Freistatt: Von der Straße in die eigene Wohnung: Der lange Weg zurück

Freistatt : Von der Straße in die eigene Wohnung: Der lange Weg zurück

Rucksack und Zelt hat Bert abgegeben. „Mir hat es gereicht”, sagte der 62-Jährige zwischen zwei Zügen an seiner selbst gedrehten Zigarette. Sieben Jahre hat der hagere Mann auf der Straße gelebt. „OfW” stand damals noch in seinem Ausweis: Ohne festen Wohnsitz.

Seit dem Mai lebt Bert H. im Haus „Platane” im niedersächsischen Freistatt bei Diepholz. Seinen vollen Namen möchte er genauso wie die anderen Männer der kleinen Siedlung nicht in der Zeitung lesen. Das Haus „Platane” mit den 40 Appartements gehört zu der diakonischen Einrichtung Bethel aus Bielefeld.

Zweimal im Jahr machen tausende Kraniche auf den Feldern um das niedersächsische Freistatt ein paar Wochen Rast. Auch dass Menschen hier für einige Zeit Station machen, hat Tradition: „Hier gibt es seit 1899 Hilfe für „Menschen in besonderen sozialen Lagen””, sagt Frank Kruse, Leiter der Obdachlosen-Hilfe in Freistatt. Gemeint sind „Wanderarme”, Menschen, die in den Jahren der Industrialisierung auf der Suche nach Arbeit umherzogen. „Wer länger als zwei Jahre keinen festen Wohnsitz hatte, der wurde offiziell zum Vagabunden und ihm drohte Zuchthaus.”

Bert H. war verheiratet, hat drei Söhne. Nach 23 Jahren geht die Ehe des gelernten Schriftsetzers in die Brüche, „auseinandergelebt”, sagt der Mann mit den vielen Falten im Gesicht kurz. Im Jahr 2000 verlässt er Bonn, die Stadt, in der er 47 Jahre gelebt hat. 2002 lernt er seine zweite Frau kennen, alles scheint wieder ins Lot zu kommen.

Im März 2006 stellen die Ärzte bei der Frau Zungenkrebs fest, vier Monate später ist sie tot. „Das hat mir so den Boden unter den Füßen weggezogen”, sagt Bert. Seitdem war er unterwegs. „Auf die Straße zu gehen, war keine bewusste Entscheidung.” Er ist einfach losgefahren, um weg zu sein.

Um Menschen wie Bert H. zu helfen, wieder in der Gesellschaft anzukommen, bietet die Diakonie in Freistatt eine zeitweilige Unterkunft. Für jeweils ein halbes Jahr wird ein Plan vereinbart, etwa Schuldenberatung, Gesundheitsprobleme behandeln lassen oder arbeiten in einem der Betriebszweige in Freistatt wie der Gärtnerei, der Hauswirtschaft oder der Bäckerei.

Von den staatlichen Leistungen bleiben den Bewohnern gut 100 Euro „Taschengeld”, 35 Euro Zuschuss für Kleidung und 5,40 Euro pro Tag, wenn sie sich selber verpflegen. Im Durchschnitt dauert diese Phase etwa zwei Jahre. Dann sollten die Menschen, wenn sie durchhalten, weitgehend wieder auf eigene Beinen stehen.

Jürgen W. hatte eine Arbeit, eine Frau, drei Kinder und eine Eigentumswohnung. Heute hat der 61-Jährige Magen-, Darm- und Leberkrebs. „Nach dem zweiten Kind hat meine Frau aufgehört zu arbeiten.” Jeden Morgen sei er von Hannover nach Hildesheim gefahren, habe noch mehr gearbeitet, um ihr fehlendes Gehalt auszugleichen. „Und dann ging alles in die Hosen.”

„Ich genehmigte mir immer öfter ein paar Feierabendbiere und verpasste dann schon mal den Zug.” Eines Abend kommt er von der Arbeit, ein Möbelwagen steht vor der Tür, erinnert sich Jürgen. „Sie hat sich anderweitig vergnügt und ist ausgezogen, zu einem anderen, der hatte ein Haus.” Er habe in seiner Wut erstmal alle Leute rausgeworfen und alles, was noch in der Wohnung war, kurz und klein geschlagen. „Dann bin ich weg.”

Seit 1982 ist Jürgen W. umhergezogen, wenn er Geld braucht, arbeitet er als Koch, täglich 12 oder 13 Stunden, „alles schwarz natürlich”. Oder er macht „Sitzung”, bettelt um ein paar Münzen. Insgesamt 14 Jahre war er in Haft. „Ich habe oft daran gedacht, irgendwo festzumachen, konnte aber nicht.” Warum? Schulterzucken. Vielleicht, weil niemanden einen Ex-Knacki einstellen wolle, mutmaßt er.

Und wenn sich das Leben doch wieder zum Guten zu wenden schien „wurde es dem Esel wieder zu wohl und er ging aufs Eis”, erzählt W. und dreht sich eine Zigarette. Wie damals, als er seine gut gehende Kneipe „Kap Horn” aufgab und bei Nacht und Nebel verschwand. Warum, weiß er nicht. „Je mehr Druck ich bekomme, desto sturer werde ich.” Aber das ist keine Erklärung.

„Vor zwei, drei Jahren ging es los mit den Krankheiten, Magenbluten und so”, sagt „Yogi”, wie Jürgen hier von allen gerufen wird. Vor 17 Monaten der Herzinfarkt. Er muss operiert werden. „Vier Tage vor der OP hatte ich meinen letzten Vollrausch.”

Demnächst zieht Jürgen in seine eigene Wohnung. Darauf freut er sich. „Aber wenn der Frühling kommt, da jucken die Füße. Die anderen packen ihre Sachen und machen den Fuchs”, beschreibt Jürgen seine Gefühle. „Wenn ich richtig fit wäre, würde ich noch mal eine Runde ziehen. „Aber die Chancen stehen nicht so richtig gut.”

Karl-Heinz M. wohnt ebenfalls in der kleinen Bethel-Siedlung von Freistatt, im „Haus Eiche”. Und auch der 65-Jährige hat sich in seinem Leben zum Einzelgänger entwickelt. „Ich hab zwar nie „Platte” gemacht”, sagt der Hesse mit unverkennbarem Akzent, aber er hat sich auch nirgends angemeldet, nur selten jemanden an sich herangelassen.

Ein Leben wie im Roman: Eine eher unauffällige Kindheit bei Frankfurt, „der Vater hat getrunken, uns aber gut behandelt”. Als er zehn ist, werden er und seine beiden Schwestern in ein Kinderheim gebracht. Mit 14 macht er eine Lehre als Binnenmatrose und fährt den Rhein rauf und runter. „Das war ein eintöniges Leben. Darum bin ich nach der Lehre nach Frankfurt ins Rotlicht-Milieu gegangen.”

Karl-Heinz M. arbeitet als Türsteher, Kellner und Wirt. „Irgendwann bin ich in eine Schlägerei geraten, die ist sehr übel ausgegangen”, sagte er, will aber keine Einzelheiten nennen. Ein Mann wird schwer verletzt, M. muss ins Gefängnis. „Diese ganze Geschichte hat mich aus der Bahn geworfen.” Erst einmal.

Nach der Haft wird er Fahrer bei einer Möbelspedition, heiratet eine Kneipenwirtin. „Fünf Jahre ging das gut.” M. hilft einem Bekannten in der Kneipe, ist fast nie zu Hause, trinkt viel. Als er mal wieder besoffen nach Hause kommt, will er Sex, seine Frau nicht. „Von einem Besoffenen will ich kein Kind””, sagte sie. „Da hab ich meine Koffer gepackt.” In Hamburg arbeitet er im Hafen.

Immer wieder bekommt Karl-Heinz Boden unter die Füße um ihn dann irgendwann wieder zu verlieren. Er hat eine Frau und Sicherheit, doch das Wunschkind kommt nicht. Und er ist jähzornig. Er versucht Kontakt zu einem unehelichen Kind aufzunehmen. Ergebnis „eines One-Night-Stands, sagt man wohl heute dazu”. Doch das Jugendamt verweigert ihm die Daten. „Da hab ich den PC des Sachbearbeiters aus dem Fenster geworfen.”

Eine Zeit lang arbeitet er als Staplerfahrer, bis er eines Tages mit seinem Chef aneinandergerät und ihm eine knallt. „Ich wurde entlassen und wollte eigentlich nach Mainz. Dann der totale Absturz. „Ich hab mich in Bingen am Rhein wiedergefunden. Die nächsten Monate habe ich im Rausch verbracht.”

Am Ende sind die ganzen Ersparnisse für die nahe Zeit als Rentner verprasst, rund 10 000 Euro, erzählt M. „Ich bin kein typischer Obdachloser, vielleicht einfach nur eine am Leben gescheiterte Existenz.” Ab dem 1. Januar 2014 bekommt er Rente. Er will sich eine eigene Wohnung suchen und einen Nebenjob, vielleicht in einen Verein eintreten.

Für Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind diejenigen, die auf keinen Fall mehr in einer Wohnung wohnen wollen oder angeblich nicht mehr können, eine „absolute Minderheit”. „Es gibt einige, die umherziehen und sich Berber nennen. Dazu noch einige psychisch Kranke, die sich nicht helfen lassen wollen. Das sind aber extreme Fälle.” Gefragt, wie sie wohnen wollen, sagten fast alle: In der eigenen Wohnung.

Besonders in den Städten gebe es viele Menschen, die ein Leben in der eigenen Wohnung führen könnten, aber keine finden, sagt Rosenke. „Und es gab und gibt die „vertreibende Hilfe”, wo die Wohnungslosen nach ein paar Tagen weiterziehen müssen”, kritisiert sie. Darum müsse es möglichst niedrigschwellige Angebote geben, zum Beispiel auch für Paare oder Menschen mit Hunden.

Die diakonischen Stiftungen Bethel in Freistatt bieten heute ein umfassendes Angebot für Wohnungslose, von der ersten Beratung über zeitweilige Wohnung und Arbeit bis zur „nachgehenden Hilfe”. „Es gibt auch Unterkünfte speziell für Frauen, für Paare und die „Bell-Etage” für Menschen mit Hunden”, sagt Kruse.

„Als wir anfingen, statt Mehrbettzimmern oder Wohngemeinschaften komplette Einzelappartements mit Nasszelle anzubieten, gab es heftige Kritik”, sagt Kruse. „Wenn die Wohnstandards so hoch sind, gehen die nie wieder, sagten die Kritiker voraus.”

„Die Denke war: Die Armen müssen auch arm wohnen, sonst geben die sich keine Mühe, da rauszukommen”, beschreibt Kruse die Ausgangslage. Es kam aber anders. „Unsere Erfahrung ist genau entgegengesetzt. Die Menschen in Gemeinschaftsunterkünften sind länger im stationären Bereich als die, die in den Appartements wohnen.”

Bert H. sitzt in seinem kleinen Appartement mit den hellen Holzmöbeln und raucht. Er fühlt sich wohl hier in Freistatt, wenn man ihn in Ruhe lässt. „Seit dem Tod meiner zweiten Frau habe ich mich zum Einzelgänger entwickelt”, stellt er nüchtern fest. Mit fast 63 Jahren sei es wohl an der Zeit „langsam Anker zu werfen”. „Denke mal, das wir hier wohl meine Endstation werden.”

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