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Berlin: Viel Lob und zwei Verrisse für Jesus

Berlin : Viel Lob und zwei Verrisse für Jesus

Drei Monate nach seiner Veröffentlichung steht das Jesus-Buch von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. immer noch oben in den Bestsellerlisten, wenn auch nicht mehr auf dem ersten Platz. Nach Angaben des Herder-Verlags wurden bis Ende Juli mehr als 413.000 Exemplare der deutschsprachigen Ausgabe verkauft.

In ersten journalistischen Rezensionen wurde oft hervorgehoben, dass das Buch des Papstes, das nach dessen Aussage „in keiner Weise ein lehramtlicher Akt” sein soll, für die Fachtheologen eine Herausforderung darstellt. Denn mit seinem Anspruch, „die Bibel, und insbesondere die Evangelien, als Einheit und als Ganzheit” zu lesen, geht er deutlich anders an sein Thema heran als die historisch-kritische Exegese.

Inzwischen liegen zahlreiche Besprechungen aus der Zunft vor; zudem hat der Wuppertaler Exeget Thomas Söding - ebenfalls bei Herder - einen Sammelband mit der ersten „Antwort der Neutestamentler” - sowohl von katholischen wie von evangelischen Kollegen - herausgegeben.

Ginge es nach Gerd Lüdemann, dem in Göttingen lehrenden Vertreter eines extremen historisch-kritischen Ansatzes, dem die evangelische Kirche 1999 die Lehrerlaubnis entzog, wäre das Aufsehen, das der Papst erregt hat, grundlos. Für ihn stellt das Buch eine „peinliche Entgleisung” dar, wie er seine Polemik bei „Spiegel Online” überschrieb.

Einen Verriss schrieb auch der emeritierte Saarbrücker katholische Dogmatiker Karl-Heinz Ohlig in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Beide weisen den Ansatz des Jesus-Bildes zurück und sehen dogmatische Voreingenommenheit und eine harmonisierende Sicht der biblischen Befunde.

Lüdemann und Ohlig sind allerdings keineswegs repräsentativ. Die meisten Urteile fallen in der Tendenz positiv aus, wenn auch Anmerkungen zu einzelnen Punkten gemacht werden. Alle Reaktionen, resümiert Söding die elf Stellungnahmen in seinem Sammelband, seien „von professionellem Respekt für die Qualität des päpstlichen Buches geprägt”.

Auffällig sei, dass „Zustimmung und Ablehnung nicht nach Konfessionen sortiert werden können”. Der in Berlin lehrende Katholik Rainer Kampling gesteht seine anfängliche Irritation über das Buch ein und hat erkennbar Mühe, zwischen dem „Privatmann” Ratzinger und dem „Nachfolger Petri” zu unterscheiden. Er lobt dessen klare Positionierung gegen den Antijudaismus früherer Zeiten, wendet sich aber auch gegen einen Pauschalverdacht gegen die Exegeten - der so pauschal allerdings vom Papst nirgendwo formuliert ist.

Wie andere Autoren stellt auch Kampling angesichts der im Ergebnis durchaus bewunderten „geistlichen Schriftlesung” des Papstes die Frage, „welches System, welche Methode, welche Intention dem innewohnen”.

Martin Ebner aus Münster schreibt, in der Darstellung Ratzingers bleibe „der soziale Kontakt Jesu mit den Menschen” ausgeblendet. Geschildert werde „ein lehrender und vor allem gelehrter Jesus”, meint Ebner und fügt hinzu, auch der päpstliche Jesus spiegele seinen Verfasser.

Ebner zeigt sich irritiert darüber, dass Benedikt XVI. sich einerseits klar von der historisch-kritischen Methode absetze, andererseits jedoch fordere, dass sich der Glaube der historischen Methode aussetzen müsse. Zu fragen sei deshalb, was genau gemeint sei, wenn der Papst „den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ´historischen Jesus´ im eigentlichen Sinn” vorstellen wolle.

Für den evangelischen Theologen Karl-Wilhelm Niebuhr aus Jena ist klar, Ratzinger verwende den Begriff „historischer Jesus” im „uneigentlichen Sinn” - also nicht als Gegenbegriff zum Christus in der Verkündigung.

„Wer solchen biblisch-theologischen Reflexionen schulmeisterlich mit Proseminarargumenten gegen die Vermischung von Quellen und Traditionsschichten begegnen wollte”, der ginge an der Sache und dem Anliegen des Autors völlig vorbei, urteilt Niebuhr.

„Eine derartige Gestalt von Kirchenleitung durch das Wort der Heiligen Schrift verdient aus evangelischer Sicht Anerkennung.” Auch sein Münchner Kollege Jörg Frey sieht in dem Buch ein „kaum zu überschätzendes ökumenisches Signal”.