1. Panorama

Brüssel: Stählernes Konstrukt statt klassischer Fichte

Brüssel : Stählernes Konstrukt statt klassischer Fichte

Er ist einer der schönsten Plätze in Europa. Der Große Markt in der belgischen und EU-Hauptstadt Brüssel. Prunkstück des Platzes ist das in niederländischer Gotik erbaute Rathaus. Aber auch die anderen barocken Häuser, einst Sitz der Handwerksgilden im Mittelalter, machen den Brüsseler Marktplatz zu einem der schönsten in Europa, weshalb er auch zu recht auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes steht.

Nun ist dieser wunderschöne Platz total verschandelt, meinen viele Belgier. Verschandelt deshalb, weil der Stadtrat erstmals überhaupt in der Vorweihnachtszeit keinen echten Weihnachtsbaum mehr hat aufstellen lassen. Anstatt einer hohen stämmigen Fichte steht auf dem Großen Markt jetzt der ,,Xmas 3.‘‘ Dieser Baumersatz ist eine nach Meinung von vielen Belgiern ,,hässliche Konstruktion‘‘ aus viel Stahl, Glas und ein bisschen Holz. Der Brüsseler „Xmas 3“ ist 24 Meter hoch, wer ihn von innen sehen oder besteigen will, muss vier Euro Eintritt zahlen. Er steht im schrillen Kontrast zu den mittelalterlichen Gebäuden des Marktplatzes, die von einem samtig-warmen Licht beleuchtet werden, während der „Xmas 3“ wirkt wie ein Gletscher in der Wüste.

Brüssel wäre nicht Belgien, und Belgien wäre nicht das Königreich der vom Sprachenstreit zwischen niederländisch-sprachigen Flamen und frankophonen Wallonen gespaltenen Nation, wenn der „Xmas 3“ nicht auch dem Sprachenstreit neue Munition liefern würde. ,,Die Flamen haben sowieso ein etwas gespaltenes Verhältnis zu ihrer Hauptstadt Brüssel. Aber gerade in der Weihnachtszeit kamen viele Flamen jedes Jahr extra nach Brüssel, um bei einem Glas Glühwein den riesigen Weihnachtsbaum zu bestaunen. Das hatte Tradition. Jetzt aber wurde mit dieser Tradition gebrochen, weil kein richtiger Christbaum aufgestellt wurde,‘‘ sagt die flämische christdemokratische Abgeordnete Bianca Debaets.

25000 unterzeichnen Protestnote

Sauer sind viele Flamen auch darüber, dass der Brüsseler Bürgermeister Freddy Thielemans den Auftrag für das „Xmas 3“-Projekt an das französische Architekturbüro ,,1024‘‘ vergab und dass der stählerne Baum 44.000 Euro gekostet hat. Für das Aufstellen der klassischen Fichte als klassischen Christbaum musste die Stadt früher nur 5000 Euro aufwenden.

Der Protest vieler Belgier gegen den Weihnachtsbaum, der nach ihrer Meinung keiner ist, bricht sich vor allem im Internet Bahn. 25000 Belgier haben bereits eine digitale Protestnote gegen den „Xmas 3“ unterschrieben. Sie fordern: Wir wollen unseren klassischen Christbaum wieder.

Auch unter den vielen Touristen, die in diesen vorweihnachtlichen Tagen nach Brüssel zum Shopping kommen, erregt der seltsame Weihnachtsbaum auf dem Großen Markt die Gemüter. Patricia, eine junge Britin, muss lange darüber nachdenken, bevor sie auf die Frage, was sie von diesem Weihnachtsbaum halte, antworten kann. Dann sagt sie: ,,Er strahlt keine Liebe aus.‘‘