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Berlin: Vom Giftschrank auf den Schlüpfer: Totenkopf-Artikel überschwemmen Modeläden

Berlin : Vom Giftschrank auf den Schlüpfer: Totenkopf-Artikel überschwemmen Modeläden

Totenköpfe sind in diesem Sommer der große Renner in den Modeketten der Republik. Genietet, gestickt, gehäkelt oder gedruckt, vorzugsweise in Metallic-Tönen, Plüsch oder als funkelnder Strass ist eine wahre Schwemme dieser Abbildungen über die Konsumenten hereingebrochen.

Kein Kleidungsstück oder Accessoire ist vor dem morbiden Symbol sicher, das in früheren Zeiten ein zumeist gewaltsames Ableben durch Gift oder Freibeuter ankündigte. Was eine schwedische Bekleidungsfirma aber nicht davon abhält, die Schädel auf rosafarbene Strumpfhosen für kleine Mädchen zu drucken.

Die Totenschädel gibt es wahlweise solo, mit gekreuzten Säbeln oder auch Knochen auf Schnürsenkeln, Unterwäsche, Hosen, T-Shirts, Socken, Krawatten, Jacken, Gürtelschnallen und Schuhen, aber auch als Handy-Anhänger, Ventilkappe und Schirmmütze für Hunde. Wer unbedingt will, kann sich auch unter Satin-Bettwäsche mit Totenkopf aus Strasssteinchen kuscheln und morgens mit dem Toaster den Schädel auf seine Weißbrotschnitte brennen.

Für Elke Giese, Ressortleiterin Mode beim Deutschen Mode-Institut, sind die Straßen dank des knöchernen Trends nun von Möchtegern-Rebellen und -Avantgardisten bevölkert. Durch das Symbol zeige der Träger, dass er kein Spießer sein wolle, meint sie und attestiert dem Totenkopf „immer noch einen kleinen Schockinggehalt”.

Giese zufolge hat der Totenkopf den mittlerweile modetypischen Weg aus der Londoner Musikszene über namhafte Designer in die Kaufhausregale gefunden. Für die Massen sichtbare Vorreiter war der Designer Karl Lagerfeld, der seine Finger mit silbernen Totenkopf-Ringen schmückte. Alexander McQueens Schädel-Tuch zierte im vergangenen Jahr den Hals stilbewusster Prominenter wie Lindsay Lohan, Sienna Miller und Nicole Richie und dürfte auch den letzten Massenausstatter auf den Trend aufmerksam gemacht haben.

„Eigentlich ist das überhaupt nichts Neues”, sagt Giese und verweist auf den Vanitas-Gedanken der Vergänglichkeit. Dessen glitzerndem Revival hatte sich auch der Künstler Damien Hirst bedient, als er kürzlich einen mit 8601 Diamanten besetzten, echten Menschenschädel präsentierte.

Aber wie genau kam der Totenkopf auf die Kinder-Strumpfhose? Für Giese ist das auch der „Erfolg” der Blockbuster-Reihe „Fluch der Karibik”, welche den angestaubten Piraten eine neue, kindgerechte Hippness verliehen habe.

An dem Urteil der Expertin ändert das nichts. Totenköpfe auf Kindersachen findet sie „ausgesprochen geschmacklos”. Allerdings rechnet sie nicht damit, den kaum mehr gruseligen Spuk noch lange beobachten zu müssen. Für die wahren Trendsetter sei er mittlerweile total uninteressant und vermutlich im nächsten Jahr verschwunden.

Eine ganz andere markenbewusste Klientel wird dem Totenkopf hingegen einen festen Platz im Kleiderschrank freihalten. Seit Anfang der 80er Jahre Besetzer aus der Hamburger Hafenstraße den Schädel mit dem Knochenkreuz ins Fußballstadion trugen, ist er das Erkennungszeichen des FC St. Pauli. Dessen Marketingleiter Thomas Wegmann betrachtet die „inflationäre Verwendung” des Symbols jenseits des Fanshops gelassen. „Das ist kein Problem, unser Totenkopf ist einzigartig”, meint er.

Wegmann zufolge sind die Artikel mit dem Totenkopf die Verkaufsrenner des Clubs, der ab August wieder in der zweiten Bundesliga spielt und der in punkto Merchandising-Umsatz unter den Top Ten der deutschen Fußballvereine rangiert.

„Wer ein St.-Pauli-T-Shirt trägt, tut das aus einem bestimmten Grund. Das sind zwei ganz klar getrennte Welten”, sagt der Marketingchef und beschreibt den St. Paulianer als „eher links, eher liberal, eher kreativ”.

Trotz des Glitters und Kuschelfaktors rund um den Totenkopf ist dessen ungesetzliche Herkunft heute nicht völlig in Vergessenheit geraten. Laut Wegmann wollen einige Hamburger Kaufleute den FC St. Pauli wegen der Raubzüge des Freibeuters Klaus Störtebekers gegen ihre Vorfahren nicht unterstützen. „Die sind sehr nachtragend, noch Jahrhunderte später”, sagt er.