Die Rote Wohnrevolution: Vor 100 Jahren räumten die Sozialdemokraten in Wien auf mit dem Elend

Die Rote Wohnrevolution : Vor 100 Jahren räumten die Sozialdemokraten in Wien auf mit dem Elend

Verzweifelt versucht eine Mutter, ihr Baby zu wickeln – in Zeitungspapier. Es will nicht recht gelingen. Doch in der nächsten Szene kommt Hilfe: Eine Fürsorgerin überrascht die Mutter mit einem Säuglingswickelpaket, das von nun an allen Wiener Neugeborenen zugestanden wird.

Wir schreiben das Jahr 1927, die Stadt Wien wird seit acht Jahren sozialdemokratisch regiert. Und das Säuglingswickelpaket, das mit einem Kurzfilm beworben wurde, ist nur ein Beispiel für die vielen Reformprojekte jener Jahre. Es war die Epoche des Roten Wien, die bis heute einen fast mythischen Ruf hat.

„Die Programme waren nicht in erster Linie links, sondern aufklärerisch“, blickt Werner-Michael Schwarz auf die 15 Jahre zurück, in denen die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) die Stadt regierte. Der Historiker, der am Wien Museum eine Ausstellung über diese Zeit erarbeitet hat, nennt das Wien am Ende des Ersten Weltkriegs eine „verelendete Stadt, ohne Vergleich in Europa“.

Die vor 100 Jahren mit absoluter Mehrheit gewählten Sozialdemokraten, die ersten, die weltweit eine Großstadt regierten, strebten denn auch eine „tief greifende Verbesserung der Lebensbedingungen sowie eine weit reichende Demokratisierung der Gesellschaft“ an. Der Gemeindebau war der wichtigste Faktor im Programm und gilt bis heute als Aushängeschild des Roten Wien. Bis 1934 baute die Stadt Wien nicht weniger als 63.000 neue Wohnungen in 380 Gebäudekomplexen – was auch eine gewaltige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme war.

Der bekannteste dieser sogenannten Superblocks ist der Karl-Marx-Hof. 1,2 Kilometer lang ist dieser monumentale Riegel mit seinen 1382 Wohnungen, die 1930 etwa 5000 Menschen Platz boten. Gewaltige Rundbögen öffnen den Durchgang auf die grüne Seite des Hofes. Zwischen den Querhäusern liegen die mehr als fußballfeldgroßen Grün- und Spielanlagen. Nur rund 18 Prozent des riesigen Areals wurden verbaut. „Luft, Licht, Sonne“ lautete der schlicht klingende Grundsatz, der hinter dem Konzept dieser von ihren Gegnern als „Volkswohnpaläste“ titulierten Bauten stand, erläutert Werner Bauer, der den „Roten Waschsalon“ im Karl-Marx-Hof leitet.

Wer erfährt, dass 1917 fast drei Viertel aller Wiener Wohnungen überbelegte Ein- oder Zweiraumwohnungen waren, in denen katastrophale hygienische Verhältnisse herrschten, der versteht das geradezu Revolutionäre dieses Grundsatzes. Alle Räume waren so angeordnet, dass sie Tageslicht erhielten und man lüften konnte. Die meisten besaßen sogar Balkone oder Loggien. Fließendes Wasser gab es auch. „Vor 1919 war das lediglich bei zehn Prozent der Wohnungen der Fall“, sagt Bauer.

Werner Bauer in der Dauerausstellung über das Rote Wien im „Roten Waschsalon“ des Karl-Marx-Hofes. Foto: Ulrich Traub

Früher wurde im Ausstellungsgebäude tatsächlich gewaschen und gebadet, denn der Dampf der Wäscherei diente zur Erhitzung des Wassers für die Wannenbäder. „In allen Gemeindebauten gab es neben Bädern und Wäschereien soziale Einrichtungen wie Gemeinschaftssäle, Kindergärten und Jugendhorte. Darüber hinaus gehörten Büchereien, Ateliers und Werkstätten zur Grundausstattung eines Hofes“, erläutert Bauer.

Das Reformprogramm der Wiener SDAP, das dem „neuen Menschen“ auf die Sprünge helfen sollte, war breit angelegt. Neben dem Bau gesunder Wohnungen waren soziale Fürsorge (z. B. zur Senkung der Säuglings- und Kindersterblichkeit) und Bildung (Einführung der Einheitsschule) zentrale Themen. Der Etat für das Soziale wurde auf das Dreifache der Ausgaben in den Vorkriegsjahren erhöht.

In Österreich fand das Wiener Beispiel keinerlei Nachahmer, weder auf Bundes- noch auf Länderebene. Das Reformprogramm wurde mit Hilfe einer eigenständigen Steuerpolitik umgesetzt. Besteuert wurde alles, was nicht zwingend lebensnotwendig war: Luxus wie Autos, Pferde und Hauspersonal, aber auch Kaffeehausbesuche. Hinzu kam eine Wohnbausteuer, deren Erlös ausschließlich der Schaffung neuer Wohnbauten diente. Sie war sozial gestaffelt und zielte speziell auf Hausbesitz. Auf die teuersten Mietobjekte (0,54%) entfielen 45 Prozent der gesamten Steuer. „Der Gemeindebau war der Nukleus des Roten Wien“, so Werner-Michael Schwarz. „Kommunalen Wohnungsbau gab es überall, das Wiener Novum war, dass er nicht durch Schulden, sondern aus Steuern finanziert wurde.“

Wohnen als Grundrecht

Eine Voraussetzung für das Gelingen dieser zentralen Reform war der Mietpreisstopp von 1917, der die Miete auf dem Niveau von 1914 einfror. Zusammen mit der grassierenden Inflation hatte das zum fast vollständigen Ausbleiben privaten Wohnbaus geführt, und die Stadt kam günstig an die Baugrundstücke. Mit einem beneidenswerten Ergebnis: 1926 mussten von einem Durchschnittseinkommen nur fünf bis zehn Prozent für die Mietkosten aufgewendet werden.

In Wien war Wohnen als Grundrecht anerkannt worden, nicht als Spielwiese für Geschäftemacher. Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten gerieten die Wiener Sozialdemokraten zunehmend unter Druck. Am 12. und 13. Februar 1934 ging das Rote Wien im Beschuss der Gemeindebauten durch Bundesheer und Polizei unter. Die SDAP wurde verboten. „Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen“, hatte Bürgermeister Karl Seitz bei der Eröffnung des Karl-Marx-Hofes ausgerufen. Mit Recht. Alle seinerzeit errichteten Wohngebäude sind noch erhalten und stehen unter Denkmalschutz.

Seit 1945 sind die Sozialdemokraten wieder ohne Unterbrechung stärkste politische Kraft in der österreichischen Hauptstadt. Wohnungsbau ist ein politisches Kernthema geblieben – allerdings ohne sozialreformerischen Überbau und ohne neue Superblocks. Aktuell leben zwei Drittel der Bevölkerung in Sozialbauten. Wien ist der größte kommunale Wohnungseigner in Europa mit 220.000 von der Stadt gebauten und vermieteten Wohnungen.

Hier geht’s lang: Aufsteller im Roten Waschhaus. Foto: Ulrich Traub

Der Gemeindebau ist aber nur noch ein Grundpfeiler. Hinzu kommt ein nahezu gleich großer Bestand an gefördertem Wohnraum, für den Eigenkapital benötigt wird. „Wien hat seine Wohnungen niemals zur Gänze dem Markt überlassen“, erklärt Kathrin Gaál. Die Wohnbaustadträtin hält an der Idee vom Grundrecht Wohnen fest. Bis Ende 2020 sollen 14.000 neue Wohnungen entstehen. Mit dem „Geförderten Wohnbau“ wolle man der Bodenspekulation einen Riegel vorschieben. Diese Ende 2018 verabschiedete Maßnahme sieht vor, dass Flächen, die als Wohngebiet ausgewiesen werden, zu zwei Drittel mit gefördertem Wohnraum (mit Beschränkungen bei den Mietkosten) bebaut werden müssen. „In Wien kann man an der Adresse nicht erkennen, wie viel jemand verdient“, verkündet Gaál stolz.

Sozial durchmischte Quartiere statt Ghettos, so lautet die Wiener Erfolgsdevise. Wien ist beliebt und muss ein starkes Bevölkerungswachstum bewältigen. Gut, dass die Stadt noch 2,8 Millionen Quadratmeter Bauland besitzt und zu sanfter Nachverdichtung bereit ist. Die Seestadt Aspern im Osten Wiens mit ihrem zu großen Teilen geförderten Wohnraum ist eines der umfangreichsten Entwicklungsprojekte in Europa. Mit den ersten Bewohnern kam auch der U-Bahnanschluss.

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