1. Panorama

Hamburg: Weihnachtsmannvermittlung: Bescherung im Halbstundentakt

Hamburg : Weihnachtsmannvermittlung: Bescherung im Halbstundentakt

Lautes Poltern ist aus dem Flur zu hören. Kurz darauf pocht es an die Zimmertür. Heiligabend, der Weihnachtsmann kommt, gleich ist Bescherung.

Aufgeregt rutschen die Kinder auf dem Sofa herum. Mama, Papa und die restliche Verwandtschaft sind vor allem nervös. Geht alles gut? Der Weihnachtsmann heißt Henry Bockrandt. Aber er ist kein Verwandter oder enger Freund der Familie und schon gar nicht ist er soeben mit einem Rentier-Schlitten gelandet. Die Eltern haben Henry Bockrandt über die Dresdener Weihnachtsmannvermittlung der Agentur für Arbeit gebucht.

Seit 30 Jahren spielt Bockrandt bereits an Heiligabend und in den Wochen davor den Weihnachtsmann, seit Anfang der 1990er Jahre erhält er seine Aufträge von der Agentur für Arbeit. Mit rotem Mantel, Rauschebart, großem Buch und schweren Stiefeln schreitet er zur Bescherung. Dafür bekommt er 25 Euro und manchmal ein kleines Geschenk. Bis zu zwölf Besuche macht er an Heiligabend, Bescherung im Halbstundentakt. „Wenn man keinen Spaß daran hat, kann man das nicht machen”, sagt Bockrandt.

Der Ablauf ist meistens der selbe: Er singt Weihnachtslieder, trägt Gedichte vor, macht Zaubertricks - und verteilt die Geschenke. „Es ist schon beachtlich, was dafür ausgegeben wird”, erzählt er. Aber nicht jedem geht es um Materielles, zu Bockrandts großer Freude: „Ein 80-jähriger Großvater hat vor Freude angefangen zu heulen. Er war so froh, dass die ganze Familie zusammen saß.”

Insgesamt schickt die Dresdener Agentur für Arbeit an Heiligabend rund 40 Geschenkboten zu etwa 250 Familien. „Und jedes Jahr kommen neue hinzu”, sagt Behördensprecherin Grit Winkler. „Manche Weihnachtsmänner haben selbst Familie und kennen die Freude. Und manche, die alleine sind, wollen so am Weihnachtsgedanken teilhaben.”

Auch die Studentische Arbeitsvermittlung (STAV) in Dresden hat nicht nur Studenten im Angebot. „Viele Studierende fahren an Heiligabend nach Hause”, sagt Organisator Lukas Wiederhold. „Deshalb haben wir auch viele Nicht-Studenten im Einsatz.” Fünf bis sieben Familien sollte ein STAV-Weihnachtsmann an Heiligabend besuchen. Viel Zeit ist nicht, auch wenn einige Eltern versuchen, die Bescherung hinauszuzögern. „So manch einer ist schon auf einen Glühwein eingeladen worden.” Oft gibt es auch ein Extra-Trinkgeld - „einmal sogar 50 Euro!”

Die Weihnachtsmannmetropole aber ist Berlin. Dort vermittelt die studentische Arbeitsvermittlung Heinzelmännchen in diesem Jahr etwa 250 Weihnachtsmänner an rund 2600 Familien. Doch nicht jeder kann Weihnachtsmann werden - wer dabei sein will, muss durch ein regelrechtes Casting. „Die Interessenten müssen zeigen, dass sie mit den Weihnachtsbräuchen vertraut sind”, erzählt Oberweihnachtsmann Stefan Zwingel.

Um mitmachen zu dürfen, sind nicht nur jeweils zwei Lieder und Gedichte Pflicht. „Wir spielen im Casting die eine oder andere Bescherungssituation nach”, sagt Zwingel. Da gilt es dann, bei quengeligen Kindern und übernervösen Eltern den richtigen Ton zu treffen. „Die Bewerber sollten schon schauspielerisch begabt sein.”

Ein echter Schauspieler ist Adrien Megner. Er ist bereits seit mehreren Jahren in der Weihnachtszeit unterwegs. Im Vorgespräch klärt er mit den Eltern immer wieder die selben Fragen: Wo stehen die Geschenke? Soll ich was besonderes sagen? Und natürlich die Uhrzeit - „jeder will um 18 oder 19 Uhr bescheren”, sagt Megner.

Reich wird auch er als Weihnachtsmann nicht, 35 bis 60 Euro gibt es pro Bescherung. „Aber es ist ein tolles Erlebnis”, erzählt er. „Es ist immer wieder faszinierend, was die Menschen an Heiligabend für eine Art an den Tag legen - alles ist stiller und friedlicher.”