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Interview mit Pychologe Gert Kaluza: Stress ist, was wir daraus machen

Interview mit Pychologe Gert Kaluza : Stress ist, was wir daraus machen

Die Stressresistenz eines Menschen wird in der Kindheit festgelegt. Doch jeder kann etwas dafür tun, sein Stresslevel gar nicht erst zu erreichen, sagt der Pychologe Gert Kaluza.

Wir leben in unruhigen Zeiten. Es erwarten einen im Alltag mehr Aufgaben, als Zeit da ist, um alles zu erledigen. Doch was wir selbst mit und aus diesen Stressfaktoren machen, ist eine andere Sache, sagt der Marburger Psychologieprofessor Gert Kaluza. In gelassener Atmosphäre beantwortete er die Fragen von Claudia Schweda.

Gibt es generelle Tricks Gegen Stress?

Kaluza: Das Stressgeschehen ist für Patentrezepte zu individuell. Aber es gibt drei große Wege zur individuellen Stressbewältigung. Der erste ist die sogenannte instrumentelle Stresskompetenz. Es geht darum, sich mit den auslösenden Situationen auseinanderzusetzen, sie zu verändern oder auszuschalten. Es geht um Selbst- und Zeitmanagement, also: Prioritäten zu setzen, die Zeit realistisch zu planen, sich nicht zu viel vorzunehmen, solche Dinge. Dazu gehört auch, Grenzen zu setzen, mal Nein zu sagen und sich gegen Erwartungen, die andere an einen richten, abzugrenzen.

Verhalten wir uns also oft zu passiv, wenn zu viel auf uns einprasselt?

Kaluza: Genau. Wir müssen das, was an Spielräumen da ist, wirklich nutzen. Dazu gehört auch, Hilfe einzufordern, sich um Unterstützung zu kümmern. Das sind Dinge, die dazu beitragen können, die Stress auslösenden Situationen selbst zu verändern.

Was wäre der zweite Weg?

Kaluza: Die regenerative Stresskompetenz. Es geht um das Thema Erholung. Wie kann ich für einen Ausgleich, für Entspannung sorgen? Auch da gibt es sehr individuelle Möglichkeiten. Wichtig ist, dass jeder sie für sich ausmacht und dann auch im Alltag regelmäßig in Anspruch nimmt, um neue Energie zu tanken.

Versucht das denn nicht jeder, der Stress hat?

Kaluza: Leider nein. Ganz im Gegenteil. Im Angesicht von vielfältigen Aufgaben versuchen viele, diese Erholungsbedürfnisse ganz weit zurückzustellen, durchzuarbeiten, durchzuhalten und über ihre Leistungsgrenzen zu gehen. Und meist ist die Freizeit oder das Wochenende nur eine Verlängerung der Arbeitszeit, weil die gleichen Normen und Prinzipien gelten. Wieder ist man für andere da. Um sich erholen zu können, muss man wirklich auf sich selbst gucken und sich fragen, was man selbst jetzt braucht. Darum geht es.

Ist es Stress, schon viel zu tun zu haben?

Kaluza: Das würde ich nicht so sagen. Negativ im Sinne von schädlich für die Gesundheit wird Stress immer dann, wenn er chronisch wird, also über lange Zeiträume anhält und Erholungsphasen und Entspannungsphasen fehlen oder gar nicht mehr möglich sind.

Wie viel Einfluss habe ich denn? Was sagen Sie denjenigen, die zu Ihnen kommen und es eben nicht in der Hand haben, dass ein Auftrag bis zu einem bestimmten Termin abgewickelt sein muss?

Kaluza: Man muss konkret und im Einzelfall hinterfragen: Ist es für die Auftragserfüllung im Ergebnis nicht sinnvoll, wenn ich jetzt mal eine Pause mache und dann anschließend um so besser arbeite, anstatt jetzt durchzupowern, dabei Fehler mache, die ich nacharbeiten muss, und dann letztlich alles noch länger dauert? Wenn es um Anforderungen im familiären Bereich geht, gilt es zu hinterfragen, inwieweit muss ich wirklich diese Erwartung von anderen erfüllen. Am Anfang von jedem individuellen Stressmanagement steht die Erkenntnis: Alles auf einmal geht nicht. Es ist die Akzeptanz eigener Grenzen.

Sie würden also sagen: Es gibt keinen Stress, an dem man nicht tatsächlich etwas ändern kann?

Kaluza: Das würde ich sagen, ja. Stress ist das, was wir am Ende aus dem machen, was von außen an uns herangetragen wird. Damit sind wir beim dritten Punkt. Dabei geht um die eigene mentale Einstellung zu den Dingen. Wie nehme ich sie wahr? Wie stelle ich mich diesen Dingen gegenüber ein? Das ist die mentale Stresskompetenz. Es geht darum, wie man reagiert. Denke ich positiv? Am besten ist, sich zu sagen: Kommt immer wieder vor, hab ich schon ein paar Mal hinbekommen, kriege ich dieses Mal auch hin, klappt schon.

Es geht nur darum, positiver zu denken?

Kaluza: Wichtig ist auch, ob es mir gelingt, mehr innere Distanz zu den Dingen zu gewinnen, es gar nicht so sehr zu einer persönlichen Sache von mir zu machen. Das ist das Hauptproblem: Wie sehr bin ich in das Geschehen persönlich involviert? Wenn ich mein eigenes Selbstwertgefühl in einem zu starken Maße davon abhängig mache, dass ich alle Aufgaben erfülle, werde ich häufig in Stress geraten, weil die Situation für mich selber sehr viel bedeutet.

Aber ein Job macht doch auch deswegen Spaß, weil er mir nicht ganz egal ist?

Kaluza: Ich kann engagiert sein, aber mich trotzdem nicht persönlich auf Gedeih und Verderb damit verbinden. Ich kann mein Bestes geben, weiß aber auch: Ich werde überleben, wenn es nicht klappt. Da kann man viele Parallelen zum Sport ziehen. Bei ganz vielen Sportarten ist es kontraproduktiv, wenn der Sportler persönlich zu viel investiert, weil er dann verkrampft. Wenn er sich sagen würde, ich gebe mein Bestes, weiß aber auch, dass ich mit einer Niederlage umgehen kann, ist er entspannter. Es geht um einen souveränen Umgang mit solchen Anforderungssituationen. Das mindert den Stress automatisch.

Gibt es persönliche Stressverstärker, die es wahrscheinlich machen, dass man sich viel früher unter Stress gesetzt fühlt als andere?

Kaluza: Ja. Es geht um menschliche Motive, die übersteigert sind. Beispiel: Jeder hat den Wunsch, von anderen anerkannt und geliebt zu werden. Wenn aber das eigene Selbstwertgefühl und das eigene innere Gleichgewicht davon abhängt, dass dieses Motiv zu jeder Zeit zu 100 Prozent erfüllt ist, dann werde ich mich in einer Vielzahl von Situationen unter Stress gesetzt fühlen. Und zwar immer dann, wenn ich Gefahr wittere, jemand könnte mich nicht leiden, wenn ich scheitere.

Hat Schnee eine besondere Wirkung auf die menschliche Psyche?

Kaluza: Naturerlebnisse wie Waldspaziergänge haben nachgewiesenermaßen eine beruhigende und ausgleichende Wirkung auf Körper und Seele. Und Schnee bietet eine sehr reizarme, ruhige Umgebung, die diesen Effekt verstärken kann. Japaner haben sich das von uns Deutschen abgeschaut und sprechen tatsächlich vom „Waldbaden“.

Fühlen sich alle Menschen ab dem gleichen Punkt gestresst?

Kaluza: Nein. Menschen unterscheiden sich darin, wie sensitiv ihr biologisches Stresssystem reagiert. Das entwickelt sich in der frühen Kindheit. Die Erfahrungen, die der Säugling in Stresssituationen macht, sind dafür entscheidend.

Was führt zu einer größeren Stressresistenz?

Kaluza: Wenn das Urvertrauen gefördert wird. Wenn Mama kommt, wenn das Baby vor Hunger schreit. Die Erfahrung von verlässlicher Bindung, das ist der wichtigste Faktor, um das biologische Stressystem später im Zaum zu halten. Das Kind macht die Erfahrung: Ich bin nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt eine Möglichkeit, diese für mich schwierige Situation zu kontrollieren und in den Griff zu kriegen. Es gibt einen Ausweg.

Wie funktioniert das?

Kaluza: Das biologische Stresssystem hat einen Rückkopplungsmechanismus eingebaut, der wie eine Stressbremse funktioniert. Wenn ein bestimmtes Level an Stresshormonen ausgeschüttet ist, wird über dieses Rückkopplungssystem die weitere Ausschüttung von Stresshormonen gehemmt. Dieses sich selbst begrenzende System ist nicht da, wenn Sie auf die Welt kommen. Diese Stressbremse wird in den frühen Lebensjahren ausgebildet und hängt mit diesen frühkindlichen Bindungserfahrung zusammen. Die Gene, in denen der „Bauplan“ für diese Stressbremse enthalten ist, sind gewissermaßen verpackt. Sie werden nur dann entpackt, wenn das Kind solche verlässlichen Bindungserfahrungen macht. Wenn das nicht der Fall ist, dann wird diese Stressbremse nicht „gebaut“. Diese Menschen sind ihrem Stress ausgeliefert. Sie leiden sehr stark unter Angst.

Helfen dann nur noch die drei Punkte, die Sie zu Beginn angesprochen haben?

Kaluza: Das alleine wird kaum genügen. Wenn ich ein sensibles Stresssystem habe, das ganz schnell anspringt und auch ganz schwer wieder zur Ruhe kommt, dann sollte ich das wissen und auch für mich selbst akzeptieren. Sich sein Leben danach einzurichten, ist nicht leicht.