesenti, Koordinator für Intensivstationen im Krisenstab der Lombardei. Bei der Suche nach Ärzten komme man ebenfalls an Grenzen. Zugleich gehen die Infektionszahlen weiter hoch: „Es ist fast unmöglich, länger als zwei Wochen mit diesen Rhythmen Schritt zu halten“, warnt er.

Frankreich:

Bis Mittwochabend zählten die Behörden in Frankreich 2281 Erkrankte und 48 Menschen waren an den Folgen der Infizierung gestorben. Zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die positiv getestet wurden, gehören Kulturminister Franck Riester und fünf Abgeordnete der Nationalversammlung. Betroffen sind inzwischen alle französischen Regionen, auch jene in Überseegebieten wie La Réunion und Französisch-Polynesien. Besonders hoch ist der Anteil der Infizierten auf der Mittelmeer-Insel Korsika: Unter den 330.000 Einwohnern gab es bis Mittwochabend 51 Betroffene. Versammlungen mit mehr als 50 Personen sind dort bis auf weiteres verboten und alle korsischen Schulen bleiben bis Monatsende geschlossen. Ähnliches gilt für andere Regionen.

Insgesamt erhalten in ganz Frankreich rund 400.000 Kinder, soweit möglich, Fernunterricht. Seit dem Wochenende sind alle Versammlungen mit mehr als 1000 Menschen untersagt. Etliche kulturelle und Sport-Veranstaltungen, Konzerte sowie die Pariser Buch- und eine Tattoo-Messe wurden abgesagt. Die Regierung kündigte mehrere Maßnahmen zur Unterstützung von Unternehmen an und lockerte unter anderem die Regeln für Zeitarbeit.

Die Frage, ob Frankreich ein „italienisches Szenario“ bevorsteht und ob es ebenso radikale Schritte wie der südliche Nachbar treffen sollte, wird kontrovers diskutiert. Allerdings steigt der Druck in den Krankenhäusern, die bereits seit langem über Personalmangel und zu große Auslastung vor allem der Notaufnahmen klagen. Eine Absage der Kommunalwahlen an den kommenden Sonntagen wird ausgeschlossen. Meinungsforscher gehen aber von Auswirkungen auf die Beteiligung aus.

Spanien

Spanien ist inzwischen nach Italien und Frankreich das europäische Land mit den meisten Corona-Fällen. Die größte Anzahl von Infektionen gibt es in der Hauptstadtregion Madrid, wo es am Donnerstag bereits 1388 bestätigte Krankheitsfälle gab. In ganz Spanien registrierten die Behörden bis Donnerstagmittag 2200 Covid-19-Erkrankte. Auf Mallorca starb in der Nacht zum Donnerstag erstmal ein Mensch am Virus, damit stieg die Zahl der Todesopfer in Spanien auf 56. Inzwischen legte das Virus auch Spaniens Regierung lahm: Am Donnerstag wurde bestätigt, dass Frauenministerin Irene Montero erkrankt ist. Weitere Fälle in der Mitte-links-Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez sind damit nicht ausgeschlossen, zumal Vizeregierungschef Pablo Iglesias der Lebenspartner von Montero ist.

Real Madrid, der berühmteste Fußballklub der Nation, steht ebenfalls unter Quarantäne, nachdem ein Profispieler der Basketballabteilung positiv getestet worden war. Spaniens Fußball-Liga sagte derweil für die nächsten zwei Wochen alle Spiele ab. Zuvor hatte die Regierung angeordnet, dass sämtliche Sportveranstaltungen bis auf Weiteres ohne Publikum stattfinden müssen.

Erschöpft: Ein südkoreanischer Arbeiter in Schutzanzug macht im stark vom Coronavirus betroffenen Daegu eine Pause. Foto: dpa/-

Zum Krisenplan der Regierung Sánchez gehört, dass alle Direktflüge zwischen Italien und Spanien mit sofortiger Wirkung untersagt wurden. Die gesamte Bevölkerung wurde aufgerufen, „auf nicht notwendige Reisen zu verzichten“. Die Unternehmen wurden gebeten, ihren Mitarbeitern Heimarbeit zu ermöglichen. Im Großraum Madrid und in anderen Regionen wurden alle Schulen, Universitäten, Theater und Museen geschlossen.

Spaniens Tourismusbranche zittert nun der Ostersaison entgegen. Vor allem in den Ferienhochburgen auf den Urlaubsinseln Mallorca und Kanaren herrscht in der Branche Panikstimmung. Zwar gibt es auf den Inseln bisher nur relativ wenig bestätigte Corona-Fälle. Aber die Verunsicherung vieler Menschen spiegelt sich in einem Absturz der Buchungen wider.

Iran:

Eine realistische Einschätzung der Situation im Iran fällt schwer. Der erste Fall im Land wird am 19. Februar in der heiligen schiitischen Stadt Ghom südlich von Teheran bekanntgegeben. Am gleichen Tag sterben dort zwei Männer an Covid-19. Zuvor hatte Gesundheitsminister Saeid Namaki mehrfach versichert, dass es im Iran keine einzige Coronavirus-Infektion gebe.

Rasch wird deutlich, dass die Situation wahrscheinlich nur in China schlimmer ist als im Iran. Wegen der Epidemie lässt die Regierung Schulen, Universitäten, Kinos und Theater schließen. Sogar die für das islamische Regime wichtigen Freitagsgebete werden abgesagt. Die iranische Wirtschaft – besonders das lukrative Geschäft vor dem Neujahrsfest am 20. März – wird lahmgelegt. Die meisten internationalen Fluggesellschaften haben ihre Flüge nach und von Teheran gestrichen.

Offiziell gemeldet sind bis 11. März 9000 Infektionen und gut 350 Todesfälle. Das Gesundheitsministerium behauptet, der Öffentlichkeit transparente und genaue Informationen zu liefern. Viele im Iran und auch internationale Experten zweifeln jedoch daran und befürchten weitaus mehr Tote und Infizierte. Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass der Ausbruch verzögert bekanntgegeben wurde, damit es bei der Parlamentswahl nicht zu einer niedrigen Wahlbeteiligung kommt.

Die amerikanischen Sanktionen, die auch die Einfuhr von Medikamenten betreffen, spielen eine wichtige Rolle bei der mangelhaften Behandlung von Patienten. Aber die Regierung hat es auch nicht geschafft, ausreichend Desinfektionsmittel, Schutzhandschuhe und Atemmasken zur Verfügung zu stellen.

Südkorea

Die Entwicklung in Südkorea ist für Deutschland besonders interessant, weil das Land ökonomisch und medizinisch vergleichbar gut aufgestellt ist. Die Gesundheitsbehörden melden am 20. Januar den ersten Nachweis.Einen Monat später steigen die Zahlen sprunghaft an. Betroffen ist vor allem die Millionen-Stadt Daegu und die umliegende Region. Die gegen die Epidemie gerichteten Maßnahmen schränken das soziale Leben stark ein. Konzerte und Festivals werden abgesagt, Museen und Büchereien bleiben geschlossen. Großunternehmen ordnen Heimarbeit an. Der Beginn des Schulhalbjahrs wird um eine, dann um zwei weitere Wochen verschoben. Die Regelung gilt auch für Kindergärten. Sportveranstaltungen werden verschoben.

Bis zum 11. März werden gut 7700 Infektionen und 60 Todesfälle erfasst. Die Behörden sehen ihre „Kampagne der sozialen Distanz“ als wichtige Maßnahme. Daneben wird auf transparente Informationsweitergabe und den Ausbau der Testkapazitäten verwiesen. Die Situation komme zusehends unter Kontrolle. Experte Kim Dong Hyun hält dagegen: „Die Übertragung in den Gemeinden geht weiter“.

Japan:

In Japan wird am 16. Januar ein erster Sars-CoV-2-Nachweis bestätigt – rund ein halbes Jahr vor den in Tokio geplanten Olympischen Spielen. Das erste Todesopfer meldet Japan am 13. Februar – bis zum 11. März werden es nach offizieller Statistik 19 sein. Sieben davon sind Crewmitglieder oder Passagiere von Bord des Kreuzfahrtschiffes „Diamond Princess“, das zwei Wochen lang in Yokohama unter Quarantäne steht. Experten beschreiben es als Brutstätte für Infektionen: Rund 700 Menschen stecken sich an Bord an.

Hinzu kommen Hunderte Infektionen in Japan selbst. Kritiker werfen der Regierung vor, nicht ausreichend zu testen – wohl, um die Zahl bekannter Infektionsfälle niedrig zu halten. Angesichts der Kritik gibt Abe plötzlich drastische Maßnahmen bekannt: Alle Schulen werden für einen Monat bis zu den Ferien geschlossen, die Bürger sollen möglichst von zu Hause aus arbeiten. Große Sport- und Kulturveranstaltungen sollen abgesagt oder verschoben werden. Millionen Visa für Chinesen und Südkoreaner werden für ungültig erklärt.

Experten vermuten, dass Abe so die drohende Absage der Olympischen Spiele noch verhindern will. Ohnehin wird weiterer Schaden für die Wirtschaft befürchtet, der schon zuvor eine Rezession drohte.

(dpa)