1. Panorama

Köln: Vor 60 Jahren schockierte „Doktor Sex” die USA

Köln : Vor 60 Jahren schockierte „Doktor Sex” die USA

Die Erkenntnisse des US-amerikanischen Forschers Alfred Charles Kinsey schlugen ein wie eine Bombe: Mit seinem „Kinsey-Report” über „Das sexuelle Verhalten des Mannes” versetzte der gelernte Zoologe den puritanisch geprägten USA einen Schock.

Sein Werk, das er vor 60 Jahren, am 31. Januar 1948, vorstellte, machte ihn über Nacht zum bekanntesten Mann des Landes nach dem Präsidenten. Sein Buch wurde zum internationalen Bestseller, das seitdem viele für den Auslöser der sexuellen Revolution der 60er Jahre halten. Analverkehr, Masturbation und Homosexualität wurden von Kinsey offen angesprochen, obwohl sie - nicht nur in den USA - absolute Tabuthemen waren.

Dabei hatte der gelernte Insektenforscher mit etwas ganz anderem angefangen: der Katalogisierung von Gallwespen. Kinsey, der 1894 in Hoboken im US-Staat New Jersey geboren wurde und eine Kindheit voller Angst und Verbote erlebte, trat nach dem Studium in Harvard zunächst eine Zoologie-Professur an. Als er mit 27 Jahren heiratete, war er noch sexuell unerfahren.

Die Hochzeitsnacht geriet zum Fiasko. Um andere vor solchen Erfahrungen zu bewahren, bot er sich 1936 als Eheberater für Studenten an. Viele Teenager in den USA glaubten damals noch, die Babys kämen aus dem Bauchnabel. In seinem Ehekurs zeigte Kinsey den Studenten unter anderem, wie ein erigierter Penis in die geöffnete Vagina eindringt. Derart plastisch hatte sich zuvor niemand an das Thema herangewagt. Und das, obwohl Kinsey rein äußerlich wie der klassische zerstreute Professor wirkte, mit schief sitzender Fliege, strubbeligen Haaren und Wollsocken.

Für seine neue Aufgabe begnügte er sich nicht damit, auf bereits vorhandene Veröffentlichungen zurückzugreifen. Er begann vielmehr, mit einem zunächst kleinen Team Befragungen anzustellen, um empirische Daten zu gewinnen. Das Projekt nahm immer größere Ausmaße an, bis er 1942 das „Institut für Sexualforschung” an der Indiana-Universität gründete, das später das „Kinsey Institute for Research in Sex, Gender and Reproduction” heißen sollte.

Im Verlauf von fünfzehn Jahren befragten er und seine Mitarbeiter an die 18.000 US-Bürger zu ihren sexuellen Handlungen. „Es muss deutlich gesagt werden, dass das ursprüngliche Ziel unserer Untersuchung die Erweiterung unserer Kenntnisse auf einem Gebiet war, auf dem es nur beschränkte wissenschaftliche Informationen gab”, schrieb Kinsey später dazu.

Die Ergebnisse der Befragungen veröffentlichte er 1948 in seinem ersten Bericht und fünf Jahre später in einem zweiten, diesmal zum sexuellen Verhalten der Frau. Seine Schlussfolgerung, dass Frauen zur Befriedigung mehr brauchen als nur einen „Quickie”, sprach vielen Amerikanerinnen aus dem Herzen und wurde der Auslöser einer neuen Feminismus-Welle. Zudem stellte er fest, dass es jede vierte Ehefrau mit der Treue nicht so genau nahm.

Zudem: Mehr als die Hälfte aller Frauen in den USA gingen - anders als erwartet - keineswegs unschuldig in die Ehe. Nach der Veröffentlichung seiner Bücher war Kinsey ein gejagter Mann. Als „Doktor Sex” wurde er zum erklärten Feind streng christlicher und konservativer Gruppierungen, die ihn bedrohten und beschimpften. Man unterstellte ihm verschiedenste sexuelle Neigungen und auch Straftaten wie etwa Sex mit Kindern.

Kritik hagelte es auch von wissenschaftlicher Seite, da ihm etliche Forscher vorwarfen, seine Ergebnisse seien nicht repräsentativ für die Gesellschaft. Dabei ging es auch um die Art seiner Fragestellung. Mediziner hielten ihm vor, zoologische Maßstäbe an Menschen anzulegen und psychologische Aspekte der menschlichen Sexualität außer acht zu lassen.

Paul Gebhard, Kinseys Nachfolger im Kinsey-Institut, verbrachte aufgrund dieser Kritik mehrere Jahre damit, den Datenbestand zu säubern. Sein 1979 veröffentlichtes Werk bestätigte jedoch im Wesentlichen Kinseys frühere Ergebnisse. Kinsey selbst, der mit seiner Frau Clara eine offene Ehe führte und vier Kinder hatte, schätzte die gesellschaftlichen Auswirkungen seiner Arbeit als gering ein.

Sein Ziel der sexuellen Befreiung habe er nicht erreicht, sagte er kurz vor seinem frühen Tod 1956. Dennoch gilt Kinsey als der Pionier der Sexualforschung, der populärwissenschaftlichen Nachfolgerinnen wie Shere Hite und Ruth Westheimer den Weg bahnte. Wohl kein Biologe nach Charles Darwin hat die US-Gesellschaft so entscheidend verändert wie er.