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Berlin/Mannheim: Sternchen, Tribal, Delfine: Auch Tattoos unterliegen der Mode

Berlin/Mannheim : Sternchen, Tribal, Delfine: Auch Tattoos unterliegen der Mode

Sich eine Tätowierung stechen zu lassen, ist heute nichts Besonderes mehr. Und an prominenten Vorbildern mangelt es nicht - Schauspielerin Franka Potente hat welche, Fußballer Thorsten Frings und Rocker Bela B. sowieso.

Dennoch fällt die Entscheidung nicht leicht - modern soll das Tattoo sein, etwas aussagen sollte es auch, und natürlich soll es für ein persönliches, unverwechselbares Lebensgefühl stehen. Doch was ist, wenn der frisch Tätowierte nach dem Besuch im Studio feststellt, dass dieses ungewöhnliche Motiv gar nicht so ungewöhnlich ist? Schließlich unterliegen auch Tattoos Trends.

Gerit Pfütz aus Berlin zum Beispiel hat sich eine stilisierte Lilie in den Nacken tätowieren lassen, wie sie auf der Flagge der kanadischen Provinz Quebec zu finden ist. „Ich war ein Jahr dort und wollte eine Erinnerung haben - für immer”, sagt die 20-Jährige. Dass das Symbol zugleich für die Freimaurerpfadfinder steht, war ihr vorher nicht bewusst. Es beschreibt aber sehr genau die Schwierigkeit hinter symbolhaften Tattoos. „Es ist mein zweites Tattoo - das erste ist ein Stern auf dem Knöchel, aber das hat ja mittlerweile jeder”, erzählt die angehende Studentin.

Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach kommen Tattoos zwar langsam aus der Mode und scheinen eher ein Phänomen der achtziger und neunziger Jahre zu sein. 41 Prozent der Deutschen sagten im vergangenen Jahr, Tattoos seien out. Drei Jahre davor waren es nur 29 Prozent gewesen. Und selbst bei den unter 30-Jährigen findet nur noch die Hälfte Tätowierungen in. Vor allem prominente Vorbilder wecken aber immer wieder den Wunsch nach Körperschmuck.

Unter weiblichen Jugendlichen sollen mehr als 40 Prozent eine Tätowierung oder ein Piercing haben, hieß es im Frühjahr in der Ausstellung „Unter die Haut” im Museum für Kommunikation in Frankfurt/Main. Gerit Pfütz sagt, sie hätte sich für den Stern unabhängig von Trends oder Vorbildern wie Sarah Kuttner entschieden - die Moderatorin hat den Stern am Arm tätowiert und über ihre TV-Präsenz in ihrer Zielgruppe populär gemacht. Und schon gar nicht wolle sie sich mit dem Stern einer sozialen Gruppe zuordnen.

Es gebe Trends, die immer mal wieder aufkommen, sagt Tätowierer Stefan Schulz aus Berlin. In den achtziger Jahren sei das der Delfin gewesen, in den Neunzigern das Steißtribal - auch „Arschgeweih” genannt. Und jetzt gerade sei es der Stern, den die Fernsehmoderatorin Sarah Kuttner so populär gemacht hat.

Dass Tattoos keine Aussage über die soziale Zugehörigkeit machen können, glaubt Boris Rödel, Chefredakteur des größten deutschen Fachorgans „Tätowier-Magazin”, das in Mannheim erscheint. „Das Arschgeweih ist kein Unterschichtenstempel. Das hat sich damals doch jeder stechen lassen”, erinnert sich der 38-Jährige. Viel mehr sei ein Tattoo ein Modetrend wie jeder andere - den jeder mitmachen oder lassen könnte.

„Modetattoos sind meist kleine Bilder, ohne konkrete Bedeutung und offen für Interpretationen”, sagt Rödel. Deswegen könne man diese Tattoos ja dann auch so oft sehen, weil sie theoretisch zu jedem passen. „Das ist der Grund, warum zur Zeit die Sternchen auch so gut laufen.” Sie seien klein, leicht zu verstecken, und jeder könne seine eigene Bedeutung hineinlegen.

„Wer jetzt kein voll tätowierter Profi ist und einfach nur ein Bild haben möchte, der sollte möglichst eines ohne Bedeutung wählen.” Denn schnell kann es sein, dass die Lilie im Nacken dann doch mehr aussagt, als es dem Träger lieb ist - wie im Fall von Gerit.

Doch die Mode vergeht. Was soll man daher tun, wenn das Tattoo nach zwei oder drei Jahren nicht mehr gefällt? „Es gibt genau zwei Möglichkeiten: Wer sich zum ersten Mal tätowieren lässt, der wird entweder mit dem Tattoo-Virus angesteckt - und möchte mehr. Oder er bereut es hinterher”, sagt Schulz. Wer mit seinem ersten Tattoo nicht mehr zufrieden ist, kann es dann in ein anderes Tattoo verwandeln, es vergrößern, oder das Motiv übertätowieren. „Das aber nur, wenn er Spaß am Tätowieren gefunden hat.”

Die Alternative ist, sich das ungeliebte Bild weglasern zu lassen. „Das ist aber sehr schmerzhaft und kann, bei schlechter Anwendung zu hässlichen Narben führen”, erklärt Rödel. Als Kostenpunkt müsse man ungefähr den Preis, den man auch für das Tattoo bezahlt hat, einkalkulieren. „Um solchen Situationen aus dem Weg zu gehen, sollte die Entscheidung ein Tattoo zu wollen, wohl überdacht sein.”

Der Kunde sollte sich die Frage stellen: „Mag ich mein Motiv auch noch in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren?” Sonst werden aus dem japanischen Zeichen im Nacken schnell ein Tattoo für den gesamten Rücken - oder eben eine unansehnliche Narbe.

„Wer sich für ein Tattoo entschieden hat, sollte auch dazu stehen”, sagt Rödel. Auch für den Szenekenner, der selbst 45 Bilder am Körper hat, gibt es aber bestimmte Motive, die er nicht unbedingt schön findet. „Das ist wie mit einer krummen Nase oder einem Karl-Dall-Auge - das gehört zu meinem Körper und stellt für mich und andere ein individuelles Merkmal dar.”