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Mugomba: Ugandas Veteranen und der Krieg gegen die Deutschen

Mugomba : Ugandas Veteranen und der Krieg gegen die Deutschen

An einem heißen Tag im August 1943 in Somalia fragte ein britischer Offizier einen ugandischen Soldaten, wer informiert werden solle, wenn er denn im Krieg falle. „Kayiza”, antwortete der 17-jährige Soldat, der daraufhin sogleich bestraft wurde. „Sie nahmen mir den Gürtel, die Schuhe und den Hut weg”, erinnert sich Elismus Katende 74 Jahre später. Er verbrachte den Tag auf einem heißen Hof.

„Sie dachten ich sei ein Spion der Deutschen”, erzählt Katende. Dass die Briten den Namen seines jüngeren Bruders möglicherweise als Referenz an den letzten deutschen Kaiser Wilhelm missverstanden und damit als Affront aufgefasst haben könnten, dämmerte ihm erst später. Die Deutschen waren schließlich für die Briten der Feind.

Anekdoten des 91-jährigen Kriegsveteranen zeigen, wie wenig er und seine Kameraden über den Krieg wussten, in dem sie kämpften. Als er für das britische Königreich gegen Italien an der Front im heutigen Äthiopien stand, waren die Alliierten auf Sizilien gelandet. In Deutschland war zuvor der „Totale Krieg” ausgerufen worden, bereits 15-Jährige mussten dort an die Front.

Bis zu 75 000 Ugander waren Teil der „Kings African Rifles”, eine Infanterie der britischen Kolonialmacht, erklärt der Historiker Timothy Parsons von der Washington University in St. Louis. Hunderttausende Soldaten aus afrikanischen Ländern - deren Grenzen und Namen sich nach Ende der Kolonialzeit teils verändert haben - kämpften für die Briten an den Fronten in Ostafrika und in Birma. Der Feind war die „Achse”: Italien, Japan und das Deutsche Reich.

„Die Briten sagten uns, wir würden viel Geld verdienen, um nach dem Krieg Geschäfte zu gründen und Häuser zu bauen”, erinnert sich Katende Jahrzehnte später. Als Kind habe er sich den Krieg aufregend vorgestellt. Er wollte eine Uniform tragen. „Und Stiefel.” Zudem waren Soldaten in Dörfern wie seinem angesehen.

Katende kämpfte in Abessinien - dem heutigen Äthiopien - und in Somalia. Propaganda gegen Deutschland gehörte zum Alltag. So zeigten die Briten den afrikanischen Soldaten etwa Bilder, auf denen Deutsche vor dem Essen den Führer grüßten anstatt zu beten, erzählt Katende.

Nun sitzt er wieder in Mugombe, seinem Heimatdorf nahe der Hauptstadt Kampala. Ausreichend Geld oder Anerkennung habe er für seine Dienste nicht erhalten, erzählt er heute mit einer Verbitterung, die er offenbar mit anderen Kameraden teilt.

Stephen Kayebe hatte in den 1940ern viele Male die Front in Abessinien überquert und Nachrichten überbracht. „Die Italiener erschossen Menschen, selbst wenn sie ihre Arme zum sich Ergeben hoben”, erzählt der gebrechliche 97-Jährige heute in dem Dorf Kikusa rund 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kampala. An manchen Tagen habe es nichts zu Essen oder auch nur Wasser gegeben. Auf seinem Bauch sei er lange Strecken auf den Feind zu gekrochen, oder weg von ihm. „Es war die Hölle.”

Mehr als 7300 Ostafrikaner kamen im Zweiten Weltkrieg unter britischer Führung ums Leben. Die genaue Zahl sei jedoch nicht bekannt, sagt Parsons. Etwa 820 der ugandischen Veteranen sind heute noch am Leben. Sie hoffen noch immer auf die versprochenen Entschädigungszahlungen, die viele von ihnen bitter nötig hätten.

Katende wurde zum Ende seines Dienstes einmalig entlohnt. 50 Ugandische Shilling bekam er. Damals konnte man sich ein Stück Land davon leisten, Wohlstand brachte es ihm keinen. Sein restliches Leben verbrachte er als Bauer. Heute wohnt er in einem kleinem Ziegelhaus mit einem Zimmer und schläft auf einer Matratze auf dem Boden. Er kann sich nicht genügend zu Essen kaufen, leidet unter Mangelernährung.

Den ugandischen Veteranen stehen keine Pensionen des britischen Militärs zu. Denn für sie galten die gleichen Regeln wie für britische Soldaten - 21 Jahre Militärdienst. Ihnen standen eine Abfindung und mögliche Invalidenzahlungen zu, erklärt Parsons. Doch wegen schlampiger Verwaltung und schlechter Kommunikation hätten manche diese Leistungen nie erhalten.

Ein Gericht in Uganda ordnete 2010 an, dass der ugandische Staat für die Entschädigungszahlungen aufkommen müsse. Die Regierung wollte die Veteranen jedoch lediglich in einem Programm für bedürftige Ältere unterbringen. „Sie kämpften für die britische Kolonialmacht”, sagt Regierungssprecher Shaban Bantariza. Uganda schulde ihnen nichts.

Eine britische Wohlfahrtsorganisation hat sich der Sache angenommen. Die Royal Commonwealth Ex-Services League unterstützt nach eigenen Angaben 703 ugandische Veteranen. Sie wollen ihnen zu einer Mahlzeit pro Tag verhelfen, sagt Christopher Warren von der Organisation.

Vergessen von Großbritannien und Uganda würden die Veteranen „sehr verärgert, verzweifelt, jämmerlich und ohne Ehren” sterben, sagt Ramadan Tambula von der Veteranenvereinigung Uganda Ex-Servicemens Association.

Aloysius Lubega stützt sich beim Gehen auf einen Holzstock, eine Krücke kann er sich nicht leisten. Das Erinnerungen des 94-Jährigen an die Schützengräben im Birma schwinden. Nur mehr vage erinnert er sich an eine Minenexplosion, bei der er einen Finger verlor. „Wir werden selbst im Tod vergessen sein”, sagt der alte Mann.

(dpa)