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Washington: Sturm auf Suppenküchen: Krise trifft die Schwächsten in Amerika

Washington : Sturm auf Suppenküchen: Krise trifft die Schwächsten in Amerika

Seit 19 Jahren verteilt Alice Hodgkins für die US-Hilfsorganisation „Salvation Army” in Ocala (Florida) Essen an Arme - und immer konnte sie den Menschen helfen. Bisher. „Das habe ich noch nie erlebt. Vor kurzem waren unsere Regale leer, wir hatten nichts mehr zu verteilen”, sagt sie

Es ist ein trauriger Fall von vielen. In den gesamten USA werden die Schlangen vor den Suppenküchen immer länger - eine Folge der schweren Wirtschaftskrise mit massiven Arbeitsplatzverlusten und sinkenden Gehältern.

So wird die Washingtoner Hilfsorganisation „Capitol Area Food Bank” (CAFB) nun geradezu von Anrufen überflutet, in denen Arme um kostenloses Essen bitten - jeden Tag sind es fast drei Mal so viele wie im vergangenen Jahr. Seit dem Herbst verzeichnet auch die Lebensmittel-Verteilstelle „Food for Others” in Fairfax (Virginia) einen steten Anstieg der Zahl von Hilfesuchenden, jeden Monat sind es 40 Prozent mehr im Vergleich zu den vier Wochen davor.

Bei der Katholischen Armenhilfe in Fulton (New York) ist der Ansturm nicht ganz so stark gewachsen - „nur” um 30 Prozent von Monat zu Monat. Dennoch können die Mitarbeiter dort die Regale kaum mehr füllen: Während in Washington und Fairfax viele reiche Familien mehr Geld geben als früher, ist die Spendenbereitschaft in der ärmeren Region Fulton stark gesunken. „Viele, die bisher gespendet haben, müssen nun selbst hierhin kommen und um unsere Hilfe bitten”, sagt die Mitarbeiterin Judy Eagan. Mit Briefen an Privathaushalte habe sie um Geld gebeten, aber es kamen kaum Reaktionen.

Bei einem „Food Drive” fuhren freiwillige Helfer durch Wohngebiete, klingelten an jeder Haustür und baten um Speisen für die Armen - trotzdem hat Judy Eagan viel weniger zu verteilen als im vergangenen Jahr. „Ich bin sicher, dass das Geld, das wir brauchen, da ist”, meint sie. „Aber die Leute, die noch etwas haben, machen sich solche Sorgen um die Wirtschaft, dass sie es lieber zusammenhalten.”

Auch die Zahl von Menschen ohne Wohnung steigt. Hauptsächlich seien arme Familien, Mieter, zu Opfern der Wirtschaftsmisere geworden, sagt Philip Mangano, Leiter eines staatlichen Programms zum Kampf gegen die Obdachlosigkeit. Er schildert, wie bitter es zugeht: Ohne jede Vorwarnung hätten viele Familien die schockierende Mitteilung von der Bank bekommen, dass ihr Vermieter die Hypothek für sein Haus nicht gezahlt habe und es nunmehr zwangsversteigert werde. Die Mieter müssten ausziehen - innerhalb von 30 Tagen. „Es ist ein unglaubliches Trauma für viele Familien, dass sie auf die Straße gesetzt werden, obwohl sie ihre Miete immer pünktlich gezahlt haben”, sagt Mangano.

Besonders Großstädte melden, dass immer mehr Familien mit Kindern in die Notunterkünfte strömen. Allein in New York übernachteten Mangano zufolge hier im November 30 Prozent mehr Familien als im Vergleichsmonat 2007.

An die Hilfsorganisationen wenden sich zahlreiche Menschen, die dies vorher nie nötig hatten. „Vielen, die das erste Mal kommen, ist es peinlich, dass sie bei uns nach Lebensmitteln fragen müssen. Ich glaube, es gibt sogar Leute, die sich so sehr schämen, dass sie gar nicht kommen”, sagt Helferin Hodgkins in Florida.

Ein Lichtblick: Nach Medienberichten über die prekäre Lage vieler Armen-Einrichtungen spenden wohlhabende Privatleute mehr als in der Vergangenheit, sagt eine Sprecherin der Organisation „Goodwill”, eines der größten US-Hilfswerke. Während die Einrichtung dadurch sogar mehr einnimmt als noch vor einem Jahr, sieht es bei der CAFB nicht so rosig aus. Ein Großteil der bei der Lebensmittelbank eingehenden Spenden, 85 Prozent, stammen von Firmen - die nun viel weniger geben oder gar pleite sind. Noch hat die CAFB Vorräte, doch diese werden kleiner.

Der Staat will jetzt den Obdachlosen verstärkt unter die Arme greifen: Zusätzliche vier Milliarden Dollar (3,14 Mrd Euro) sollen Städte und Gemeinden zum Aufkaufen von Mehrfamilienhäusern bekommen, um mehr Menschen eine Bleibe zu bieten. Aber soweit wird es erst im nächsten Jahr sein, und das bedeutet für viele Betroffene: Weihnachten im Obdachlosenasyl.