1. Panorama

Aachen: „Unser aller Leben hängt von intakten Ozeanen ab“

Aachen : „Unser aller Leben hängt von intakten Ozeanen ab“

Es ist eine Zahl, die wegen ihrer Größe kaum fassbar ist: Geschätzt 800 Millionen Liter Öl sind in den Wochen nach der Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Jahr 2010 in den Golf von Mexiko gelaufen.

„Es hat mich schockiert, dass man so etwas scheinbar billigend in Kauf nimmt“, sagt Mojib Latif, Professor am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung an der Universität Kiel. Motivation für ihn ein Buch über die Ozeane zu schreiben — darüber, was wir Menschen unseren Meeren antun, aber auch über die Faszination des Lebensraumes Meer.

Nun war Latif auf Einladung der Evangelischen Stadtakademie in Aachen. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt der 60-Jährige, warum gesunde Ozeane für uns überlebenswichtig sind, welche drastischen Auswirkungen der Klimawandel auf unsere Meere hat und wie die Energiewende in Deutschland auch den Weltmeeren helfen kann.

Ihr neues Buch heißt „Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden“. Sie bezeichnen es als eine Mahnung, die Meere endlich zu schützen. Was tun wir Menschen den Meeren an?

Latif: In gewisser Weise führen wir ein gefährliches Experiment mit unseren Weltmeeren durch, denn wir belasten die Meere in vielerlei Hinsicht — direkt und indirekt. Direkt durch das Einleiten von Giften aller Art, wozu auch das Öl zählt, das bei Unfällen ins Meer gelangt oder das Schiffe auf hoher See ablassen. Ein weiteres großes Problem ist der Plastikmüll im Meer. Denken Sie an den Pottwal, der im März 2012 im spanischen Teil des Mittelmeers verendet ist. Er hatte fast 18 Kilogramm Plastikmüll im Magen, unter anderem riesige Plastikplanen, Gartenschläuche und Blumentöpfe. Das ist doch der Beweis: Plastik tötet. Ein anderes Beispiel sind die Aquakulturen, die Farmen im Meer. Da machen wir genau die gleichen Fehler wie bei der Massentierhaltung an Land. Wir halten die Tiere auf viel zu engem Raum, dadurch leisten wir Krankheiten Vorschub, die wir wiederum mit jeder Menge Antibiotika abzuwehren suchen.

Ist die Verschmutzung der Ozeane durch den Menschen das einzige Problem der Meere?

Latif: Nein, denn wir belasten die Meere auch indirekt über die Luft mit Kohlendioxid, das ja hauptsächlich für die globale Erwärmung verantwortlich ist und damit auch für die Erwärmung der Ozeane. Ein Teil davon landet immer automatisch im Meer. Das führt zur Versauerung der Weltmeere. Eigentlich hatten wir das Versauerungsproblem zumindest in unseren Breiten durch die Rauchgasentschwefelung der Kraftwerke und den Einbau von Katalysatoren hinter uns gelassen. Aber jetzt haben wir eine Versauerung der Weltmeere auf globaler Ebene. Selbst wenn es das Problem der globalen Erwärmung durch CO2 nicht geben würde, müsste alleine wegen der Versauerung der Weltmeere möglichst schnell der Ausstoß von CO2 gestoppt werden.

Wie wirkt sich die Versauerung auf die Ozeane aus?

Latif: Viele Meeresorganismen bestehen zumindest teilweise aus Kalk — wie zum Beispiel Korallen, kleine Krebse oder Muscheln. Wenn der ph-Wert des Wassers sinkt und das Wasser zu sauer wird, löst sich alles, was aus Kalk besteht, auf. Wenn wir uns den schlimmsten Fall vorstellen und der CO2-Gehalt unaufhaltsam weiter ansteigt, zum Beispiel auf das Doppelte des heutigen Wertes, dann würde der Säuregrad der Weltmeere in einem erheblichen Maße ansteigen. Nach heutigem Stand der Wissenschaft würden das sehr viele Meeresorganismen nicht überstehen. Das wäre der Super-GAU für die Meeresökosysteme und würde in der Konsequenz auch Millionen von Menschen betreffen.

Gibt es Gebiete, in denen die Belastung der Meere besonders extrem ist?

Latif: Ja, das ist in der Nähe der Küsten der Fall. Besonders stark belastete Gebiete finden sich in Südostasien und China, aber genauso an der Nordsee, dort, wo es zum Beispiel eine starke Ölindustrie gibt, in Gegenden Norwegens, aber auch in der Nähe von Schottland. Die deutschen Gewässer sind noch einigermaßen intakt. Die saubersten Gebiete sind immer noch die polaren Ozeane, aber selbst dort findet man inzwischen Plastikmüll. Meine Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven betreiben eine Station im Arktischen Ozean und haben dort selbst an der tiefsten Messstelle noch Plastik gefunden. Das ist verrückt. Das ist wie in dem Märchen vom Hasen und vom Igel: Egal, wo wir Meeresforscher hinkommen, das Plastik ist schon da.

Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, dass 71 Prozent der Erdoberfläche von Meeren bedeckt sind. Der Lebensraum Meer ist damit viel größer als der des Festlands. Warum ist das Bewusstsein der Menschen für die Verschmutzung der Ozeane so gering?

Latif: Eben weil die Meere so unendlich groß sind, haben wir wohl das Gefühl, dass wir sie immer weiter belasten können. Aber das ist nicht der Fall. Hinzu kommt, dass uns die Meere fremd sind, weil wir über sie verhältnismäßig wenig wissen. Wir wissen tatsächlich mehr über die Oberfläche des Mondes als über die Meere. Denn die Mondoberfläche ist in gewisser Weise zugänglicher; die Meere sind dunkel, und der Druck nimmt mit der Tiefe sehr schnell zu. Weil die Weltmeere so unermesslich groß sind, kennen wir viel von dem, was es dort gibt, noch gar nicht. Tiefseefische in 2000 oder 3000 Metern Tiefe sind keine Seltenheit, sondern völlig normal. Es gibt Tiefsee-Kalmare, die haben Augen so groß wie Fußbälle und werden bis zu 20 Meter lang. Vor etwa einem Jahr haben japanische Wissenschaftler einen Riesen-Kalmar zum ersten Mal gefilmt und bis in Tiefen von fast 1000 Metern verfolgt. Die Meere und ihre Bewohner sind faszinierend und von unschätzbarem Wert.

Die Meere sind nicht nur faszinierend, sondern auch wichtig für unser Wohlergehen, sagen Sie. Inwiefern?

Latif: Was kaum jemand weiß: Ungefähr die Hälfte des Sauerstoffs in der Luft kommt aus den Weltmeeren. Wenn es den Super-GAU gibt und die biologische Produktion —also die Photosynthese — in den Meeren nicht mehr funktioniert, würden wir natürlich auch ein Problem mit dem Sauerstoff bekommen. Außerdem ist das Meer eine der zentralen Nahrungsquellen für uns, ohne die die Welternährung nicht sicherzustellen ist. Es geht wirklich ans Eingemachte hier. Unser aller Leben hängt von intakten Ozeanen ab.

Was kann jeder Einzelne tun, um die Meere nicht weiter zu belasten?

Latif: Es geht in erster Linie um Ressourcenschonung. Das fängt beim Energieverbrauch an. Man könnte den Energieanbieter wechseln und Ökostrom beziehen. Dadurch würde man den CO2-Ausstoß vermeiden und damit auch der Versauerung der Meere entgegenwirken. Plastiktüten sind auch absolut nicht notwendig; es gibt genug andere Möglichkeiten, Dinge zu transportieren. Die EU arbeitet an einem Verbot für Plastiktüten, will aber zuerst nur die dünnwandigsten Plastiktüten verbieten. Das EU-Parlament möchte gerne mehr, aber es gibt auch eine starke Plastik-Lobby, die dagegen hält. Aber das Problem ist inzwischen so groß geworden, das Verbote nötig sind, weil Appelle nicht mehr ausreichen. Diese Materialien sind einfach sehr langlebig. Wir sehen es inzwischen in vielen Organismen, selbst in Fischen. Das Plastik verkleinert sich zwar, aber dann hat es genau die richtige Größe, um von Muscheln und Fischen aufgenommen zu werden. Und am Ende des Tages essen wir die Fische. Da schließt sich der Kreis.

Die Fische haben nicht nur Plastik im Magen, es gibt auch immer weniger Fische in den Weltmeeren.

Latif: Die Weltmeere sind mindestens zu einem Drittel überfischt, vielleicht auch zu 50 Prozent. Keiner weiß es so genau. Erst jetzt beginnt die Politik, darauf zu reagieren. Nicht weil die Politiker einsichtig sind, sondern weil die Fänge zurückgehen. Das Ganze ist mittlerweile auch zu einem ökonomischen Problem geworden, und dann fängt die Politik immer an zu reagieren. Meine Kollegen in Kiel haben Konzepte im Sinne eines nachhaltigen Fischfangs entwickelt. Würde man die Fangquoten mal für zwei bis drei Jahre deutlich reduzieren, dann könnten sich die Bestände wieder erholen, und man könnte anschließend auch wieder mehr Fisch fangen.

Abgesehen vom Fischfang: Steht der Schutz der Ozeane in ausreichendem Maße auf der politischen Agenda?

Latif: Die Politik muss sich endlich aktiv dem Meeresschutz widmen. Da passiert viel zu wenig. Der Schutz der Ozeane kommt praktisch kaum voran. Das ist wie mit dem Klimaschutz; der steht zwar auf der Agenda ziemlich weit oben, aber auch da kommt man einfach nicht weiter. Seit Anfang der 1990er Jahre die internationalen Verhandlungen zum Klimaschutz begonnen haben, ist der weltweite CO2-Ausstoß um circa 60 Prozent gestiegen. Und soweit wie beim Klimawandel sind wir noch gar nicht, was die Aufmerksamkeit für die Weltmeere angeht. Es ist höchste Zeit, dass man über die Weltmeere nachdenkt und nicht alles aus ihnen rausholt, was man überhaupt rausholen kann. Jetzt, wo sich das Eis der Arktis immer weiter zurückzieht, will man an die dortigen Ressourcen auch ran. Mir graut davor, dass man da jetzt auch so eine Sauerei anrichtet wie 2010 im Golf von Mexiko, wenn man im Arktischen Ozean nach Gas und Öl bohrt. Es wäre extrem wichtig, das nicht zu tun. Man müsste ein Arktis-Abkommen beschließen und diesen Bereich in Ruhe lassen. Es gibt nicht mehr viele intakte Gegenden auf der Erde, und neben den Regenwäldern ist die Arktis — wie die Antarktis auch — eine äußerst schützenswerte Region.

Was halten Sie Leuten entgegen, die auf die Nutzung der dort vorhandenen Ressourcen pochen?

Latif: Die Ressourcen, die beispielsweise noch in der Arktis schlummern, brauchen wir gar nicht. Wir sind umgeben von Energie, egal, ob Wind, Sonne, Erdwärme, Wellenenergie im Meer oder Gezeitenkraft. Wir haben kein Energieproblem, wir sind bloß unfähig, unsere Wirtschaft auf die erneuerbaren Energien umzustellen. Deswegen ist die deutsche Energiewende in vielerlei Hinsicht beispielhaft, wenn sie denn gelingen würde. Ich hoffe, dass die Dynamik, wie sie derzeit in Deutschland ist, weiter anhält. Vor 20 Jahren hätte doch niemand gedacht, dass man 30 Prozent des Stroms über erneuerbare Energien produzieren kann. Damals hat man gesagt, maximal fünf Prozent bis zum Ende des Jahrhunderts, bis 2100. Wir unterschätzen diese Dynamik. Die Politik sollte alles tun, sie über die entsprechenden Rahmenbedingungen weiter zu unterstützen.

Die Staats- und Regierungschefs der EU haben kürzlich die Klimaschutzziele bis 2030 festgelegt. Zum Beispiel soll der CO2-Ausstoß — im Vergleich zu 1990 — um mindestens 40 Prozent gesenkt werden. Sind die Klimaschutzziele der EU in Ihren Augen ehrgeizig genug?

Latif: Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ehrgeizigere Ziele, konnte sich aber nicht durchsetzen, weil andere Länder wie Polen und Großbritannien auf die Bremse getreten haben. Ich hätte mir gewünscht, dass die EU 40 Prozent CO2-Reduzierung bis 2020, nicht erst bis 2030 festlegt. Man hat eine kleine Hintertür offengelassen, und gesagt „mindestens“ 40 Prozent. Das ist in Ordnung. Aber es gibt noch eine andere Hintertür, die quasi alles zunichtemachen kann. Es heißt in dem Abkommen, dass nach wie vor der Europäische Rat — also das Gremium der Staats- und Regierungschefs — mit diesen Fragen beschäftigt ist. Und in diesem Gremium muss es Einstimmigkeit geben. Das heißt, selbst wenn die EU-Kommission Beschlüsse zum Klima trifft, können diese hinterher im europäischen Rat immer noch gekippt werden, wenn etwa ein Land wie Polen sich querstellt. Man muss sehen, ob die EU durch diese Hintertür gehen wird und selbst das, was jetzt beschlossen worden ist, nicht umsetzt. Oder, ob man den Klimaschutz wirklich ernst nimmt und diese Ziele realisiert.

Schon die Verhandlungen in Brüssel waren zäh. Beim Weltklimagipfel Ende 2015 in Paris sitzen Vertreter von 194 Staaten am Tisch und sollen sich auf einen neuen Weltklimavertrag einigen...

Latif: Das ist bereits mehrfach gescheitert, zuletzt im Jahr 2009 in Kopenhagen. Ich glaube, dass sich die Politik diese Blöße nicht noch einmal geben wird. Aber ich gehe davon aus, dass es in Paris ein sehr karges Dokument geben wird, das viele Ausnahmen beinhaltet, viel auf Freiwilligkeit setzt und dem eigentlichen Problem nicht gerecht wird. Wir haben nicht mehr viel Zeit zu verlieren, denn das Klima reagiert träge.

Was wäre jetzt zu tun?

Latif: Die Rolle Deutschlands und die hier geplante Energiewende sind ein ganz entscheidender Punkt. Ich glaube tatsächlich, dass über diesen Weg, über die Technologie und die Weiterentwicklung erneuerbarer Energien es viel leichter ist, die anderen Länder zu überzeugen. Wenn alle Länder an einem Tisch sitzen, dann geht es auch um Verantwortung. Natürlich ist China inzwischen mit großem Abstand der Hauptverursacher von CO2, aber CO2 hat eine Lebensdauer von etwa 100 Jahren. Relevant ist also auch, wer bislang am meisten CO2 verursacht hat, und da liegt Amerika nach wie vor weit vor China. Das Problem, das wir jetzt haben, haben die Industrieländer verursacht, und die müssen sich nun auch dieser Verantwortung stellen. Zumal China auch für die Industrieländer produziert.