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München: Ständig auf der Jagd nach Unwettern

München : Ständig auf der Jagd nach Unwettern

Schlechtes Wetter gibt es für Lars Lowinski und Jens Winninghoff nicht, höchstens ein „äußerst faszinierendes, spannendes, beeindruckendes”. Lowinski und Winninghoff sind so genannte Storm Chaser (Sturmjäger) und gehören dem Bavaria Storm Team an.

Als professionelle Meteorologen haben die beiden ihren Beruf auch zum Hobby gemacht. Das Geschehen am Himmel zu beobachten, zu messen und zu protokollieren ist eine Leidenschaft, die sie bereits zu Schulzeiten betrieben haben, wie die beiden erzählen.

Wenn andere das Weite suchen und sich in ihren Häusern verkriechen, werden Lowinski und Winninghoff so richtig aktiv. Stürme, Hagel, Gewitter - das, was allgemein als „Unwetter” bezeichnet wird, weckt bei den beiden einen regelrechten Jagdinstinkt. Lowinksi sagt, schon Stunden vor einem Gewitter oder einem Wintersturm versetze ihn das Geschehen am Himmel in eine Art Trance.

Bereits als kleiner Junge betrieb er zu Hause eine „Wetterstation” mit einem Thermometer, einem kleinen Niederschlagsmesser und einem Luftfeuchtigkeitsmesser. Stundenlang saß er damals am Fenster und beobachtete das Treiben am Himmel. Für ihn sei das „eine Passion, kein Hobby”.

Schlüsselerlebnis für Lowinskis Leidenschaft waren vor einigen Jahren extreme Winterstürme rund um seine Heimatstadt Aachen. In einem für die Gegend außergewöhnlich strengen Winter tobten in seinem Landkreis die Orkane Vivien und Wibke. Diese Ereignisse hätten sich ihm eingeprägt, erzählt er. Danach habe er mit dem Storm Chasing angefangen.

Als Meteorologe kann er das Potenzial von nahenden Unwettern genau abschätzen. Ob harmloses Sommergewitter oder gefährlicher Sturm, Lowinski weiß, was auf ihn zukommt. Wird es spannend, greift er zum Telefon und informiert sein Team. Gemeinsam mit mehreren Leuten des Bavaria Storm Team fährt Lowinski dahin, wo es am meisten kracht und stürmt.

Das Team ist perfekt ausgerüstet: Ein geländetauglicher Wagen garantiert Mobilität, ein Laptop, Navigationssystem und zusätzliches Kartenmaterial, Videokamera, Fotoapparate, Stromkonverter, Handwindmesser, Messgeräte für Luftfeuchtigkeit und Temperatur, alles haben die Leute mit im Gepäck.

„Uns ist es wichtig, dass wir so nah wie möglich am Geschehen sind, am besten direkt mitten drin”, sagt Storm Chaser Lowinski. Ausschlaggebend dabei sei, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. „Das Wetter bleibt stets die unberechenbare Variable”, weiß der Meteorologe.

Jedes Mal, wenn das Team richtig lag und das Zentrum eines Sturms erreicht hat, ist es für die Wetterbegeisterten ein kleines Fest. Dann sprechen Lowinski und Winninghoff davon, einen Sturm oder ein Gewitter „gelesen” zu haben. Sie erkennen einzelne Strukturen von Gewitterwolken oder analysieren akribisch energiegeladene Windfelder.

Winninghoff fasziniert besonders die Wetterlage an den Alpen. Wenn in den Tälern starker Schnee fällt oder sich im Sommer eine schnell ziehende Gewitterfront gebildet hat, ist er so oft es geht vor Ort. Windstärken von bis zu 137 Stundenkilometern habe er mit seinem eigenen Messgerät bereits gemessen, erzählt er stolz. Dabei sei gerade auch die enorme Geräuschkulisse eines Sturms, Hagels oder Gewitters faszinierend. Im kommenden Jahr will Winninghoff sich einen Traum erfüllen und in die USA fliegen, um Tornados zu jagen.

Ihre Leidenschaft hat die beiden Extremwetterfanatiker auch ab und an in riskante Situationen gebracht. Das Risiko könnten sie als Profis jedoch abschätzen, nur für Laien sei es gefährlich, sind sich die beiden einig. „Das ist ähnlich wie bei einem Experten, der das Verhalten von Krokodilen abschätzen und sich daher in die Nähe dieser Tiere wagen kann”, betonen sie.