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Transidentität: Fragen und Antworten

Bedeutung und Begriffe : Fragen und Antworten zum Thema Transidentität

Was ist mit dem Begriff eigentlich gemeint? Worin liegt der Unterschied zur Intergeschlechtlichkeit? Wie läuft eine Geschlechtsangleichung ab? Was Sie über Transidentität wissen sollten, lesen Sie in diesem Artikel.

  • Was bedeutet Transidentität?
  • Transidentität, Transsexualität, Transgender, Transgeschlechtlichkeit, Trans* – worin unterscheiden sich diese Begriffe?
  • Worin liegen die Ursachen von Transidentität?
  • Was regelt das Transsexuellengesetz?
  • Wie viele transidente Menschen leben in Deutschland?
  • Wie läuft eine körperliche Geschlechtsangleichung ab?
  • Worin unterscheiden sich Transidentität und Intergeschlechtlichkeit?
  • Wo finden Menschen Rat und Hilfe rund um das Thema Transidentität?

Was bedeutet Transidentität?

Transidente Menschen können sich nicht oder nicht vollständig mit dem Geschlecht, das ihnen anhand äußerlicher Merkmale zur Geburt zugewiesenen wurde, identifizieren. Einige streben daher medizinische Maßnahmen wie Hormontherapie und Operationen an und/oder beantragen eine Änderung des Vornamens und/oder der Personenstandsdaten, die in offiziellen Dokumenten festgehalten sind. Andere fühlen sich weder dem Geschlecht „weiblich“ noch dem Geschlecht „männlich“ zugehörig. Die Entwicklung, in der transidente Menschen mit Blick auf ihre Geschlechtsidentität in irgendeiner Form Änderungen vornehmen, wird Transition genannt. Transidentität sagt nichts über sexuelle Orientierungen und Vorlieben aus. Für viele bedeutet Transidentität eine starke seelische Belastung und Diskriminierung.

Transidentität, Transsexualität, Transgender, Transgeschlechtlichkeit, Trans* – worin unterscheiden sich diese Begriffe?

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine ganze Reihe an möglichen Endungen gesammelt, die die Vorsilbe „trans“ (lateinisch: darüber, jenseits von) ergänzen. Die Selbstbezeichnungen können sich von Mensch zu Mensch unterscheiden. Folgende Begriffe sind in diesem Zusammenhang am geläufigsten:

Hinweis: Transidentität ist eine höchst persönliche Angelegenheit. Begriffe, Beschreibungen und Definitionen sind nicht in der Lage, diese Individualität abzubilden. Sie können nur als Versuche, Licht auf ein komplexes Thema zu werfen, verstanden werden. Daraus ergibt sich auch, dass die folgenden Begriffserläuterungen keine gänzlich anerkannten Definitionen sind – sie können es nicht sein. Vereine und Organisationen empfehlen, eine Person zu fragen, mit welchen Pronomen und Namen sie angesprochen werden möchte und ob und wie sie ihre Geschlechtsidentität beschreibt.

  • Transgender wird besonders im englischsprachigen Raum als Oberbegriff verstanden, der alle Formen der Nichtübereinstimmung von zugewiesenem und empfundenem Geschlecht einschließt. Mit dem Begriff werden sowohl Menschen beschrieben, die eine dauerhafte (soziale/biologische/rechtliche) Angleichung an das mit Blick auf das binäre System (männlich/weiblich) andere Geschlecht anstreben oder sich keinem dieser beiden Geschlechter zugehörig fühlen, als auch solche, die nur zeitweise einem anderen oder keinem Geschlecht angehören wollen. Es sind also alle gemeint, die die traditionellen Geschlechtergrenzen in irgendeiner Form und aus verschiedenen Gründen überschreiten.
  • Transsexualität ist ein alter und umstrittener Begriff, er wird unter anderem in der deutschen Rechtssprache verwendet. Viele kritisieren, dass Transsexualität einen Zusammenhang mit sexueller Orientierung impliziere und viel mehr die körperliche als die soziale Komponente betone. Menschen, die sich selbst als transsexuell bezeichnen, entgegnen dem, dass Transsexualität für sie vordergründig eine körperliche Angelegenheit sei.
  • Transidentität ist jünger als Transsexualität und älter als Transgender. Der Begriff wirft ein besonderes Licht auf die unvollkommene Identifikation eines Menschen mit dem ihm zugewiesenen Geschlecht und ist weit verbreitet.
  • Transgeschlechtlichkeit kann als ein Mittelweg zwischen Transidentität und Transsexualität verstanden werden, da sich das Wort Geschlecht sowohl auf das biologische Geschlecht (englisch: sex) als auch auf das soziale Geschlecht (englisch: gender) beziehen kann.
  • Trans* ist eine Reaktion auf die Diskussionen rund um den angemessensten Begriff. Das Sternchen kann ein Platzhalter für die oben genannten Endungen oder Koppelungen wie -Frau oder -Mann sein.
  • Transvestitismus wird nicht selten fälschlicherweise synonym mit Transsexualität verwendet. Dabei beschränkt sich der Begriff allein auf die (zeitweise) stereotypische Verkörperung des anderen Geschlechts innerhalb der binären Geschlechterordnung in Form von Kleidung, Schminke und Accessoires. In der Travestie wird Transvestitismus künstlerisch dargestellt, zum Beispiel auf einer Theaterbühne.
  • Menschen, die sich mit dem ihnen zur Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren können, werden als Cis-Menschen bezeichnet.

Worin liegen die Ursachen von Transidentität?

Diese Frage ist nicht abschließend geklärt. Es wird mittlerweile davon ausgegangen, dass Transidentität angeboren ist. Dabei könnten Gene und hormonelle Einflüsse im Mutterleib eine Rolle spielen, das legt zumindest eine Studie des australischen Hudson Institute of Medical Research nahe.

Fest steht: Die sogenannte Geschlechtsinkongruenz ist keine Krankheit – kann aber Krankheiten auslösen. Der Leidensdruck auf Menschen, die ihr zugewiesenes Geschlecht ablehnen, ist oft langanhaltend und hoch. Dieses Unbehagen, das mit Angstzuständen, Wut, Magersucht und Depressionen einhergehen kann, wird in Fachkreisen Geschlechtsdysphorie genannt.

Auf breite Zustimmung stieß der 2018 vorgestellte neue Krankheitenkatalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Nachdem Transidentität jahrzehntelang unter dem Kapitel „Störungen der Geschlechtsidentität“ und damit als psychische Krankheit geführt wurde, ist das Phänomen nun im Kapitel „Zustände sexueller Gesundheit“ zu finden und wird als Genderinkongruenz bezeichnet. Der Katalog tritt voraussichtlich 2022 in Kraft.

Was regelt das Transsexuellengesetz?

Im Transsexuellengesetz (TSG) ist festgelegt, welche Voraussetzungen Menschen erfüllen müssen, um ihren Vornamen und/oder ihren Personenstand zu ändern. Demnach müssen zwei unabhängige Gutachter prüfen, ob sich die antragstellende Person tatsächlich nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht identifizieren kann, und mit welcher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass sie den Schritt nicht bereuen wird. Bis 2011 konnten nur Menschen, die geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen durchgeführt haben, ihren Personenstand ändern lassen.

Für viele Antragstellende ist das Verfahren mit hohen Kosten verbunden, die Regelungen werden in Teilen als diskriminierend erlebt. Der Bundestag lehnte im Mai 2021 Gesetzentwürfe von FDP und Grünen, das 40 Jahre alte und mehrfach überarbeitete Transsexuellengesetz durch ein Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen, mit großer Mehrheit ab.

Wie viele transidente Menschen leben in Deutschland?

Wie viele transidente Menschen in Deutschland leben, lässt sich nicht präzise beziffern, unter anderem weil einige keine Namens- und/oder Personenstandsänderung vornehmen. Die Anzahl der Verfahren nach dem Transsexuellengesetz, die von den zuständigen Amtsgerichten an das Bundesamt für Justiz (BfJ) gemeldet werden, liefert jedoch Hinweise auf die Häufigkeit. Der Auflistung zufolge lag die Zahl 2019 (2582) mehr als doppelt so hoch wie 2009 (992), im Zeitraum 1995 bis 2019 gab es insgesamt 27.025 Verfahren.

Wie läuft eine körperliche Geschlechtsangleichung ab?

Entschließt sich ein Mensch, sich körperlich einem Geschlecht anzupassen, gibt es mehrere Möglichkeiten. In der Regel wird zunächst untersucht, ob eine Hormonbehandlung gesundheitlich unbedenklich ist. In der weiteren Behandlung wird zwischen Maskulinisierung und Feminisierung unterschieden.

Menschen, die sich dem männlichen Geschlecht körperlich angleichen wollen, erhalten Testosterone, die unter anderem dafür sorgen können, dass die Menstruation allmählich aussetzt, die Körperbehaarung zunimmt, die Muskulatur wächst und die Stimmlage tiefer wird. Zusätzlich zur Testosteronbehandlung gibt es maskulinisierende Operationen. Beispielsweise können Brüste sowie Gebärmutter und Eierstöcke chirurgisch entfernen werden. Bei Operationen im Genitalbereich gibt es zwei Möglichkeiten: die sogenannten Phalloplastik und die Metaidoioplastik. Bei der Phalloplastik wird der Penis aus einem Hautstück konstruiert und implantiert. Aus der Haut der Schamlippen wird ein Hodensack, der mit Silikon gefüllt wird, geformt.

Bei der Metaidoioplastik wird die Klitoris freigelegt und zu einem Penis geformt, aus den inneren Schamlippen entsteht eine Harnröhre. Bei beiden Verfahren können die Operierten im Stehen urinieren und einen Orgasmus haben.

Zur Feminisierung des Körpers werden zunächst Östrogene aufgenommen. Im Laufe der Zeit vergrößert sich dadurch die Brust, die Genitalien werden kleiner und die Körperbehaarung nimmt ab. Durch die Östrogene verändert sich der Klang der Stimme nicht, der Bartwuchs bleibt ebenfalls bestehen.

Feminisierende Operationen im Genitalbereich beginnen meist mit der Entfernung der Hoden und der Schwellkörper. Die Haut des Penis wird dann zu einer Vagina geformt, aus der Haut des Hodensacks werden Schamlippen konstruiert und aus der Eichel wird eine Klitoris. Auf diese Operation folgt nach mehreren Monaten eine zweite, bei der kosmetische Korrekturen vorgenommen werden. Auch in diesem Fall bleibt die Fähigkeit zum Orgasmus in der Regel erhalten.

Worin unterscheiden sich Transidentität und Intergeschlechtlichkeit?

Während es bei Transidentität in erster Linie um die Diskrepanz zwischen zugewiesenem und empfundenem Geschlecht geht, sind die angeborenen Geschlechtsmerkmale von intergeschlechtlichen Menschen weder ausschließlich männlich noch weiblich. Intergeschlechtlichkeit kann genetische, hormonelle und/oder anatomische Ursachen haben.

Wo finden Menschen Rat und Hilfe rund um das Thema Transidentität?

Wenn ein Mensch unzufrieden mit dem ihm zugewiesenen Geschlecht ist, kann er einem enormen Leidensdruck ausgesetzt sein. Hinzu kommt in vielen Fällen teils massive Diskriminierung – vor, während und nach der Transition. Rat und Hilfe bieten verschiedene Gruppen, Vereine und Organisationen. Eine kleine Auswahl finden Sie hier:

  • 2012 wurde die unabhängige Selbsthilfegruppe Tx-Aachen ins Leben gerufen. Die Gruppe organisiert Treffen und bietet kompetenten Rat. Unter anderem können sich Interessierte zu einem vertraulichen Erstkontakt-Treffen verabreden.
  • Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) unterhält deutschlandweit ehrenamtliche Beratungsstellen und listet auf ihrer Website zahlreiche Selbsthilfegruppen. Außerdem lassen sich auf der Internetseite des gemeinnützigen Vereins Ergänzungsausweise beantragen und Musterbriefe für Anträge herunterladen.
  • Ein weiterer gemeinnütziger Verein, der sich zur Aufgabe gemacht hat, transidente Menschen und deren Angehörige zu unterstützen, ist die Selbsthilfeorganisation Trans-Ident. Der Verein ist besonders im Süden Deutschlands aktiv. Auf der Internetseite sind Termine für telefonische Sprechstunden gelistet.