Kathedrale Notre-Dame: Symbolort des Glaubens und der Nation

Kathedrale Notre-Dame : Symbolort des Glaubens und der Nation

Diese Kirche gehört – ohne jede Übertreibung – zur französischen Identität. Und ihr Wiederaufbau, so überwältigend diese Aufgabe heute auch wirkt, wird geradezu zur Staatsräson der Republik. Wahrscheinlich verbindet jeder Franzose Erinnerungen mit Notre-Dame – Erinnerungen an Jeanne d’Arc und Napoleon, an General de Gaulle oder den Glöckner Quasimodo.

Auch die Dimensionen sind einzigartig: „Der Dachstuhl des Langhauses stammte noch aus der Erbauungszeit, er dürfte um 1220 errichtet worden sein und ist jetzt fast vollständig verbrannt“, sagt Bayer. „Etwa 1300 Eichen wurden zu seiner Herstellung verwendet – geschätzt ungefähr 21 Hektar Wald. Es ist ein Jammer.“ Der ebenfalls verbrannte Dachstuhl des Querhauses stamme aus der Restaurierungsphase des 19. Jahrhunderts. Der am Montagabend eingestürzte, spektakuläre und 93 Meter hohe Vierungsturm habe aus einer Holzkonstruktion bestanden, die mit Bleiplatten verkleidet war. „Allein die Konstruktion dieses Turms bestand aus 500 Tonnen Holz, bedeckt mit 250 Tonnen Blei – alles verbrannt und zerschmolzen.“


Von Victor Hugo verklärt


Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das religiöse Herz der Nation immer stärker nach Notre-Dame verlagert; so wie das politische Herz seit der Rückkehr des Königshofes Ende des 16. Jahrhunderts in Paris schlägt. 1455 wurde der Revisionsprozess um Johanna von Orleans in Notre-Dame eröffnet. 1572, mitten in der heikelsten Phase der Religionskriege, fand hier die Trauung des künftigen Königs Heinrich IV. statt – allerdings nur im Portal der Kirche, da der reformierte Bräutigam die katholische Kathedrale nicht betreten wollte. 1643 wurden die Eingeweide König Ludwigs XIII., 1715 die des „Sonnenkönigs“ Ludwigs XIV. in der Kathedrale beigesetzt.

Wie so viele katholische Kirchen in Frankreich erfuhr Notre-Dame während der Revolution tiefste Demütigung. Zunächst als revolutionärer „Tempel des Höchsten Wesens“, entweiht, wurde sie später zum Weinlager. Erst Napoleon ordnete 1802 wieder eine Nutzung für den Gottesdienst an und krönte sich hier im Dezember 1804 in Anwesenheit von Papst Pius VII. selbst zum Kaiser. Victor Hugos Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ (1831) machte das verfallende Gotteshaus dann zum Gegenstand romantischer Verklärung. Intensive Instandsetzungen unter dem Meister der französischen Restauratoren Eugene Viollet-le-Duc (1814-1879) folgten.

Diesen verklärten Nimbus hat die Pariser Kathedrale im Grunde bis heute behalten. Sie ist Referenzpunkt für die Entfernungsmessung im gesamten Land. „Herz“, „Symbol“, „Kristallisationsort“ wurde sie seit Montagabend unzählige Male genannt. Und ein solcher Symbolort lockt in Zeiten, in denen immer mehr unbedeutende Menschen nach Aufmerksamkeit verlangen, vermeintliche Symboltäter an.

Konnte unter anderem gerettet werden: die berühmte Dornenkrone. Foto: dpa/Remy De La Mauviniere

So gab es zuletzt nicht nur mehrere Terrorwarnungen und Alarm durch Drohnenüberflüge. Gläubige klagten über Kopfschmerz und Schwindel, sodass eine Vergiftung des Weihwassers in Erwägung gezogen wurde. Und im Mai 2013 erschoss sich der rechtsextreme Theoretiker und Waffenkundler Dominique Venner demonstrativ vor dem Hauptaltar.

Auch liturgische Geräte blieben unbeschadet. Foto: AFP/THOMAS SAMSON

In Notre-Dame sind heute die wichtigsten Reliquien von Paris versammelt, darunter auch eine Dornenkrone und ein Kreuznagel, die traditionell als von der Kreuzigung Jesus Christi stammend verehrt werden sowie der Waffenrock des Heiligen Ludwig. Bei der Dornenkrone soll es sich um jene handeln, die römische Soldaten Jesus Christus vor seiner Kreuzigung auf sein Haupt gesetzt haben. Die Krone wurde bei dem verheerenden Brand des Gotteshauses schon am Montagabend gerettet und ins nahe gelegene Pariser Rathaus gebracht – ebenso wie der symbolträchtige Waffenrock des Heiligen Ludwigs und Königs von Frankreich.

Auch wenn Kulturminister Franck Riester einen Tag nach der verheerenden Brandkatastrophe im Herzen der Hauptstadt mit tiefen Sorgenfalten vor die Kameras tritt, so kann er doch verkünden, dass auch die drei weltberühmten Rosenfenster wohl „keinen katastrophalen Schaden“ erlitten haben. Die jahrhundertealten Fenster versinnbildlichen die Blumen des Paradieses. Sie wurden im 13. Jahrhundert erschaffen und seitdem mehrmals renoviert. Zwei der Rosenfenster haben einen Durchmesser von 13 Metern. In der Mitte der drei Glasfenster sind jeweils die Jungfrau Maria, das Jesuskind und Christus abgebildet.

Und was ist mit den großen Ölgemälden in der Kathedrale? Sie haben wohl eher einen Rauch- als einen Brandschaden erlitten, resümiert Ressortchef Riester. „Sie können wohl von Freitag an aus Notre-Dame abtransportiert werden.“ Sie sollen ins Louvre-Museum zur Restaurierung. Wie Innen-Staatssekretär Laurent Nuñez betont, muss die stark zerstörte Kathedrale erst abgesichert werden, bevor der Kunst-Transport beginnen kann.


Von Schutt und Staub bedeckt


Die Kathedrale besitzt mehrere Orgeln, wobei die Hauptorgel auf der Westempore zu den größten und bekanntesten weltweit gehört. Sie hat mehr als hundert Register und fast 8000 Pfeifen. Zwischen 2012 und 2014 wurde sie umfassend restauriert, einige Teilen stammen noch aus dem 18. Jahrhundert. Mit ihrem Bau wurde im 15. Jahrhundert begonnen. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete unter Berufung auf den langjährigen Organisten der Kathedrale, Philippe Lefèvre, dass die große Orgel zwar nicht gebrannt habe, aber nun von Schutt und Staub bedeckt sei.

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