20 Jahre „Wer wird Millionär?“: „Universell und unkaputtbar“

20 Jahre „Wer wird Millionär?“ : „Universell und unkaputtbar“

Eigentlich sind Quizshows Steinzeitfernsehen. Seit 20 Jahren aber erleben sie eine Renaissance nach der anderen.

Als Günther Jauch kurz nach dem Start von „Wer wird Millionär?“ erklären sollte, warum die Sendung so beliebt ist, nannte er unter anderem die „Rückbesinnung auf das Einfache, auf das Klare“, denn optisch sei das statische Format – zwei Leute auf zwei Stühlen – schließlich „Steinzeitfernsehen“. Daran hat sich bis heute ebenso wenig geändert wie am Erfolg der vor zwanzig Jahren gestarteten Show.

Seinen eigenen Anteil hat Jauch damals heruntergespielt: Das Konzept sei so gut, „da könnte man auch einen Besenstiel als Moderator hinsetzen.“ Das ist natürlich maßlos untertrieben; ohne Jauch wäre das Format vermutlich längst abgesetzt. Aber auch die Kollegen Alexander Bommes, Kai Pflaume, Jörg Pilawa (alle ARD) und Johannes B. Kerner (ZDF) haben in den letzten Jahren ihren Teil dazu beigetragen, dass das ewig junge Quiz-Genre im deutschen Fernsehen eine Renaissance nach der anderen erlebt.

Quiz auf der ganzen Welt beliebt

Völlig verschwunden war die älteste Unterhaltungsform der Rundfunkgeschichte ohnehin nie. Die Grundformen, erläutert der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger, „sind seit der Erfindung dieser Programmform vor neunzig Jahren fürs amerikanische Radio unverändert: Einer stellt Fragen, andere antworten.“ Die große Stärke des Genres sei seine Anpassungsfähigkeit: „Quiz ist auf der ganzen Welt beliebt, weil es sich mühelos in jeweilige kulturelle Kontexte integrieren lässt; deshalb gab es Quizsendungen im sozialistischen Fernsehen ebenso wie im Iran der Ajatollahs. Das Basiskonzept ist universell und unkaputtbar.“

Deshalb lassen sich die Formate auch so leicht adaptieren. „Wer wird Millionär?“ zum Beispiel, ursprünglich für den britischen Privatsender ITV 1 entwickelt, ist in über hundert Länder verkauft worden. Das von Bommes moderierte „Gefragt – gejagt“ stammt ebenfalls aus Großbritannien. „Quizduell“ mit Jörg Pilawa basiert auf der gleichnamigen App aus Schweden.

Quizsender Nummer eins ist derzeit die ARD. In „Gefragt – Gejagt“ (werktags um 18.00 Uhr) tritt ein Kandidatenteam gegen einen Profi-Quizspieler (den Jäger) an. Die Rateshow hat seit 2017, als sie vom NDR Fernsehen ins „Erste“ wechselte, kontinuierlich zugelegt und erreichte zuletzt im Schnitt gut 2,2 Millionen Zuschauer sowie einen Marktanteil von fast 15 Prozent; der Spitzenwert lag bei 17,8 Prozent. Im Vergleich zu früheren Jahren, als die ARD am Vorabend auf keinen grünen Zweig kam, sind das Traumzahlen. Dritte Erfolgsshow – die drei Sendungen wechseln sich staffelweise ab – ist „Wer weiß denn so was?“ (seit 2015, mit Kai Pflaume), für den Unterhaltungsexperten Hallenberger „eins der besten in Deutschland entwickelten Formate der letzten zehn Jahre.“ In jeder Folge gibt es zwei Prominenten-Teams aus je zwei Spielern; die Teams werden von Bernhard Hoëcker und Elton angeführt.

Bei „Da kommst Du nie drauf!“ (seit 2017 im ZDF) wirken ebenfalls Prominente mit, allerdings in stetigem Wechsel. Das Format mit Johannes B. Kerner ist ein bisschen durchs Programm gewandert, läuft derzeit samstags um 19.25 Uhr und hat mit der aktuellen Staffel im Schnitt gut 2,2 Millionen Zuschauer erreicht (Marktanteil: knapp 12 Prozent). Das klingt zwar nicht so imposant wie die Zahlen von „Gefragt – gejagt“, aber am frühen Samstagabend ist die Konkurrenz eine ganz andere.

Trotzdem stellt sich die Frage, warum Quizsendungen in all ihrer Schlichtheit immer noch so beliebt sind. Hallenberger, der dieses Phänomen in diversen wissenschaftlichen Arbeiten analysiert hat, bezeichnet das Genre als „erste und bis heute auch eine relativ einzigartige Form von interaktivem Fernsehen: Auf dem Bildschirm werden Fragen gestellt, und Zuhause kann jeder mitraten. Das bringt einem zwar keinen materiellen Gewinn, aber man erfährt sich selbst als kompetent.“ Womöglich sei man sogar schlauer als die Kandidaten im Studio, was das Kompetenzgefühl noch mal steigere, selbst wenn damit ein gewisser Selbstbetrug verbunden ist: „weil man im heimischen Wohnzimmer natürlich nicht im Scheinwerferlicht steht, weil kein Moderator auf die Antwort wartet und weil man nicht befürchten muss, ausgelacht zu werden, wenn man komplett daneben liegt.“

Als weiteren wichtigen Punkt betrachtet der Marburger die Ergebnisspannung. Das rückt diese Programmform in die Nähe von Sportveranstaltungen. Hier wie dort müssen die Moderatoren in der Lage sein, auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren. Interessanterweise haben Sportmoderatoren im Verlauf ihrer Karriere immer auch Quizsendungen moderiert (oder umgekehrt): in grauer Vorzeit Heinz Maegerlein und Robert Lembke, später Wim Thoelke, heute zum Beispiel Jauch, Bommes, Kerner und Matthias Opdenhövel.

Beim Quiz ist die Rolle des Moderators laut Hallenberger allerdings wichtiger, denn er diene „als parasoziale Kontaktperson, zu der die Zuschauer eine Art Beziehung aufbauen. Früher sprachen Moderatoren gern davon, ‚Gast im Wohnzimmer’ zu sein. Deshalb ist es wichtig, dass die Sendungen von Menschen präsentiert werden, die man gern als Nachbarn hätte.“

Diese Nachbarn wären allerdings in erster Linie Männer. Kürzlich hat eine Studie der Universität Rostock („Ausgeblendet“) bemängelt, dass Unterhaltungssendungen überwiegend von Männern moderiert werden; das gilt auch für Quizshows. Hallenberger verweist zwar auf Ausnahmen wie Sonja Zietlow („Der Schwächste fliegt“, RTL 2001/02), erklärt die Diskrepanz bei der Geschlechterverteilung jedoch mit typischen Rollenklischees, bei denen „Autorität klassisch männlich konnotiert“ sei: der Lehrer, der Professor, der Experte.

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