Aachen: Tiefer Fall eines Raubeins: Bis zum Suizidversuch

Aachen: Tiefer Fall eines Raubeins: Bis zum Suizidversuch

Es ist eine Abrechnung mit sich selbst. Ex-Fußballprofi Uli Borowka beschreibt in seinem Buch „Volle Pulle — Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“ seinen Aufstieg zum Bundesliga- und Nationalspieler und seinen Absturz in den „Sucht-Sumpf“. Er ist in den 80er und 90er Jahren das Raubein der Bundesliga. Er lässt niemanden an sich heran.

Außer den Alkohol. Borowka ist einer von 1,3 Millionen Alkoholikern in Deutschland. Am Ende steht er vor dem Nichts. Er will sich das Leben nehmen. Borowka liest am Montag in Aachen aus seinem Buch. Vorher spricht er im Interview mit unserer Zeitung über Eskapaden, Sucht und Entzug.

Große Siege und tiefe Abstürze: Uli Borowka nimmt nach dem Sieg im DFB-Pokal 1991 einen Schluck aus dem Pott (oben). Alkohol bestimmte damals sein Leben. Er war ein beinharter Verteidiger, der seine Gegner nie schonte. Borowka geht in seinem neuen Buch mit sich selbst so hart ins Gericht wie 1993 mit dem am Boden liegenden Jan Furtok (unten links). Trotz seiner Sucht schaffte der disziplinierte Arbeiter Borowka den Sprung in die Nationalmannschaft. Bei der EM 1988 spielte er gegen Weltstar Ruud Gullit (unten rechts). Foto: sport/N. Schmidt/Kicker/VI Images, stock/H. Galuscka

Sie beschreiben in Ihrem Buch Ihre Siege als Fußballprofi und ihre Abstürze als Alkoholiker. Was ist für Sie der Tiefpunkt Ihres Lebens?

Borowka: Der absolute Tiefpunkt war mein Selbstmordversuch 1996. Da war mein Leben eigentlich schon zu Ende.

Sie standen ganz nah vor dem Abgrund. Was hat Sie so weit gebracht?

Borowka: Ich war ganz tief im Sucht-Sumpf. Ich war total vernebelt, hatte Halluzinationen. An diesem Tag hat sich der Boden geöffnet. Da war für mich klar: Ich beende das Ganze. Dass das nicht so hingehauen hat, ist umso schöner. Weil ich in den letzten Jahren noch einiges Schöne erlebt habe.

Können Sie sich an den Abend erinnern, an dem Sie sich mit Alkohol, Schmerz- und Schlafmittel umbringen wollten?

Borowka: Klar. Die Erinnerung ist noch da. Ich habe die Bilder im Kopf. Ich war 14 Stunden bewusstlos, bevor ich wieder aufgewacht bin. Ich kann mich noch ganz genau erinnern.

Wenn man nach einem Suizidversuch wieder aufwacht, woran denkt man dann?

Borowka: Ich hatte ungefähr zwei Stunden lang ein schlechtes Gewissen. Dann hatte ich schon wieder die Pulle am Hals.

Ein weiterer schwerer Tiefpunkt, den Sie in ihrem Buch aufgreifen: Sie haben Ihre Frau geschlagen und durften nicht mehr zu Ihren Kindern. Haben Sie heute wieder Kontakt zu Ihrer ersten Frau und den Kindern?

Borowka: Zu meiner Ex-Frau habe ich keinen Kontakt. Ich denke, das ist für beide Seiten in Ordnung. Und zu den beiden großen Kindern ist ganz langsam ein kleines Vertrauensverhältnis entstanden. Mehr kann ich nach den vielen Jahren nicht verlangen. Es liegt noch eine schwere Zeit vor uns, wir müssen vieles aufarbeiten. Aber für mich ist ganz wichtig: Ich habe alles mit mir selbst aufgearbeitet, nicht nur die positiven Dinge, auch die negativen.

Wann haben Sie angefangen, Alkohol zu trinken?

Borowka: Ich bin mit 15 Jahren in die Lehre gegangen, habe Maschinenschlosser gelernt. Da bin ich zum ersten Mal näher mit Alkohol konfrontiert worden. Als der Geselle gesagt hat: „Du trinkst heute Mittag mal ein Bier mit“, hab ich nicht Nein gesagt. Logisch, ich wollte ja eine vernünftige Lehrzeit haben. Dann bin ich zu Borussia Mönchengladbach gekommen. Und da war klar: In einer Mannschaft im Jugendfußball herrscht Gruppenzwang. Wenn man dazugehören will, muss man mittrinken. Das gehört zum guten Ton in Deutschland.

Und dann wurde der Alkohol zum Problem…

Borowka: Ich konnte das nicht kontrollieren. Ich hatte Versagens- und Existenzängste. Ich konnte nach zwei Gläsern nicht sagen, dass es mal genug ist. Und die Alkoholkrankheit ist eine schleichende Krankheit, bei der über Jahre hinweg ein Prozess im Körper stattfindet. Der verlief bei mir genauso wie bei vielen anderen Suchtkranken.

Mal einen über den Durst trinken und Alkoholiker sein, ist ein Unterschied. Wann ist es richtig schlimm geworden?

Borowka: Ich konnte mich irgendwann nicht mehr gegen die Sucht wehren. Und bin dann komplett in diesen Sumpf abgerutscht. Als ich im Jahr 2000 in der Klinik war, habe ich gelernt, dass ich schon 1984 psychisch abhängig war.

Sie haben zum Beispiel schon beim Training daran gedacht, sich danach zu betrinken…

Borowka: Genau. Diese psychische Abhängigkeit kommt vor der körperlichen. In den letzten zwei Gladbacher Jahren und während meiner Zeit in Bremen habe ich richtig gesoffen. Ich hatte ein Tagespensum von einer Kiste Bier, einer Flasche Wodka, einer Flasche Whisky und oben drauf noch Magenbitter.

Und sie konnten trotzdem noch Leistungssport machen?

Borowka: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Leistung zählt. Und ich habe immer meine Leistung gebracht. Deswegen haben viele Menschen über Sachen hinweggeschaut. Zum Beispiel, dass ich mal angetrunken zum Training gekommen bin. Ich war ja immer Leistungsträger.

Und bei einem Leistungsträger haben die Verantwortlichen weggeschaut?

Borowka: Ja. Das ist in unserer Gesellschaft heute noch genauso. Wer Leistung bringt, kann ruhig einmal pro Woche besoffen vom Stuhl fallen. In Deutschland zählen leider immer nur Leistung und der erste Platz. Wenn ein Leichtathlet zur Weltmeisterschaft fährt, seine beste Leitung bringt und Fünfter wird, ist er in unserer Gesellschaft ein Loser.

Konnten Sie denn trotz all des Alkohols immer noch körperliche Höchstleistungen bringen oder war das ein Problem?

Borowka: Körperlich habe ich riesiges Glück gehabt. Ich habe ja ein brutales Pensum gehabt, was den Alkohol angeht. Ich habe mich aber vor den Spielen freitags zusammenreißen können. Dann habe ich nur zwei Gläser getrunken. Aber ich hatte schon wieder das Belohnungsprinzip im Kopf.

Was bedeutet das?

Borowka: Wenn ich gute Leistung gebracht habe, konnte ich am Samstag und am Sonntag wieder saufen. Darüber hinaus habe ich das Glück gehabt, dass mein Körper den Alkohol extrem schnell abgebaut hat. Ich habe teilweise in der Woche bis zwei, drei Uhr nachts gesoffen, war aber morgens der erste auf dem Trainingsplatz.

Die Tatsache, dass Sie trotz des Alkohols Leistung gebracht haben, hat wahrscheinlich auch dazu beigetragen, dass Sie Ihre Sucht in Ihrer aktiven Zeit geheim halten konnten…

Borowka: Ja. Ich konnte das über Jahre hinweg unter dem Teppich halten. Aber es haben auch viele davon gewusst. Das waren Co-Abhängige.

Co-Abhängigkeit, damit meinen Sie, dass Bezugspersonen eines Suchtkranken dessen Sucht zusätzlich fördern, zum Beispiel weil sie nicht mit ihm darüber reden.

Borowka: Ja. Man lässt ja niemanden fallen, den man noch lieb hat. Co-Abhängigkeit ist nichts Schlimmes. Aber viele Menschen aus meinem damaligen Umfeld haben sich nicht damit auseinandergesetzt. Und heute reden die dummes Zeug.

Haben Ihre Mitspieler oder Vereinsverantwortliche Sie denn damals auf Ihr Problem angesprochen?

Borowka: Günter Hermann (ein Mitspieler bei Werder Bremen, Anm. d. Red.) hat mich darauf angesprochen. Ich hab ihm gesagt, dass er sich um seinen eigenen Mist kümmern soll. Und im nächsten Training hab ich den weggeputzt. Der ist natürlich nicht mehr gekommen. Der Trainer (Otto Rehhagel, Anm. d. Red.) hat mich auch mal drauf angesprochen. Da hatte ich zwei Tage ein schlechtes Gewissen. Ich war dann nicht in meiner Stammkneipe, sondern habe zu Hause gesoffen. Aber dann war das Thema wieder erledigt.

Also wussten Spieler und Trainer von Ihrer Sucht?

Borowka: Diese Leute wussten alle davon. Das ist auch nicht schlimm. Aber ihre heutigen Aussagen sind dumm und blöd. Sie können ganz klar sagen, wie es war: „Wir wollten ihm helfen, aber der Uli wollte sich nicht helfen lassen, weil er nicht die Einsicht hatte, dass er suchtkrank war.“ Das ist die Wahrheit.

Was machen die Leute stattdessen?

Borowka: Der Otto Rehhagel spricht zum Beispiel nicht mehr mit mir. Ich habe ihn in meinem Buch co-abhängig genannt und er ist der Meinung, das sei ein persönlicher Angriff. Ich habe Hochachtung vor dem Menschen Otto Rehhagel, aber ich kann nicht verstehen, warum er nicht mehr mit mir spricht, sich dann aber in der Sepp-Herberger-Stiftung engagiert. Einerseits geißelt er mich und andererseits setzt er sich in der Stiftung ein. (Die DFB-Stiftung Sepp Herberger unterstützt zum Beispiel die Förderung des Fußballs in Schulen und die Resozialisierung von Straftätern, Anm. d. Red.)

Aber damals wollten Sie die Leute nicht an sich heranlassen. Sie waren ein eisenharter Verteidiger mit dem Beinamen „die Axt“. Ein knallharter Typ sein und über seine Probleme reden, passte also nicht zusammen?

Borowka: Natürlich passte das nicht. Mein ganzes Kartenhaus wäre zusammengebrochen. Ich war der härteste Abwehrspieler der Bundesliga. Jetzt stellen Sie sich mal vor, ich hätte über meine Gefühle geredet. Das wäre gar nicht gegangen.

Das wäre zumindest schwer vorstellbar in der Bundesliga der 80er und 90er Jahre.

Borowka: Und ich war dazu noch ein Adrenalin-Junkie. Ich bin in Dortmund extra 30 Sekunden nach meinem Kollegen eingelaufen, um mich von 60000 Zuschauern auspfeifen zu lassen. Jetzt stellen Sie sich mal vor, ich hätte darüber geredet, dass ich gar nicht so ein harter Kerl bin. Da wäre doch was los gewesen in der Bundesliga.

Heute betreuen Sie suchtkranke Sportler. Was raten Sie denen?

Borowka: Ich rate denen: outet euch nicht. Unsere Gesellschaft ist nicht so weit.

Sportler sollen ihre Alkoholprobleme also weiterhin geheim halten?

Borowka: Wenn sich einer outete, würde der seinen Vertrag verlieren. Der würde rausfliegen. So sieht‘s aus.

Die Situation hat sich seit den 80er und 90er Jahren nicht geändert?

Borowka: Im Großen und Ganzen hat sich nicht allzu viel getan. Der Fußball hat sich verändert. Aber die Menschen sind geblieben. Es ist egal, ob man eine psychische Erkrankung oder eine Suchtkrankheit hat — sich zu outen ist in unserer Gesellschaft nicht möglich. Das hat sich nicht geändert.

Sie waren nie der talentierteste Fußballer. Aber mit harter Arbeit haben Sie es trotzdem in die Bundesliga und in die Nationalmannschaft geschafft. Wie passt das zusammen: Disziplin und Alkoholabhängigkeit?

Borowka: Das erwartet man erst mal nicht. Aber es zeigt auch, dass ich in erster Linie ein Mensch bin — mit Schwächen, Ängsten und Gefühlen. Willen und Ehrgeiz, die Eigenschaften, mit denen ich mir damals alles erarbeitet habe, helfen mir heute dabei, trocken zu bleiben.

Wenn man ihr Buch liest, hat man das Gefühl, dass sie so hart, wie sie auf dem Platz zu Ihren Gegenspielern waren, mit sich selbst ins Gericht gehen. Das klingt nach einer 180-Grad-Wende.

Borowka: Nachdem ich in der Klinik war, habe ich ganz offen über meine Probleme geredet. Aber natürlich passt das nicht in unsere Gesellschaft. Ein Alkoholkranker muss mit Lumpen auf der Parkbank liegen. Dieses Bild haben die Leute vor Augen.

Also wird man ausgegrenzt?

Borowka: Ja, ich habe mich nach meinem Klinikaufenthalt bei 20 Vereinen beworben. Nach außen sagen alle: „Das tut uns aber leid, dass der krank ist.“ Aber hinter verschlossenen Türen heißt es: „Den können wir doch nicht einstellen. Stell dir mal vor, der wird rückfällig.“ Man bekommt einfach keine Chance mehr.

Wie sind Sie dazu gekommen, eine Entziehungskur zu machen?

Borowka: Christian Hochstätter, damals Sportdirektor in Gladbach, und Wilfried Jacobs, damals Präsident in Gladbach, haben mich gesehen und gemerkt, dass ich nur noch vor mich hinvegetierte. Die haben mir hinter meinem Rücken einen Platz in der Klinik Bad Fredeburg besorgt.

Haben Sie sich nicht dagegen gewehrt?

Borowka: Ich hatte ja nichts mehr. Ich dachte geh mal da hin. Da hast du ein Dach überm Kopf und bekommst was zu essen. Mein Gedanke war: Nach zwei, drei Wochen kannst du wieder gehen und kontrolliert trinken. Den Zahn haben sie mir in der Klinik schnell gezogen.

Wenn man Ihr Buch mit anderen Sportlerbiografien vergleicht, bildet es eine Ausnahme. Oft erzählen die Autoren solcher Bücher Heldengeschichten. Aber Sie beschreiben den Weg in die Sucht sehr detailliert. War es nicht schwierig, sich diese Zeit immer wieder vor Augen zu führen?

Borowka: Das war schwierig. Ich habe ein Jahr mit meinem Co-Autor Alex Raack an dem Manuskript gearbeitet. Als ich es dann gelesen habe, bin ich in ein Loch gefallen. Da bin ich erst nach zwei Wochen wieder herausgekommen. Mein ganzes Leben ist noch einmal vor meinen Augen abgelaufen.

Sind Sie schon mal rückfällig geworden, seit Sie aus der Klinik gekommen sind?

Borowka: Nein. Aber ich weiß, dass ich bis an mein Lebensende gefährdet bin.