1. Panorama

Hannover/Hamburg: Springend und kletternd die Stadt erobern

Hannover/Hamburg : Springend und kletternd die Stadt erobern

Mauern, Gelände und Abgründe springend überwinden: Bei der Sportart Le Parkour gehen die sogenannten Traceure täglich an ihre Grenzen. Und das weltweit.

Lorenz Warnke nimmt Anlauf, springt mit Schwung gegen eine Mauer, klammert sich oben fest, zieht sich hinauf, hüpft auf der anderen Seite auf den Bürgersteig und joggt locker weiter. Umwege sind dem 18-jährigen Hamburger fremd. Lorenz Warnke ist ein Traceur. Er hat die Sportart „Le Parkour” und damit das Überwinden von Hindernissen in Hamburg und der Welt für sich entdeckt.

Großes Vorbild der Traceure (frz.: la trace = Fährte) ist der Franzose David Belle, der „Le Parkour” vor ungefähr 18 Jahren entwickelt hat. „Belle hatte von seinem Vater Fluchttechniken aus dem Vietnam-Krieg gelernt”, berichtet Warnke. Aus diesen Sprüngen und Klettermethoden entwickelte David Belle in der Betonlandschaft der Pariser Vororte den spielerischen Sport, der sich inzwischen vor allem unter Jugendlichen größter Beliebtheit erfreut.Traceure klettern Mauern hinauf, hangeln sich an Geländern entlang und springen über Abgründe, immer auf der Suche nach dem effektivsten und schnellsten Weg durch den Parcours, den ihnen ihre alltägliche Umgebung bietet.

Dank ihrer spektakulären Optik wurden die Techniken des Parkour schon in Actionfilmen und aufwendigen Werbeclips eingesetzt. Dabei geht es echten Traceuren überhaupt nicht um den Showeffekt. „Im ersten Moment sind zwar alle davon fasziniert, wie cool die Sprünge und Tricks des Parkour aussehen. Aber mit der Zeit merkt man, dass es nicht darum geht aufzufallen, sondern vielmehr um Disziplin, Konzentration und die Arbeit an sich selbst”, sagt Warnke.

Vor jeder Bewegung müsse man blitzschnell abschätzen, welcher Sprung der Richtige ist und welche Technik man anwenden muss, um sicher und unversehrt auf der anderen Seite zu landen. „In diesem Augenblick wird man plötzlich ganz ruhig, und alle anderen Gedanken sind wie weggeblasen”, berichtet Warnke. Wenn man diese Fokussierung niemals verliere, sei die Verletzungsgefahr auch nicht besonders hoch. Parkour werde vor allem dann gefährlich, wenn man sich selbst überschätze und Sprünge wage, die den eigenen Körper überfordern. „Auch wenn es Traceure gibt, die über Häuserschluchten springen und an Brücken entlang hangeln - übertriebener Wagemut ist nicht der Sinn des Parkour”, sagt Warnke.

Jeder sollte nur das machen, was seinen Fähigkeiten entspricht. „Für gefährliche Sprünge braucht man jahrelanges Training - und selbst dann sind große Höhen natürlich noch ein Risiko”, sagt Warnke.Vor allem bei Anfängern bestehe die Gefahr, dass sie sich plötzlich wie Superman fühlen und zu schnell zu viel wagen. Jeder Traceur müsse daher vor allem lernen, Verantwortung für sich und seinen Körper zu übernehmen. „Zwar macht das Überwinden der eigenen Grenzen einen Reiz dieser Sportart aus - aber gleichzeitig darf man auch nicht zu viel riskieren”, sagt Warnke.

Um dieses Gefühl für die eigenen Fähigkeiten zu erlangen, sollte man sich langsam an die Sportart herantasten. „Man geht nicht einfach raus und fängt an, von fünf Meter hohen Mauern zu springen”, warnt Lorenz Warnke. Erst mal müsse man Grundlagen wie das richtige Landen, das Balancieren und das Klettern üben. Nach und nach erweitere man sein Repertoire an Bewegungen und lerne, mit seiner Angst umzugehen. Und selbst mit reichlich Erfahrung dürfe man die Risiken nie aus dem Blickwinkel verlieren. „Alle neuen Bewegungen trainieren wir immer erst einmal sehr lange auf Bodenniveau, bis wir so sicher sind, dass wir uns höher hinauf wagen können”, sagt Warnke.

Um die Sprünge und Kletterpartien sicher und unbeschadet zu überstehen, braucht man außerdem viel Kraft. „Krafttraining gehört genauso zum Parkour wie das Üben im Gelände”, sagt Warnke. Während der Lernphase überwiege sogar die Zeit, in der man sich rein um den Muskelaufbau kümmere. Um die Landungen einigermaßen abzufedern und die Gelenke nicht zu sehr zu strapazieren, benötige ein Traceur außerdem gute Sportschuhe. Feste Regeln gibt es bei Parkour nicht. „Man kann machen, was man will, so lange man andere damit nicht belästigt und nichts beschädigt”, sagt Warnke. Die respektvolle Haltung des Traceurs seiner Spielwiese gegenüber äußere sich durchaus auch mal darin, Fußspuren von beliebten Hindernissen zu putzen. Obwohl eine karge Betonlandschaft mit vielen Mauern, Treppen, Geländern und Pfeilern das Traceur-Herz höher schlagen lässt, ist Parkour keine reine Großstadtsportart.

„Auch in der freien Natur ist Parkour ein tolles Erlebnis. Dort kann man Baumstämme, Bäche und Felsen als Hindernisse verwenden”, sagt Lorenz Warnke. Die Szene der Traceure ist in Deutschland nicht in festen Vereinsstrukturen organisiert. „Den Einstieg bekommt man am besten über den Kontakt mit erfahrenen Traceuren”, sagt Warnke. Es sei üblich, dass die Älteren den Jüngeren helfen und sie in den wichtigsten Techniken unterrichten.