Erbil: Unicef-Mitarbeiter im Irak dokumentieren Menschenrechtsverletzungen

Erbil: Unicef-Mitarbeiter im Irak dokumentieren Menschenrechtsverletzungen

Marzio Babille, 60-jähriger Italiener, gilt bei den Vereinten Nationen als Top-Experte für politische Krisengebiete und humanitäre Katastrophen. Der Chef des Internationalen Kinderhilfswerks Unicef im Irak war lange Zeit im Tschad und in Indien.

Er koordinierte unter anderem Hilfsprogramme während Bürgerkriegen und Hungerkrisen in der Sahel-Zone, bei Überschwemmungen in Mumbai und leitete Gesundheitsprogramme in Angola. Er hat viel gesehen. „Aber was wir hier im Irak antreffen, ist die komplexeste Situation meines Berufslebens. Besonders ein solches Ausmaß an Gewalt gegen Kinder habe ich noch nie erlebt“, sagt Babille. Wir begegnen dem charismatischen Kinderarzt auf dem festungshaft gesicherten UN-Gelände der kurdischen Provinzhauptstadt Erbil. Die Kurden haben ihre Metropole zum Schutz vor den terroristischen Milizen des Islamischen Staates (IS) mit fünf Sicherheitsgürteln umzogen.

Kein unbeschwertes Kinderlachen: „Ein solches Ausmaß an Gewalt gegen Kinder habe ich noch nie erlebt“, sagt der Chef des Internationalen Kinderhilfswerks Unicef im Irak, Mario Babille. Gemeinsam mit seinem Team hat er begonnen, die Fälle von Kinderrechtsverletzungen im Irak zu dokumentieren. 400 Fälle sind inzwischen Foto: Manfred Kutsch

Von hier aus steuert der in Triest geborene Marzio Babille den Einsatz des Kinderhilfswerkes — allem voran für die insgesamt zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, die heute vor der Gewalt in ihrem Heimatland auf der Flucht sind.

Im Einsatz gegen Gewalt: Marzio Babille (oben) und Nevin Z. (unten) setzen sich für die Gewaltopfer und Flüchlinge im Irak ein. Foto: Manfred Kutsch

Der IS kontrolliert inzwischen eine Fläche, die größer als Belgien und die Niederlande zusammen ist. Die Protagonisten der Terrormiliz lernten sich überwiegend in amerikanischen Gefängnissen kennen. Die meisten sind versprengte Saddam-Getreue und weltweite Dschihadisten, einige sind einfache Kriminelle.

Um die schlimmen Menschenrechtsverbrechen irgendwann einmal vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag anklagen zu können, hat Marzio Babille die Dokumentation von konkreten Fällen veranlasst — seien sie auch nur ein kleiner Teil der Dunkelziffer. Bislang wurden so bereits über 400 Fälle schwerster Kinderrechtsverletzungen mit Zeugenaussagen belegt, eine Aktensammlung unvorstellbarer Gräueltaten. „Der IS exekutiert zur Abschreckung Kinder, das habe ich persönlich noch nirgendwo erlebt“, sagt Babille. Und fügt hinzu: „Man kann hier überall die Zelte der Flüchtlinge sehen, aber nicht ihre seelischen Verwüstungen.“

So etwa die jener 40 Mädchen, die sich jüngst gemeinsam von einem Felsen in den Tod gestürzt haben, nachdem sie von IS-Kämpfern vergewaltigt worden waren. Von dem Fall berichtet die deutsche Nonne Hatune Dogan gegenüber Spiegel Online.

Das Spektrum des barbarischen Schreckens der Dschihadisten kennt keine Grenzen. Als gesichert gilt inzwischen auch, dass der IS Kinder drillt und sie als Selbstmordattentäter in einen Tod schickt, der für sie angeblich das Paradies sei.

Zahlreiche Fälle der Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten kennt auch Nevin Z. (Name der Redaktion bekannt), einer der mit der Dokumentation von Einzelfällen befassten Unicef-Rechercheure. Der 28-Jährige lebte als Kind einer Flüchtlingsfamilie acht Jahre lang in Aachen und der Region, bevor die Sehnsucht nach seiner Heimat ihn wieder zurück in den kurdischen Nordirak brachte. „Ich hatte eine gute Zeit in Aachen und auch in Düren, aber hier sind meine Wurzeln, und was sich im Moment hier abspielt, ist eine große Katastrophe“, sagt Nevin.

Sein Aufgabengebiet ist emotional belastend. In langen Gesprächen mit den Familien notiert er auf einem Fragebogen deren Geschichten: Hinrichtungen, Zwangsbekehrungen, Entführungen, Folter, sexuelle Gewalt und Zerstörung von Eigentum — durchgeführt mit modernsten amerikanischen Waffen, der Hinterlassenschaft aufgelöster Militäreinheiten der irakischen Armee.

Parallel zum Terror setzt der IS eine soziale Strategie um — ausgestattet mit täglich zwei Millionen Dollar aus 80 000 Fass Erdöl und sprudelnden Lösegeld-Quellen. Experten schätzen die bisherigen Einnahmen der IS auf rund zehn Millionen Dollar. Professionell strukturiert sorgen die radikalen Sittenwächter im Scharia-Staat aber auch für Verkehrspolizisten, Lehrer, Ladenöffnungszeiten und Lebensmittelkontrolleure.

Im Duban Park des nordwestirakischen Khanke, der kleinen grünen Lunge einer 20 000-köpfigen Kleinstadt mit der dreifachen Anzahl an Flüchtlingen, stößt der Unicef-Mitarbeiter auf die junge Frau Yara, deren 17-jährige Schwester sich seit zwei Monaten in IS-Geiselhaft befindet.

Gemeinsam mit 300 Frauen und Kindern wird Nazda, die nicht schnell genug aus ihrem Dorf fliehen konnte, festgehalten, ständig an andere Orte verschleppt und als lebende Geisel zum Schutz vor US-Angriffen benutzt. Yara weiß das alles von heimlichen Telefonaten mit ihrer Schwester, die das Handy einer Mitgefangenen nutzen konnte. Quälende Fragen stellen sich Yara: Wurde Nazda missbraucht? Soll sie verkauft werden? Yara schüttelt mit feuchten Augen den Kopf — sie weiß es nicht. Und wird diesen Gedanken nicht los: „Nazda hat nichts davon gesagt. Vielleicht will sie mich nur schonen?“

Nevin notiert die Fakten, hakt nach, hört zu, nickt und weiß: „Für viele Betroffenen haben diese Berichte auch etwas Erleichterndes. Sie können das Erlebte loswerden.“ Seine Aufgabe habe ihn „anfangs extrem belastet“, weil ein Fall schlimmer als der andere sei.

So notierte er zum Beispiel auch das Schicksal des 14-jährigen Sihad, der mit seinen beiden Brüdern das Dorf verteidigte — und dabei verletzt wurde. Eine Szene, die der kranke Vater hinter dem Fenster beobachtete, heraus stürmte und mit seiner Krücke auf den IS-Terroristen losging. Nevin erzählt: „Der Terrorist hat den Vater vor den Augen des Jungen enthauptet.“

Jemanden wie Nevin, der den Opfern der IS Auge in Auge gegenüber sitzt, belasten zuweilen unerträgliche Fragen: „Was ist schlimmer? Wenn drei Kinder ermordet werden? Oder wenn sie in den Sinjar-Bergen verhungern?“ Nur zu gut kennt er die Gefühle der Eltern und die sich selbst anklagende Frage: „Was hätten wir anders machen können?

Doch Kinder sind auch Opfer auf Seite der IS-Killer. „Eine große Anzahl arabisch, türkisch und sogar englisch sprechender Jugendlicher nehmen selbst an Überfällen teil“, weiß Nevin. Seine Schlussfolgerung: „Sie sind vermutlich im Ausland trainiert. Man lernt nicht in ein paar Tagen, mit solcher Skrupellosigkeit und Gewalt vorzugehen.“

Ein Fall, den der Unicef-Mitarbeiter „auch nicht vergessen kann“, ist der einer jesidischen Familie, die auf der Flucht von ihrem Dorf Telezer ins Sinjar-Gebirge im Auto an einen Checkpoint geriet — und der Vater am Steuer von zwei halb vermummten Gestalten bedrängt wurde. Augenzeugen berichten, „dass die IS-Leute plötzlich das Feuer ins Wageninnere eröffneten. Der Vater, sein Bruder auf dem Beifahrersitz, seine Frau und die drei Kinder hinten — alle tot, erschossen.“

Derartige Zeugenaussagen durchlaufen im Unicef-internen Prüfsystem mehrere Stationen und werden zunächst auf ihre Plausibilität hin analysiert, bevor sie in die Zentrale nach New York weitergereicht werden. Dort fließen sie in die offiziellen Berichte für den UN-Sicherheitsrat ein.

Auch wenn nie alle Verbrechen im Irak festgehalten werden können — so stehen die Dokumente doch wenigstens gegen das Vergessen der Taten. Sie verteidigen die Würde der Opfer und sind Grundlage dafür, dass die Täter vielleicht irgendwann einmal zur Verantwortung gezogen werden können.

Die achtjährige Mira, ein Mädchen aus dem Unicef-Kinderzentrum im Flüchtlingslager Khanke, würde ihr Gemälde sicher gerne als Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einreichen. Ihre Widmung auf dem Bild sagt alles, was Mira mit zarten Farben gezeichnet hat: „Wertvolle Tränen fallen aus den Augen der Jesiden“.

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