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Mellendorf: „Viele gehen dran kaputt”: Wenn Polizisten auf Menschen schießen

Mellendorf : „Viele gehen dran kaputt”: Wenn Polizisten auf Menschen schießen

Als Michael Schliekau am 23. September 2003 seine Dienstwaffe zog und abdrückte, rettete er das eigene Leben ­ und verlor es zugleich. Der Polizist hatte sein halbes Magazin auf einen Amokläufer abgefeuert.

Fünf Schüsse trafen den rasenden Mann, konnten ihn aber nicht stoppen. In dem 6400-Seelen-Ort Mellendorf bei Hannover führte Schliekau dann einen einsamen Kampf auf Leben und Tod. Ein Trauma folgte. Erst eine Therapie half dem damals 37 Jahre alten Familienvater zurück ins Leben. Heute ist er wieder im Dienst. Das gelingt aber längst nicht allen Polizisten, die ähnliches erleben. Kritiker sagen, schon in der Ausbildung laufe einiges schief.

Schliekau sitzt in einem Café in Mellendorf. Er ist in Zivil, trinkt den Kaffee schwarz. „Polizist war mein Traumberuf.” Als kleiner Junge habe er gespannt den Geschichten seines Onkels gelauscht, der Polizist in Schleswig-Holstein war. Nach seiner Ausbildung und einer ersten Station in Uelzen folgte 1994 die Versetzung ins beschauliche Mellendorf nördlich von Hannover.

Damals war er gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Sein Dienst hätte unspektakulär wie der zehntausender Kollegen verlaufen können: Unfall, Einbruch, Ruhestörung - was so passiert im Umland einer Großstadt. Doch dann musste Michael Schliekau töten. Einen dreifachen Familienvater aus dem Nachbarort, der Amok lief.

Vom „Freund und Helfer” wurde der Polizist zum Beschuldigten in einem Strafverfahren. Nicht wenige Medien urteilten reflexartig, dass ein halb leeres Magazin wohl auf Schießwut hindeute. Schliekau wurde fünf Wochen krankgeschrieben, machte Innendienst. Bald wurde das Verfahren eingestellt, weil er in Notwehr geschossen hatte. Verhallt waren die tödlichen Schüsse für den Polizisten damit noch lange nicht. Sein Leben war nicht mehr dasselbe. Er selbst war nicht mehr derselbe.

„Ich hatte Schlafstörungen”, erinnert sich Schliekau. Er träumte, durch Mellendorf zu irren, ohne auf Menschen zu treffen. Quälende Ungewissheit packte ihn, ließ ihn nicht mehr los, trieb ihn ohne Pause um. Denn er konnte sich nach der Extremsituation nicht mehr an alle Details erinnern. „Das war mit das Schlimmste, diese Lücken”, sagt der heute 41-Jährige. Die Kollegen versuchten, ihn auf andere Gedanken zu bringen. „Die haben toll reagiert.”

Doch seine Gedanken kreisten nur noch um die Schüsse. „Ich rutschte immer wieder in das Ereignis”, beschreibt er seine damalige Situation. Sein altes Leben war weit weg. Er verschlang Literatur zum Thema Schusswaffengebrauch, in der Hoffnung, sich besser zu verstehen. Er hatte Angst vor der Dunkelheit, die Alpträume ließen ihn nicht durchschlafen. Die Gedanken an die Schüsse waren längst Obsession, als Schliekau seine erste Therapie begann. „Wenn man so sehr um sich selbst kreist, bleibt wenig Zeit für alles andere”, sagt der Mellendorfer, dessen Ehe damals vor dem Aus gestanden habe.

Schliekau leert seine Kaffeetasse und verlässt das Café. Er will am Ort des Geschehens über die Tat sprechen. Die Fahrt führt an den Rand der Gemeinde zum Weißdornweg. Damals, sagt der Polizist, sah alles nach einem Routine-Einsatz aus. Er und ein Kollege eilten im Streifenwagen zu einem Verkehrsunfall.

Was dann am 23. September 2003 geschah, erinnert an einen Horrorfilm. Ein 40 Jahre alter Manager war gegen 22 Uhr nach einem Ehestreit mit seiner Limousine absichtlich gegen einen Baum gerast. Er steigt aus und fällt über eine Anwohnerin her, die mit ihrem Hund zur Hilfe eilen will.

Der Mann beißt der 32 Jahre alten Altenpflegerin beinahe einen Finger ab, würgt sie fast zu Tode und stoppt erst, als der Hund ihn anfällt. Sein erstes Opfer kann sich zurück ins Haus retten. „Ich hol jetzt was und stech euch alle ab”, erinnerte sich die Frau 2005 im Gespräch mit einer Lokalzeitung an die Drohung des Mannes.

Schliekau ist zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Weg zu dem vermeintlichen Verkehrsunfall. Der Manager attackiert inzwischen die Gäste einer Feier, verletzt sie und randaliert in blinder Wut.

Mehr als vier Jahre später steht der Polizist am Tatort und zeigt auf die Ecke, an der sein Kollege und er damals den Streifenwagen parkten. Der Polizist erzählt, was er damals erlebte - und was Zeugen und Ermittler bestätigten. „Wir haben Lärm gehört und sind den Weg rauf.” Ein Anwohner habe gerufen „Ich bin es nicht, der kommt da hinten.”

Und dann tritt der Amokläufer in den Schein von Michael Schliekaus Taschenlampe. Knapp zwei Meter groß, mehr als 100 Kilo schwer. „Ein richtiger Schrank”, sagt Schliekau. Der Manager streckt ihn nieder, bekommt die schwere Stablampe zu fassen und schlägt dem Polizisten den Kopf blutig. Schliekaus Kollege entfernt sich zu dieser Zeit. Er habe per Funk Hilfe holen wollen, heißt es später.

„Alleine einem Amokläufer gegenüber zu stehen”, sagt Schliekau, „ist polizeilich der GAU”. Zuerst sei er zurückgewichen. Der Hüne vor ihm schreit: „Ich bringe dich um!” Der bedrohte Polizist zieht seine Heckler & Koch Dienstwaffe und handelt wie im Lehrbuch. Er gibt einen Warnschuss ab ­ der sein Gegenüber kalt lässt.

Schliekau zielt auf das Knie des Angreifers, zieht den Abzug ein zweites Mal durch. Treffer - aber keine Wirkung. Mit den Worten „Du kannst mir gar nichts, ich bin nämlich unsterblich”, steuert der Riese weiter auf den Polizisten zu. Rund 100 Meter ist der Beamte schon zurückgewichen. Dann schießt er mit seiner großkalibrigen Pistole auf den Bauch des Amokläufers. Der fällt um ­ und steht wieder auf.

„Das ist ja alles kriminaltechnisch rekonstruiert”, sagt Schliekau an dem Ort, der sein Leben veränderte. „Ich weiß noch, dass er zu Boden ging und da im Vierfüßlerstand hockte. Ich bin auf ihn drauf, aber er hat mich mit Bärenkräften abgeschüttelt.” Schliekau schießt noch dreimal auf den Bauch. „Erst durch die Ermittlungsakte habe ich erfahren, dass ich zuletzt aus wenigen Zentimetern Entfernung abdrückte.”

Trotz der vier Bauchtreffer und der Knieverletzung rennt der Angreifer in den Streifenwagen. Dann kommt Verstärkung. Schliekau schließt den Amokläufer im Auto ein. Der wütet noch immer, mit vier Kugeln im Bauch. Er zertrümmert mit bloßen Händen die Scheiben und kriecht aus dem Beifahrerfenster. Michael Schliekau deutet auf eine Garageneinfahrt. „Da haben sie ihn dann überwältigt.” Der Amokläufer griff noch im Krankenhaus die Ärzte an, bis er seinen Verletzungen erlag. Die Obduktion ergab keinen Hinweis auf Drogen.

Michael Schliekau stockt und hält inne. Er ist aufgewühlt. Hätte nicht auch ein Gericht diese Extremsituation minutiös rekonstruiert - niemand würde ihm diese Geschichte abnehmen. „Etwas Ähnliches ist wohl meines Wissens in Deutschland noch nicht vorgekommen.”

Der Mellendorfer muss es wissen. Er hat sich mehrmals mit Kollegen getroffen, die wie er töten mussten. Gemeinsam arbeiteten sie das Erlebte auf. „Das schaffen längst nicht alle”, weiß Schliekau. „Viele gehen daran kaputt.” Sein Kollege etwa aus dem Einsatz damals. Der Vorfall habe diesen aus der Bahn geworfen. Letztlich, sagt Schliekau, habe er nach vielen persönlichen Rückschlägen Selbstmord begangen.

„Früher oder später holt das Erlebte jeden ein”, weiß Dietmar Krüger, Diplom-Sozialarbeiter in der Regionalen Beratungsstelle (RBS) in Hannover. Die Anlaufstelle für Polizisten in Krisen betreut die Beamten nach belastenden Ereignissen. In Niedersachsen ist das System dezentral, das Polizisten nach extremen Situationen hilft.

Jede Polizeidirektion hat eine RBS. Krüger und seine Kollegen werden um Unterstützung ersucht ­ von den Betroffenen direkt oder von deren Vorgesetzten. Sie werden aber auch selbst aktiv und bieten Hilfe an. „Das Bild des starken Polizisten, den nichts belastet, hat sich zum Glück gewandelt. Heute wissen die meisten: "Du tust dir was Gutes, wenn du dir Hilfe holst"”, sagt Krüger.

Da das System der Hilfen Ländersache ist, sieht es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen ganz anders aus. Dort ist die Organisation zentral, ein Kriseninterventionsteam fährt zu den Betroffenen.

Die frühere Mentalität innerhalb der Polizei, solche Angebote und ihre Teilnehmer zu belächeln, habe sich grundlegend geändert, sagt Erich Traphan aus dem Landesamt für Personal der Polizei in NRW. Für ihn sind die Probleme der Kollegen ein gutes Zeichen. „Ich hätte Angst vor Polizisten, die solche Erlebnisse kalt ließen”, sagt der 58- Jährige und fügt hinzu: „Die Harten brechen eh zuerst.”

In Extremfällen wie bei Schliekau muss den polizeiinternen Angeboten oft eine Therapie folgen. Für Wolfgang Lempa, Leiter der Trauma-Ambulanz an der Medizinischen Hochschule Hannover, ist für den Therapieerfolg entscheidend, dass schnell begonnen wird. Dann stünden die Chancen gut. „Polizisten sind ja eine positive Auswahl der Gesellschaft und meist gut belastbar”, meint der Mediziner.

Für den pensionierten Landespolizeipfarrer Martin Krolzig aus Münster gibt es viel Nachholbedarf. Der Schlüssel liege vor allem im Selbstverständnis der Polizisten. „Die wollen gar nicht erst hören, dass sie alle im Ernstfall wie Soldaten töten müssen”, sagt Krolzig, Autor des Buches „Wenn Polizisten töten”.

Er hat nach eigenen Angaben erstmals bundesweit traumatisierte Polizisten zusammengebracht und gründete die „Selbsthilfegruppe für Polizeibeamte mit einem Schusswaffenerlebnis”. Ein Drittel der Betroffenen werden nach seiner Erfahrung mit dem Erlebten alleine fertig. Das zweite Drittel brauche Hilfe von Freunden und Kollegen. „Und das letzte Drittel schafft es in der Regel nie, da jagt dann eine Therapie die nächste”, sagt Krolzig, der auch intensiv mit Spezialeinheiten gearbeitet hat.

Dass Polizisten auf Menschen schießen müssten, sei so selten, dass professionelle Vorbereitungen darauf in der Ausbildung fehlen. Da heiße es oft: „Keine Zeit, kein Geld, keine Notwendigkeit.” Das sei falsch. „Von Flugkapitänen erwarten wir doch auch, dass sie Extremsituationen trainieren, bis sie sie im Schlaf beherrschen.” Der Polizei zufolge sind deutschlandweit seit 2001 mehr als 30 Menschen von Polizisten erschossen worden.

Reinhold Bock aus dem bayrischen Glattbach hat die von Krolzig gegründete Selbsthilfegruppe inzwischen übernommen. Rund 50 Teilnehmer seiner Seminare hat er Fragebögen beantworten lassen. Ergebnis: Für die Mehrheit läuft die Betreuung erst nach Monaten an, ein Drittel ist mit ihr unzufrieden, und rund die Hälfte wird nach den Erlebnissen von Kollegen „angegriffen, gemobbt, abgestempelt”.

Schliekau möchte nach dem Gespräch am Weißdornweg nicht im Auto mit zurückgenommen werden. „Ich muss ein bisschen durchschnaufen und gehe lieber zu Fuß.” Heute könne er dem Erlebten sogar etwas abgewinnen. „Unsere Familie ist enger zusammengerückt als je zuvor. Eigentlich hätte mir nichts Besseres passieren können”, scherzt er und will gehen. Wie er reagiere, wenn sein Sohn Polizist werden wolle? „Ich wäre dagegen.”