Moskau: Sommer-Flirt in Moskau: „Hast Du heißes Wasser?”

Moskau: Sommer-Flirt in Moskau: „Hast Du heißes Wasser?”

Die Millionen-Metropole Moskau ist im Sommer kein Ort für Warmduscher. Eiskalt dreht die größte Stadt Europas trotz hoher Luftverschmutzung ihren Bewohnern reihum für zwei Wochen das heiße Wasser ab.

Wenn die Wassertemperatur sinkt, steigt der Flirt-Faktor: „Hast Du heißes Wasser?” ist zwischen Mai und August ein beliebter Anmachspruch. Der eine oder die andere trägt stets ein Shampoo-Fläschchen mit sich herum, jederzeit bereit für ein amouröses Abenteuer. Ein russischer Blogger höhnt: „Das ist ein soziales Experiment - sie stellen das heiße Wasser ab, und neun Monate später steigt die Geburtenrate.”

Plötzlich klebt ein kleiner Zettel neben der Eingangstür und warnt die „verehrten Anwohner”, dass das warme Wasser im Haus abgedreht wird. Spülen, waschen, duschen - dafür haben die weit mehr als zehn Millionen Einwohner nun nur noch kaltes Nass zur Verfügung.

Schuld sind - offiziell - die maroden Leitungen, die währenddessen saniert oder ersetzt werden. Wohnblockweise trifft die Abstellung zwischen Mai und August jeden irgendwann - nicht nur in der teuren Metropole Moskau.

Im restlichen Russland und den meisten früheren Sowjetrepubliken bricht im Sommer sogar eine meist deutlich längere „Eiszeit” an. Auch in den Neubauvierteln der DDR mussten viele Menschen in der warmen Jahreszeit wochenlang ohne heißes Wasser auskommen.

Jeder Moskauer hat seine eigene Strategie für die Heißwasser-Pause. Gemeinsame Bade- und Schrubbabende wie zu Großmutters Zeiten bringen Partys in Schwung. Auch Ausländer gewöhnen sich rasch an die Gegebenheiten. „Wir kochen literweise Wasser”, erzählt die Französin Marie, die sich seit drei Jahren mit zwei Freundinnen eine Wohnung in der Stadt teilt. „Wir füllen große Bottiche und schütten uns das Wasser gegenseitig über den Kopf. Das ist immer ein riesiges Spektakel.”

Ein Gewinner des alljährlichen Rituals sind die Banjas, die traditionellen Dampfbäder. Stammgäste schauen häufiger vorbei, ganze Familien kreuzen zum gemeinsamen Bad auf. Die Zahl seiner Gäste nehme während der sommerlichen Eiszeit erheblich zu, erzählt Juri Butorin von der Sandunowski Banja, der ältesten Sauna in Moskau. „Wir öffnen früher, damit sich die Leute auf dem Weg zur Arbeit noch duschen können.”

Nur neun Prozent der Hauptstädter beißen auf die Zähne - und duschen kalt, ergab eine Umfrage der englischsprachigen Zeitung „The Moscow Times”. Doch langsam rüsten die Bewohner auf. Fast jeder Dritte nutzt bereits einen Durchlauferhitzer. Als „Investitionsprogramm für die Elektroindustrie” verspotten einige die heißwasserlose Zeit deshalb.

Dennoch wundern sich immer mehr Menschen, warum im modernen Moskau überhaupt noch die Abschaltung nötig ist. „Für die Rohrsanierung reichen doch zwei Tage aus”, beschweren sich immer mehr. Und so vermuten die misstrauischen Moskauer, dass sich vor allem der kommunale Versorger Moek die Taschen füllen will. Schließlich, so heißt es kritisch, berechne der Monopolist auch in der Zeit Geld für heißes Wasser, in der der Hahn nur kaltes spendet.

„Die Wartungsarbeiten sind eine vorsorgende Maßnahme”, widerspricht Moek-Sprecherin Raifa Bitkowa. Dadurch sollen die Rohre die harschen Minusgrade im Winter überstehen. Eigentlich sollten die maroden Leitungen spätestens im kommenden Jahr alle ersetzt sein. „Aber wegen der Wirtschaftskrise hat sich der Prozess verzögert”, sagt Bitkowa. Die Moskauer müssen also wohl noch einige Jahre lang im Sommer mit kaltem Wasser vorlieb nehmen.