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Münster: Wichtige Dokumente zerbröseln beim Umblättern

Münster : Wichtige Dokumente zerbröseln beim Umblättern

Was vor Jahren zu Papier gebracht wurde und eigentlich für die Nachwelt erhalten werden soll, zerfällt heute schon beim Umblättern zwischen den Fingern. „Das Problem ist, dass zwischen 1850 und 1990 überwiegend auf säurehaltigem Papier gedruckt wurde”, sagt Prof. Norbert Reimann, Leiter des LWL-Archivamts für Westfalen in Münster.

„Durch die Säure zersetzt sich das Papier von innen heraus. Wenn man es dann anfasst, eine Seite umschlägt oder knickt, bricht es und zerbröselt.” Mit einer „Massenentsäuerung” soll dieser Prozess nun gestoppt werden.

Erste Meldungen über Säurefraß in Bibliotheken und Archiven traten Ende der 1980er Jahre erstmals verstärkt auf. „In den deutschen Archiven lagern rund sieben Milliarden Blatt Papier, von denen ein erheblicher Teil entsäuert werden muss”, sagt Reimann. Im vergangenen Jahr seien mit der „Landesinitiative Bestandserhalt” für die Entsäuerung von NRW-Archiven Landesmittel in Höhe von jährlich einer Million Euro für fünf Jahre zur Verfügung gestellt worden. „Damit müssen die einzelnen Archive nur rund 30 Prozent der Kosten selbst tragen”, sagt Reimann. Da viele Archive anfragen, würden die Zuschüsse voraussichtlich nicht reichen.

Das LWL-Archivamt hat 2006 bereits rund 385.000 Blatt aus Archiven der Region entsäuert. Dieses Jahr sollen mehr als eine Million Blatt ins Chemikalienbad. Dadurch kann der Verfall von historischen Briefen, Karten und Akten bis hin zu Möbelprospekten aus den 1950er Jahren vor dem Verfall bewahrt werden.

Bevor die beschädigten Archivbestände in einen Fachbetrieb gebracht und dort in größeren Mengen entsäuert werden, entfernen die Mitarbeiter des Archivamts Büroklammern und Tesafilm, mit denen die teilweise schon stark angeschlagenen Dokumente zu retten versucht wurden. Jedes Papier muss geordnet und der Reihenfolge nach behandelt werden, damit die Akten nicht durcheinander geraten. Anschließend fahren sie mit dem Bügeleisen über das Papier, um es zu glätten. Einzelne, beschädigte Seiten werden in der Werkstatt des Archivamts mit einem Gemisch aus Papierfasern und Kleber gekittet. Außerdem wird ihnen die Säure entzogen.

„Dieser Prozess ist nicht nur eine arbeitstechnische, sondern auch eine finanzielle Herausforderung”, sagt Reimann. „Bei Entsäuerungskosten von 20 bis 24 Cent pro Blatt behandeln wir zunächst nur sehr wichtige Bestände, vielleicht wird es zukünftig auch bessere Verfahren geben.”

Das stellte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) am Donnerstag in Pulheim bei Köln vor. Die einzelnen Papiere wandern in einer Maschine durch eine Spezial-Flüssigkeit, in der ihnen die Säure entzogen wird. Nach nur sieben Minuten sind die Blätter fertig konserviert und sollen bis zu 500 Jahre halten. Allerdings muss das Papier weiterhin einzeln manuell eingelegt werden, was das Konservieren von Büchern erschwert. Aber auch hier ist eine Lösung in Sicht. „Ich freue mich besonders darüber, dass wir im Herbst eine Maschine in Betrieb nehmen können, die nicht nur einzelne Blätter, sondern ganze Bücher entsäuern kann”, sagt Rüttgers.

Weil der Erhalt alter Dokumente den Landschaftsverbänden Rheinland und Westfalen Lippe und der Landesregierung gleichermaßen am Herzen liegt, wollen sie gemeinsam mit der „Landesinitiative Substanzerhalt” die Archivbestände des Landes vor dem endgültigen Zerfall retten. Die Landesregierung wird das Projekt mit 1,1 Millionen Euro unterstützen. Mit dem Geld können 2,1 Millionen Blatt Papier erhalten werden.